Autobiografisches Der Osten und der Westen

von Irmgard Mahlow

Man hätte nie geglaubt, dass einmal Bettwäsche, Handtücher, Tapeten etc. zu Mangelware werden könnten. Sicher, es gab hier keine Bananen und durch die Werbung im Westfernsehen erfuhr man überhaupt erst, was es noch für wünschenswerte Sachen gibt.

Es bestand der Wunsch, in den Westen zu reisen, jedoch war das nur Rentnern möglich, also Menschen, die nicht mehr im Arbeitsprozess standen. Ich akzeptierte, dass das für mich einfach nicht möglich war. Ab und zu hörte man durch die Medien von spektakulären Fluchtversuchen, aber das wäre mir im Traum nie eingefallen.

Intershop-Läden schossen wie Pilze aus der Erde. Was für ein irres Gefühl, wenn man mit einigen Groschen Westgeld diesen herrlich bunten und gut riechenden Laden betreten konnte. Seitens des Staates wurde die Entstehung der Läden so dokumentiert, dass unser Land die Devisen, also die "harte D-Mark" braucht.

Hineingehen und eine Nase voller Duft inhalieren, sich von den bunten Bildern, dem glänzenden Gold- und Silberschmuck berauschen zu lassen war schon irre. Etwas Westgeld hatten die Leute immer, wir auch. Damit ich nicht gleich gesehen und erkannt wurde, fuhr ich in die nächst größere Stadt, um in Ruhe die Auslagen im Intershop ansehen zu können. Ich kaufte eine Flasche Weichspüler.

Unterwegs im Zug nach Hause habe ich sehr oft die Flasche aufgeschraubt und an ihr gerochen. Es war ein Duft, den ich noch nie gerochen hatte. Immer wieder aufgeschraubt und den Duft inhaliert - ich konnte mich gerade noch bremsen, nicht noch davon zu trinken. Nur für besondere Wäschestücke wollte ich den Weichspüler benutzen. Ich war richtig glücklich, so etwas Gutes gekauft zu haben. Die Verkäuferinnen in diesen Geschäften beneidete ich.

Mutter hatte immer mal ein paar Mark von diesem wertvollen Geld. Ananasdosen, Mandarindosen, Kaffee oder auch mal Kaugummi wurden wie Gold aufgewogen. Warum nun der Klassenfeind diese Waren in den Städten verkaufte und diese scheinbar doch besser waren als unsere Produkte, das war Aufgabe des Staates, dies seinen Bürgern zu erklären.

Durch die Arbeit, die inzwischen auch den Eltern Freude bereitete, da beide zusammen in der zwischengenossenschaftlichen Einrichtung in Früh- und Spätschichten im Stall beschäftigt waren, der Nebenerwerbsquelle in der Obstplantage, wurde nicht mehr über einen Weggang in den Westen nachgedacht. Es ging uns nicht schlecht, obgleich wir nicht zu denen zählten, die im Intershop bekannt waren und dort regelmäßig einkaufen konnten.

In den Westen durften nur Rentenempfänger reisen. Immerhin war es den Westdeutschen möglich, uns zu besuchen, obgleich sie dafür viel Geld zwangsweise umtauschen mussten. Und sie kamen trotzdem. Brachten sich das Toilettenpapier mit, da es sich herumgesprochen hatte, dass dieses Papier bei uns zu hart sei.

Strumpfhosen waren der Renner, denn eine Strumpfhose kostete hier 14 Mark. Schokolade, Kaffee, Kakao und andere Kleinigkeiten bekamen wir geschenkt. Diese Besucher kamen nicht oft, aber wenn sie kamen, überschlug sich Mutter, denn mehr konnte nicht an Essen aufgeboten werden, als zu verwerten möglich war. Es wurde ein regelrechtes Fest. Mutter hatte immer den Hang zur Übertreibung und die Sorge, man könnte ihr etwas Schlechtes nachreden. (Etwas muss ich da wohl auch geerbt haben!)

Bei einer älteren Kollegin war ich zu einer Festlichkeit eingeladen. Der Renner: Ananas- oder Pfirsichkuchen. Mir wurde eine Dose gereicht, um Sahne zu entnehmen. Das war meine erste Erfahrung mit der fertigen Sprühsahne: Ich hielt die Dose zu schräg und hatte die Spritzer auf meiner Kleidung. Unglaublich, dass das Sahne war! Und wie kommt die geschlagene Sahne in die Dose? Also, da wäre so manches noch zu erfragen gewesen.

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2005, 10:31 Uhr