Biografisches Die Jugendjahre

von Irmgard Mahlow

Ich sollte konfirmiert werden, aber auch die Jugendweihe erhalten, da man der Ansicht war, um später studieren zu können, muss die Entlassung aus der 8. Klasse auf sozialistische Art und Weise erfolgen. Bekannte aus dem Westen hatten schwarzen Samtstoff geschickt, und ich bekam ein Kleid geschneidert. Das sah sehr gut aus und ich hatte als einziges Mädchen noch ein Bolero-Jäckchen dazu. Problematisch für mich war immer der Schuhkauf, denn ich hatte mit 14 Jahren schon Größe 42.

Letztlich fertigte mein Patenonkel, der Schuhmacher gelernt hatte, ein paar Schuhe für mich an, die zwar gut passten aber mir überhaupt nicht gefielen. Trotzdem musste ich diese tragen. Zum Glück kaufte mir Mutter vor dem großen Fest noch ein paar Pumps in 41. Die wurden so auf dem Leisten gespannt, dass ich fast ohne Probleme laufen konnte.

Jugendweihe und Konfirmation

Die Jugendweihe wurde schon lange vorher geprobt: Der Einmarsch, das gleichzeitige Hinsetzen aller Teilnehmer und das Gelöbnis, das die Jugendweihe erst zu einer solchen werden ließ. "Ja, das geloben wir" war ein Versprechen an den Staat, alles in seinem Sinne zu tun. Der Redner pries die Vorzüge des Sozialismus und beschwor die "Bonner Ultras", dass sie keinen Krieg wieder vom Zaun brechen sollen. Mit Hilfe der Sowjetunion und allen sozialistischen Staaten sollte uns das gelingen zu verhindern.

Nach der Feierstunde wurde für ein Gruppenbild fotografiert. Alle Mädchen in schwarzen Samtkleidern. Ich stand abseits, wegen meiner Körpergröße. Ich schämte mich neben Inge oder den anderen. Meist stand ich gebückt.

Das Jugendweihekleid trug ich dann zur Konfirmation mit der Bibel unter dem Arm. Das war keine Missachtung der Kirche, es war einfach ganz normal, Jugendweihe und Konfirmation zu erhalten. Es waren auf jeden Fall auch zwei Feste, wobei die Jugendweihe sehr aufwendig vorbereitet und gefeiert wurde. Das für das Fest zu schlachtende Federvieh, wurde gemästet - die Hähne wurden "kabaunert".

Das konnte meine Tante: Mittels scharfer Rasierklinge wurden die Hähne ihrer Männlichkeit beraubt. Zwei Stiche mit der Nadel, da war die Wunde zu. Zugucken konnte ich dabei nicht, das Viehzeug tat mir leid. Aber zum geplanten Schlachtetermin hatten sie das gewünschte Gewicht und dem Frikassee stand nichts mehr im Wege.

Zwei Wochen vorher wurden Plätzchen gebacken, die dann den Gratulanten übergeben wurden. (Wer ein Geschenk brachte, bekam natürlich einige Plätzchen mehr, als diejenigen, die nur eine Gratulationskarte übergaben.) Die Plätzchen wurden mit guter Butter gebacken, denn man wollte sich nicht nachsagen lassen, dass selbige nicht schmeckten. Früher wurde mit Schweinefett oder Margarine gebacken.

Es war seitens der Eltern bestimmt worden, dass ich wegen meiner guten schulischen Leistungen zur Oberschule gehen soll, um nach weiteren vier Jahren das Abitur abzulegen. Einen Fernseher hatten wir inzwischen auch, der aber nur zu bestimmten Sendungen eingestellt wurde. Grundsätzlich schaltete Vater an dem Apparat. Mutter meinte ohnehin, davon keine Ahnung zu haben und mir wurde es verboten, da sonst etwas kaputt gehen könnte. Westfernsehen konnten wir empfangen, das musste aber geheim bleiben.

Vater hat sich nur durch die Sendungen der ARD informiert. Klopfte es draußen, wurde sofort umgeschalten. In der Schule wurden die Sendungen "Der schwarze Kanal" mit Karl-Eduard von Schnitzler ausgewertet, aber diese Hetze gegen den Westen wurde bei uns nicht angesehen.

Man war erzogen worden, zu allem still zu sein. In der Schule passte ich auf, mich nicht zu verplappern, denn der Kapitalismus wurde als schlimmster Feind der Menschen benannt und nur Lenin, Marx und Engels hatten mit ihren Theorien Recht. "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen", das war das erstrebenswerte Ziel. Russland durfte nicht gesagt werden, man hatte Freunde in der Sowjetunion und wir Kinder pflegten Brieffreundschaften, obgleich wir trotz des Russischunterrichtes diese Briefe kaum selbst übersetzen konnten. Dass wir ab und zu Westpäckchen bekamen, wurde auch verschwiegen.

