Biografisches Ich, eine verheiratete Frau und Mutter

Am 18. März 1967 sollte eigentlich unsere Hochzeit sein, da das Kind nicht als "lediges" Kind zur Welt kommen sollte. Es passierte aber, dass mein Bruder plötzlich an Gelbsucht erkrankte und mein Mann sich ansteckte. Als mein Bruder mit dem Krankenauto wieder nach Hause gebracht wurde, musste er schnellstens in die Klinik. Ich war hochschwanger und alle hatten natürlich Angst, dass dem ungeborenen Kind etwas geschehen könnte.

Weinend stand ich oft vor dem Krankenhausfenster, denn der Zutritt zu Gelbsuchtkranken war nicht gestattet. Meinem Bräutigam schien es gut zu gehen und er verstand meine Tränen nicht. Letztlich wurde der 1. April 1967 als Hochzeitstermin vorgesehen. Wir sprachen beim Pfarrer vor und mussten uns einige Male in der Kirche sehen lassen. Zum Glück waren wir beide getauft.

Den Brautstrauß aus rosa Nelken bekamen wir nur, weil Mutter wieder eine Bratwurst als Trinkgeld reichte. Das weiße Spitzenkleid nähte mir eine Nachbarin, die schon jahrelang bei uns Milch holte; frische Kuhmilch war wohl das Beste. Es war eine ganz liebe Frau, die mir so manchen guten Rat gab und sehr gerne aus ihrem Leben erzählte.

Ihr Mann war ihr nie ganz treu, sie wusste es und nahm es als gegeben hin. Wie sie damit umging, konnte ich nicht verstehen. Von ihr stammt auch die Weisheit, dass man einen Mann immer gewähren lassen soll. Er ist ohnehin in fünf Minuten fertig, dreht sich rum und schläft. Also, warum sich dann erst seinen Annäherungsversuchen sträuben, was nur Ärger bringt.

Außerdem sagte sie mir, dass ein Mann solange Verkehr ausüben kann, solange er auch Butter beißen kann. Und Butter kann man immer beißen, wenn nicht mit den Zähnen, dann mit dem Zahnfleisch. (Heute weiß ich, dass sie mit ihren Theorien nicht Unrecht hatte…)

Ihr Mann, ein ehemaliger Eisenbahner, war nun oft zu Hause. Kamen Frauen zur Kleideranprobe ins Haus, war er stets dabei. Eine Frau im Unterrock sah er zweifelsfrei gerne. Auch als ich zur Anprobe kam, im fünften Monat schwanger, blieb er dabei, wenn ich mich an - oder auskleidete. Als eine von drei Schneiderinnen im Ort, nähte sie sauber und schnell und deshalb hatte sie, trotz des recht neugierigen Mannes, regen Zuspruch.

Hochzeit auf dem Dorf

Die Eltern hatten festgelegt, wer alles zur Hochzeit eingeladen wird; auch mein Cousin aus Wernigerode, von dem ich den ersten Kuss bekam. Auch die Geschwister des Vaters wurden eingeladen (und kamen auch), ungeachtet dessen, dass sie sich untereinander nicht gut verstanden. Bei Feierlichkeiten konnte man es ertragen, sich wenigstens zu sehen und dann bei Gesprächen in eine andere Richtung zu schauen.

Es waren viel zu viele Leute eingeladen worden, aber eine armselige Hochzeit wollten sich die Eltern nicht nachsagen lassen. Bei aller Sparsamkeit - aber die Hochzeit wurde wie ein großes Staatsereignis vorbereitet.

Am Tage zuvor reisten die Gäste von außerhalb an. In zwei Stuben, auf dem Hof, auf der Bodentreppe, überall Menschen, die sitzen blieben und sich bewirten ließen. Wir bekamen sehr viele Geschenke und Geld überreicht. Für die Aussteuer war schon so viel Zeug da, das es Sorgen bereitete, alles gut zu verstauen.

Mein Bräutigam durfte am Polterabend nichts trinken, er hatte noch ganz Diät zu leben, da passte schon meine Mutter auf. Am Tage der Hochzeit ging es in einem kleinen Brautzug zum Gemeindeamt, denn da war die standesamtliche Trauung. Nur wenige Schritte vom Hoftor entfernt, ließ er mich plötzlich mit den anderen Gästen auf der Straße stehen und machte kehrt.

Keiner der Anwesenden und Trauzeugen verstand, was jetzt wohl passiert war. Ich stand wie gelähmt mit offenem Mund da und konnte nur in die fragenden Augen der anderen blicken. Er hatte seinen Ring nicht um, der lag noch am Waschbecken. Voller Schrecken erkannte man diese Situation und man versprach unserer Ehe keinen Halt: So was konnte einfach nicht gut gehen und durfte nicht passieren.

Ich war auch sauer und hätte am liebsten geheult. Trotzdem ging der Weg weiter und als der Bürgermeister mir das Ja-Wort abverlangte, war es ein "Ja" noch unter Zorn. Zu Hause sollte dann doch darüber gelacht werden, aber es gelang keinem so richtig, mir auch nicht.

Mein Vater war besonders schockiert, dass man mich auf der Straße hatte stehen lassen. Da es aber an der Zeit war, sich für den großen Brautzug aufzustellen, waren alle in heller Aufregung und die Situation vom Vormittag wurde verdrängt. Es war nun einmal passiert. Der Tag unserer Hochzeit war sonnig und sehr stürmisch. Unsere Ehe sollte nun auch noch stürmisch werden...

Die Blumenkinder ebneten uns den Weg, der durch den ganzen Ort zur Kirche führte. Das weiße Spitzenkleid verdeckte den Bauch, der auf das freudige Ereignis schon zweifellos hinwies. Wir gingen dabei auch an dem im Bau befindlichem Haus vorbei und ich freute mich, doch bald in die obere Etage einziehen zu können. Sie sollte zuerst bezugsfähig gemacht werden.

Für die Gäste alles vom Feinsten

Gegessen wurde anschließend in der Gaststätte, wo Mutter sonst ihrer Lieblingsbeschäftigung nachging. Den Kuchen haben wir selbst dorthin gebracht, um alles andere brauchten wir uns nicht kümmern. Es gab sogar grüne Gurkenscheiben als Garnierung und Pilze, eine absolute Rarität für den 1. April. Die Gaststätten meldeten ihren Bedarf beim Großhandel an und bekamen für Feierlichkeiten eine Lieferung des begehrten Kopfsalates, Gurken und Pilze.

Hinzukommende Gäste beglückwünschten meinen Schwager zur Hochzeit, da die Brüder doch einander so ähnlich sahen. Das sorgte für sehr viel Gelächter. Bestimmt drei Mal hat mein Schwager Glückwünsche entgegengenommen und sich daran erfreut, wobei es den Gratulanten natürlich peinlich war, dem falschen Bräutigam gratuliert zu haben.

Derweil sah der noch sehr blass aus vom Krankenhausaufenthalt und musste sich mit gekochter Zunge begnügen. Mein Bruder konnte sich auch nicht allen Genüssen hingeben, da er ebenfalls zur Diät verurteilt war. Für unser Baby wurde alles sehr zeitig vorbereitet. Ich sollte mit dem Kind wieder in der Stube schlafen.