Anekdote Neue Erkenntnisse

von Lotti Buchwald

Yvonne und Xaver lebten seit ihrer Hochzeit zwar unweit der Grenze im argwöhnisch überwachten Sperrgebiet, doch mit den Angehörigen der Grenztruppen kamen sie kaum jemals ins Gespräch. Das war am Anfang so und auch im Laufe der folgenden Jahre änderte sich an diesem Verhalten nichts, was als gegenseitiges Entgegenkommen zu bezeichnen gewesen wäre.

Jahre später allerdings, als all die Mauern und Zäune so urplötzlich verschwanden, stürmten Bewacher und Bewachte nach kurzer Zeit Schulter an Schulter gemeinsam durch die geöffneten Tore. Rüber und gucken, das wollte ein jeder Mal. Yvonne und Xaver ließen sich Zeit. Erst ein oder zwei Wochen nach dem ereignisreichen Tag machten sie sich zaghaft auf den Weg. Alle Nachbarn und Freunde hatten das längst hinter sich. Sprachlos und verwundert schauten sie sich das vollkommen andere Leben in dem nur wenige Kilometer entfernten Städtchen an.

Das heiß begehrte Begrüßungsgeld, das ihnen die westliche Gemeindeverwaltung in der hier gültigen Landeswährung zur Verfügung stellte, hielten sie eisern fest. Zunächst wurde sich nur umgeschaut, kein Pfennig verließ das Portemonnaie. Leicht angegeizt und hart gegen sich selbst verkniffen sie sich sogar ein Tässchen Kaffee, das ihnen die kalten Füße vielleicht ein bisschen gewärmt hätte.

Für den schlimmsten Durst hatten sie die Thermoskanne dabei, verschämt verpackt und unten in der Einkaufstasche versteckt. In einem Kaufhaus blieben sie vor dem aufgestapelten Toilettenpapier stehen und starrten verblüfft auf die Menge. Mein Gott, dachte Yvonne, das sind ja hundert verschiedene Sorten. Das dauert ja ewig, bis man die seine herausgefunden hat.

Und hier konnten sie dann doch nicht widerstehen. Ein supersofter Sechserpack, dreilagig, mit gelben Pünktchen, lag am nächsten Tag als dekorativer Blickfang griffbereit neben ihrer einst so hart erkämpften nagelneuen Badewanne. Mit dem Einstieg in dieses Rollengeschäft läuteten sie mit all den anderen nun auch für sich ein ganz besonderes Jahr ein: Das Jahr in dem man kaufen lernte.

An diesem wunderbaren Tag hatten die beiden Blut geleckt, nichts hielt sie mehr auf. Xaver wienerte seinen guten alten Trabi auf Hochglanz, Yvonne leistete sich eine neue Dauerwelle, und die Sonntagssachen wurden säuberlich bereitgelegt. Mit einem Wort: Man wollte den besten Eindruck hinterlassen. Und dann machten sie sich auf, zu westlichen Verwandten, die schon lange auf den Besuch gewartet hatten.

Die Geburtsstadt eines großen Dichters und Denkers, dessen geistiges Erbe noch immer dem ganzen Volke gehörte, war ihr Ziel. Endlich durften sie nun das faszinierende Leben auf dem Flughafen der großen Metropole beobachten. Davon hatten sie schon so lange geträumt.

Xaver war ein routinierter Autofahrer. Der ungewohnte Wuselbetrieb auf dem Flughafengelände machte ihn aber doch ziemlich nervös. Bei der Einfahrt ins Parkhaus stand die Ampel auf Rot. Also wartete er geduldig. Ein Parkhaus dieser Art und Größe hatte er noch nie gesehen. An der Ampel tat sich nichts. Hinter den beiden ahnungslosen Neulingen bildete sich eine gewaltige Autoschlange. Nach und nach ertönte ein zorniges Hupkonzert.

„Was wollen die blöden Drängler bloß”, überlegte Xaver angestrengt. „Die Ampel zeigt Rot, da muss man eben warten.”