Etwas Besonderes: die Westpakete

War aber ein solches im Hause, hat jeder schon am Geruch gemerkt, dass etwas aus dem Westen angekommen sein musste. Kaugummi war für mich der Renner. Heimlich wurde er aus dem Schrank genommen und im Bett leidenschaftlich gekaut. Was für eine Freude, wenn ein solches Paket ankam, dem man die lange Reise schon ansah. Erst wenn die Familie abends zusammen war, wurde es geöffnet. Jeder sollte die gleiche Freude daran haben und den Bekannten huldigen für ihre Gaben. Kaffee oder Ananas wurden für Festtage beiseite gelegt, Puddingpulver und Vanillezucker wurde auch nur für besondere Kuchen verwendet.

Das Stück Luxseife kam in den Schrank zur Wäsche. Eine Tafel Schokolade wurde aufgeteilt und alle aßen genießerisch davon. Ich bekam den Auftrag, den Dankesbrief zu schreiben, in dem sich Mutter mit einigen Zeilen des Dankes anschloss. Sie wollte sich zu Geburtstagen der Bekannten immer revanchieren und es begannen Überlegungen, wie man den "Westlern" eine Freude machen kann.

Es wurde mit Wurstpaketen versucht, aber die kamen nicht an oder kaputt wieder zurück. "Geschenksendung - keine Handelsware" musste auf den Paketen stehen. Trotzdem ging da Vieles seltsame Wege und ob sich die Bekannten überhaupt richtig freuten, war zu bezweifeln.

Da mein Bruder immer noch so gerne zu mir ins Bett kam, fiel einmal ein Kaugummi in seine blonden Haare und sie verklebten. Ich habe ihm notgedrungen die Haare an diesen Stellen abschneiden müssen. Erstaunlich, dass da meine Mutter nicht geschimpft hat. Nur dem Vater nichts erzählen, das war ihre Sorge. Vater wurde überhaupt ferngehalten von unliebsamen Dingen. Was nicht unbedingt gesagt werden musste, behielt meine Mutter für sich. Das fand ich gut. Es ersparte auf jeden Fall viel Ärger.

Ab und zu kaufte sie auch mal etwas, ohne sein Wissen. Da sie durch die Arbeit in der Gaststätte eigenes Geld verdiente und Vater nicht genau wusste wie viel, konnte sie sich auch mal etwas leisten, ohne ihn zu fragen oder Rechenschaft abzulegen.

Ich litt unter meiner Größe

Als wir zur Hochzeit des Sohnes von Tante Marta, also meinem Cousin, eingeladen wurden, war die Freude groß. Immerhin sollte ich ein neues Kleid bekommen und für meinen Bruder ließ die Mutter ein weißes Oberhemd nähen. Ich hatte ein gelbes zweiteiliges Kleid aus Blasendederon. Dieser Stoff war ganz neu entwickelt worden und ich stolz, davon ein Kleid zu haben. Schwierigkeiten gab es wieder beim Schuhkauf.

Bei dieser Hochzeit wäre ich fast vor Scham in den Boden versunken, denn der mir zugedachte Tischpartner war reichlich einen Kopf kleiner als ich. Nur meine Mutter sah mir an, wie sehr ich litt. Ich konnte mich nicht mehr freuen; lief im Brautzug ganz gebückt durch den Ort, wo mich zum Glück nicht jeder kannte.

Ich glaubte, alle Leute sehen nur noch auf mich. Hätte ich den jungen Mann bei den Händen gefasst, hätten die Leute gedacht, es sei mein kleiner Bruder. Deprimierend war dann die Aufstellung für das Hochzeitsfoto, da holte man für meinen "Bräutigam" einen Hocker, damit der Größenunterschied nicht so auffallen sollte.

Wen wundert's, dass ich nicht lachen konnte, so wie es erwartet wurde. Ein paar hässliche Worte vom Vater taten ein Übriges und die Tränen stiegen mir in die Augen. Er, der immer darauf bedacht war, dass ich ein "ordentliches Gesicht" mache, musste nun mit meinen Tränen fertig werden. Er wäre am liebsten nach Hause gefahren. Je mehr er schimpfte, dass ich mich nicht so haben sollte, desto schlimmer litt ich. Ich hasste mich und meine Körpergröße. Ich hätte mich am liebsten ganz weit weg gewünscht.

Überall wirkte sich meine Körpergröße als peinlich aus, worunter ich sehr litt. Wer mich länger nicht sah, sprach mich sofort wegen meines Wachstums an. Vater hatte mir schon als Kleinkind eingehämmert, dass ich drei Meter zehn werden würde. Zum allgemeinen Gelächter musste ich das immer wiederholen.

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2005, 10:04 Uhr