Autobiografisches Als Chefin nicht geeignet

von Irmgard Mahlow

Beruflich ging es so weiter, dass ich beim Bahnhof als Sekretärin des Leiters eingesetzt wurde. Ich hatte mir das Maschineschreiben selbst angeeignet. Stenografie habe ich dazugelernt. Eines Tages brauchte man einen Bahnhofsvorsteher in meinem Heimatort und da schien wohl keiner geeigneter zu sein, als ich. Diese Verantwortung wollte ich nicht übernehmen, aber die Partei bestimmte es und ich folgte. Man sicherte mir jegliche Hilfe und Unterstützung zu.

Es herrschte für den Schichtdienst permanenter Personalmangel. Das machte sich besonders im Sommer bemerkbar, zumal jeder Beschäftigte noch eine Plantage bewirtschaftete und ausgerechnet alle im Sommer ihren Urlaub haben wollten. Bei diesen Problemen, die ich als Leiterin des Bahnhofs hatte, konnte auch keine Partei helfen. Ich fühlte mich allein gelassen und die langjährigen Beschäftigten hatten ihre Not, mit einer Frau als Chefin klarzukommen.

Nur Manfred, ein Unikum und eingefleischter Junggeselle, den ich von der Lehrzeit kannte, half mir die Dienstpläne so zu gestalten, dass alle Beschäftigten einigermaßen zufrieden waren. Ansonsten ließen sich die älteren Bediensteten nicht in die Karten gucken und waren weit ab davon, mir zu helfen. An einem Ostersonntag, an dem ich kein Personal mehr zur Verfügung hatte, musste ich den Bahnhof erstmals schließen.

Undenkbar, dass der Bahnhof an diesem Tag geschlossen war, man keine Fahrkarte bekam und die Tür zum Bahnsteig aber geöffnet bleiben musste. Die Partei wertete das zwar negativ aus, hatte aber auch keinen anderen Lösungsvorschlag. Am Heiligabend kamen Krankmeldungen, so dass eine schnelle Dienstabsicherung nicht mehr möglich war.

Und letztlich zu Silvester wurde ich vom Tanzsaal weggeholt. Die unlängst erst angebrachten Weichenheizungen mussten in Gang gesetzt werden, da der Winter plötzlich mit viel Schnee hereinbrach. Auch die automatische Halbschranke war defekt, so dass ich sie durch Handbetrieb steuern musste. Das war freilich keine Arbeit für eine Frau, aber schließlich war ich für den Bahnhof verantwortlich. Diesen Belastungen hielt ich nicht lange stand.

Eine neue Arbeit beim Generalauftragnehmer

Es ergab sich, dass eine Meißner Firma Leute suchte, die in der Arbeiterversorgung dringend gebraucht wurden. Da habe ich mich gemeldet und beendete durch Aufhebungsvertrag meine Zeit bei der Bahn. Es tat mir nicht leid, zumal die Firma mehr Geld bot, als ich zu der Zeit verdiente.

Meinen Kindern kam es zu Gute, dass ich weiter Arbeit am Wohnort hatte. Da der Betrieb vom Meißen sich hier erst im Aufbau befand, war jede Meinung willkommen und man gestaltete sich die Arbeit so, wie es am besten ging. Im Baubüro lernte ich H. kennen. Ein stattlicher Mann, großherzig, gutmütig immer die Ruhe in Person und vor allem auf der Baustelle ein gefragter Mann mit sehr hohem Wissen.

Ohne seine Anordnungen lief nichts. Er hatte mich vom ersten Tage an ins Herz geschlossen, das merkte nicht nur ich. Zu Hause hatten wir auch mit einigen Umbauarbeiten begonnen und hier setzte er sich ein, dass ich Türen, Fenster und anderes Baumaterial bekam. Es war Material, was einfach abgezweigt wurde und ich nicht bezahlen brauchte. "Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen", das war zwar ein Spruch von Erich Honecker, aber nicht so gemeint, wie die Leute es für sich in die Tat umsetzten.

Für H. schrieb ich in meiner Arbeitszeit Bauberichte, da er im Heimatort auch diesen oder jenen privaten Bau der Leute beaufsichtigte und die Zeichnungen dafür erstellte. Er bezahlte mich gut dafür. Zum Geburtstag zeigte er sich äußerst spendabel. Er war absolut nicht der Typ Mann, der mir den Kopf hätte verdrehen können, was ich ihm hin und wieder deutlich machen musste.

Er mochte meine Familie auch, beschenkte die Kinder und war ein guter Freund. Sieben sehr schöne Jahre war ich bei der Meißner Firma beschäftigt. Ich hatte die Möglichkeit, in dieser Zeit einen zweiten Facharbeiterbrief als Industriekaufmann abzuschließen, was mir viel Freude machte. Vor allem die Dienstreisen nach Meißen waren wie Ferientage zu werten. Mit dem firmeneigenen "Moskwitsch" war es eine Tagesreise und – einziges Manko - mir war sehr übel, wenn ich auf der hinteren Bank sitzen musste.

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2005, 10:34 Uhr