Ratlos sah er in den Spiegel, denn langsam wurde ihm unbehaglich auf seinem Sitz. Die Leuchte blieb bei “Halt”. Endlich stieg einer der Nachfolgenden aus. Er hatte die fremde Autonummer da vorn erkannt und die Situation richtig erfasst. Der Mann trat ans Fenster und sagte freundlich: „Fahren sie mal vor bis zur Haltelinie. Dort kommt ein Parkschein aus dem Automaten. Den müssen sie ziehen, dann springt die Ampel auf Grün.”

So machte es der staunende Xaver. Wie ein begossener Pudel, aber um eine Erfahrung reicher, verschwand er blitzschnell im Gewühl.

Yvonne hatte einen einzigen Wunsch an ihre Gastgeber: Einmal in der kalten Jahreszeit ein modernes Hallenbad besuchen, mit richtig schönem Ambiente und gewärmtem Wasser. Die Bitte wurde von der Dame des Hauses prompt erfüllt. So ein tolles Schwimmbad hatte Yvonne noch nirgendwo gesehen. Schon der mit diversen Kunstobjekten in Szene gesetzte Eingangsbereich ließ den Genuss erahnen, der ihr bevorstand. Nur die Eintrittspreise verblüfften sie etwas, die waren ganz schön happig. Und dann war es soweit. Endlich standen die beiden Damen Wand an Wand in ihren Duschkabinen.

Yvonne, peinlich darauf bedacht, dass nur nichts Nasses an die neue Dauerwelle kam, spähte nach dem Wasserhahn. Außer dem Rohr mit der Düse war nichts zu sehen. Sie bückte sich und tastete forschend in alle Winkel. "Zischsch" machte es da, und ein kräftiger Wasserschwall brauste über die frisch gestylte Lockenpracht. Entsetzt sprang sie zurück und starrte auf den geheimnisvollen Duschkopf.

Wie kam das Wasser da so plötzlich raus? Auf der Suche nach dem versteckten Knopf oder Hebel glitschte sie der Leitung mit der verhexten Tülle aufs neue vorsichtig entgegen, nestelte ein bisschen an dem Wasserrohr und "zischsch", die nächste Fontäne ergoss sich über das pudelnasse Kräuselhaar. Leise fluchend starrte sie die feindliche Düsenöffnung in der Nasszelle an.

„Was ist denn”, rief ihre Nachbarin, „kommste nicht klar? Musst näher rangehen und den Kopf weg halten, die Anlage reagiert auf Fotozelle.”

„Was es nicht alles gibt”, staunte die irritierte Wassernixe und schüttelte ihren triefenden Schopf. Die Frisur war zwar hin, aber die vertrackte Situation hatte sie wieder ein bisschen schlauer gemacht.

Der Spruch eines berühmten Mannes, der seine Verse mit fröhlichen Zeichnungen verband, um Personen und Situationen besser zu charakterisieren, fiel ihr ein, und kurz darauf war der Ärger auch schon verflogen:

Scheint dir auch mal das Leben rau,

sei still und zage nicht.

Die Zeit, die alte Bügelfrau,

macht alles wieder schlicht.

Bei Yvonne benötigte die bejahrte Dame dazu nur wenige Stunden. Als die zwei Frauen das Schwimmbad verließen, sah alles schon ganz anders aus. Rasch band Yvonne ein Tuch um die verhunzten Locken, und am Abend drehte sie die Haare auf Wickler. Am nächsten Morgen war das grässliche Drama vergessen.

Auf der Heimreise nach diesem erlebnisreichen Wochenende erkannte sie plötzlich, wie schön die Welt mit einem Schlag geworden war. Behaglich kuschelte sie sich in ihren Sitz und überließ es ihrem Xaver, den kleinen Flitzer sicher nach Hause zu steuern.

