Bericht Meine politische Verfolgung in der DDR

Ich wurde 1934 geboren, hatte wegen Vertreibung aus Stettin eine schwere Schulzeit, begann 1951 eine Lehre als Forstfacharbeiter (und zahlte von da ab auch SVK- und Rentenbeiträge), arbeitete anschließend in meinem Beruf.

Meine erste politische Verfolgung begann damit, dass ich trotz sehr guter Zeugnisse zum Studium an einer Forstfachschule oder an einer Arbeiter- und Bauernfakultät nicht zugelassen wurde, weil ich nicht "Kind der Arbeiterklasse" war. Der Vater war Beamter.

Dieser Verfolgung entzog ich mich durch Arbeit: Ich besuchte neben meiner schweren Arbeit die Abendoberschule in Potsdam, legte das Abitur der DDR ab und wurde wegen der sehr guten Abiturnoten Student an der Technischen Universität Dresden. Das Studium beendete ich 1964 erfolgreich als Diplomingenieur für Geodäsie / Kartographie.

Meine zweite politische Verfolgung begann gleich nach einem Studium: Ich arbeitete im VEB Topographischer Dienst Schwerin als Brigadeleiter Topographie und hatte Umgang mit Topographischen Karten, diese waren vertrauliche oder geheime Verschlusssache. Ich wurde aufgefordert, "Westkontakte" zu meinem Vater, meiner Schwester und zu meinen Freunden in Westdeutschland zu unterlassen. Dem folgte ich nicht, ich verlor meine Arbeit.

Meine dritte politische Verfolgung begann 1974. Ich arbeitete als "EDV- Organisator" im VEB Maschinelles Rechnen Schwerin. Ich hatte für DDR- Verhältnisse ein sehr hohes Gehalt und bezahlte davon Beiträge zur FZR (Freiwillige Zusatzrente). Mir wurden aus nichtigen Anlässen vor einer "Konfliktkommission" Vorwürfe wie "Staatsverleumderische Hetze, Verleumdung von Funktionären ..." gemacht. Ich verlor meine Arbeit, dabei spielte wiederum eine Rolle, dass ich Kontakte zu meinen Verwandten im "Westen" unterhielt, und ich durfte dann anschließend nur noch als Rangierer und Gleisbauer bei der Bahn arbeiten.

Im Rahmen der Erwachsenenqualifizierung wurde ich Facharbeiter für Betrieb und Verkehr der DR. und später Fahrdienstleiter der DR. Weitere politische Verfolgungen ab 1974 bestanden darin, dass ich nicht mehr als Fahrdienstleiter arbeiten durfte, Gleisbauer wurde, weitere Bemühungen, eine meiner Ausbildung einigermaßen adäquate Arbeit zu erhalten scheiterten aus Gründen, die mir damals in der DDR nicht bekannt waren, worüber ich aber später bei der "Gauckbehörde" reichlich Stasiakten lesen durfte.

1987 wurde ich im Rahmen einer weiteren Erwachsenenqualifizierung Meister für Gleisbau der DR. Ich arbeitete als Streckenmeister bei einer Bahnmeisterei und wurde 1991 (mit Beginn 1992) in den Vorruhestand gegangen. Ich bin jetzt Rentner. 1990 leistete ich aktive Beiträge zum Sturz der SED- Diktatur in Potsdam.

1992 hatte ich meinen ersten Termin zur Akteneinsicht bei der "Gauckbehörde" in Potsdam. Mir wurden aus der Zeit von 1964 bis 1989 Stasiakten vorgelegt, die belegen, dass ich während dieser Zeit kontinuierlich beobachtet und als "Klassenfeind" behandelt wurde. Meine Telefongespräche wurden abgehört, meine Briefe wurden kontrolliert, in meine Wohnung wurde eingebrochen und dort selbst meine Korrespondenz fotografiert.

1994 (endgültige Formulierung 1995) stellte ich Antrag auf Rehabilitierung beim "Amt für Rehabilitierung" beim Justizministerium in Schwerin. Ich erhielt mit Datum vom 24.03.1998 den folgenden Bescheid:

(Rehabilitierung)
Sie sind Verfolgter im Sinne des § 1 Abs. 1 Nr.4 BerRehaG

Die Verfolgungszeit dauerte vom 01.04.1972 bis 02.10.1990

Ausschließungsgründe liegen nicht vor (d.h. ich war als Verfolgter nicht gleichzeitig Stasispitzel).
... Kosten usw.

Rentenberechnung

Diesen Bescheid reichte ich beim Rentenversicherer ein. Mir wurde meine Rente wegen "politischer Verfolgung" um nur 95 Mark auf 1925 Mark erhöht. Wäre ich nicht verfolgt worden, würde ich wie meine ehemaligen Kollegen auch eine Spitzenrente von ca. 2600 Mark beziehen. Denn ich gehörte in der DDR mit meinem Gehalt zu den Spitzenverdienern und zahlte deswegen auch sehr hohe Beiträge einschließlich der FZR.

Die höchste Rente von 3000 Mark erhält der Herr Genosse Parteisekretär der SED, denn der wurde während seiner Studien an den Parteischulen immer als Betriebsangehöriger geführt und bezahlt. Wie die Täter der SED ihre Bezüge vor höchsten Gerichten einklagen und dann auch noch "Recht" bekommen, setze ich als bekannt voraus. Von 1998 bis 2002 kämpfte ich um die Verbesserung meiner Rente. Letztendlich mit Erfolg.

Krankheit als Folge der Kämpfe

Im Februar 2002 wurde ich von der BfA nochmals aufgefordert, Unterlagen beizubringen und Beweismittel vorzulegen. Das tat ich dann und suchte die Akten zusammen. Plötzlich erkrankte ich mit den Augen: Ich sah alles doppelt. Die Untersuchungen beim Augenarzt ergaben keinen organischen Befund, letztendlich wurde ich zum Neurologen überwiesen. Dessen Messungen der Hirnströme ergaben: "Erhebliche Störung des vegetativen Nervensystems, das u. a. die Parallelität der Augen steuert, ist Ursache der Fehlsichtigkeit."

Ich hatte meine letzen "Beweismaterialien" unterdessen bei der BfA abgeliefert. Nach Rat des Neurologen nahm ich Beruhigungstabletten und schlief tagelang. Die Fehlsichtigkeit ging langsam wieder zurück. Er riet mir, ich möchte doch bitte "... meine Vergangenheit in der DDR..." vergessen. Sie haben jetzt, als Folge ihrer seelischen Aufregungen einen extrem hohen Blutdruck, andere Patienten in ihrer Situation leiden unter Magengeschwüren und Magenkrebs.

Meine Augenärztin erklärte mir, dass Fehlsichtigkeiten als Folge nervöser Belastungen nicht behandelt werden können, dass Patienten aus solchen Gründen erblinden. Geblieben ist ein zu hoher Blutdruck, der bis an mein Lebensende behandelt werden muss.