In aller Frühe waren sie am Morgen aufgebrochen. Dunkelheit und dichtes Schneetreiben ließen ihren Mann schon bald verstummen. Gewissenhaft konzentrierte er sich aufs Fahren.

Yvonne schaute verträumt durch die Scheiben. Weihnachten stand vor der Tür, und in Gedanken deckte sie bereits den Gabentisch mit all den guten Sachen, die es nun endlich auch bei ihr zu Haus, in ihrem Heimatort zu kaufen gab. Entrückt dachte sie an die Zeit ihrer Kindheit, und ein ganz bestimmtes Erlebnis kam ihr auf einmal in den Sinn:

Es war in der Vorweihnachtszeit gewesen. Auch damals hatte es geschneit. Der frühe Wintereinbruch ließ in den Haushalten den Verbrauch von Holz und Kohle in die Höhe schnellen und das Heizmaterial wurde immer knapper. Vater war damals ständig auf der Pirsch, um auf heimliche Weise eventuell irgendwo vergessene Bestände oder gar neue Anlieferungen auf dem örtlichen Güterbahnhof zu erkunden. Doch Koks und Briketts ließen auf sich warten und das Kohlehäufchen in der Kellerecke schrumpfte unaufhörlich zusammen.

An einem verhangenen Winternachmittag hatte Yvonne mit ihrer kleineren Schwester schwatzend und kichernd in der Nähe des Elternhauses am Straßenrand gestanden. Dicke, schwere Flocken waren vom Himmel gefallen, und bald konnte man kaum noch die Hand vor Augen sehen.

Schemenhaft näherten sich plötzlich drei Personen auf dem rutschigen Asphalt. Als sie vorüber huschten, erschraken die Kinder mächtig. Ja, es verschlug ihnen geradezu die Sprache.

Mit offenem Mund hatten sie verblüfft auf einen verhafteten Mann gestarrt.

Der Vater??!!

Die Hände auf dem Rücken zu Fäusten geballt, zog er, rechts und links von je einem Polizisten bewacht, einen mit Kohlen beladenen Schlitten hinter sich her.

Der Vater schien seine Töchter nicht zu erkennen, denn eilig, den Blick stur nach vorne gerichtet, stapfte er mit seinen uniformierten Begleitern geradeaus weiter.

Kaum war er an seinen Kindern vorbei, öffnete er langsam die Hände. Die straffe Leine entglitt seinen Fingern und sank lautlos in den frisch gefallen Schnee. Einsam war der schwer beladene Schlitten auf der Straße zurück geblieben.

Doch die Kinder hatten schnell geschaltet. Geschwind waren sie herbei gesprungen, um die abgehängte Ladung auf dem kürzesten Wege nach Hause zu ziehen. Blitzschnell war die kostbare Fracht gleich darauf im häuslichen Keller verschwunden.

Der Dreiertrupp hatte sich unterdessen mit forschem Schritt dem städtischen Polizeirevier genähert. Hier sollte der “Erwischte” unverzüglich wegen Diebstahls verhört werden. Doch als die Gendarmen den Beweis sichern wollten, stellte sich Vater dumm:

„Kohlen?”, fragte er erstaunt, „ich soll Kohlen gestohlen haben? Wo sollen die denn sein?”

Die Polizisten sahen sich ratlos an. Sie wussten genau, was los war. Aber erstens hatten sie nicht aufgepasst, und zweitens waren sie selbst von der Versorgungsmisere betroffen. Kurz entschlossen hatten sie den schlitzohrigen Missetäter laufen lassen.

Yvonne schreckte hoch aus ihren Träumen. Schon befanden sich die zwei Rückkehrer mit ihrem munteren Wägelchen kurz vor der ehemals so überaus streng bewachten Grenze. Doch die war nun kein Problem mehr und frohgemut fuhren die beiden ihrem Heimatort entgegen, um die Reise zu ihren neu entdeckten Verwandten in den nächsten Jahren noch so manches Mal zu wiederholen.

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2005, 16:13 Uhr