Biografisches Ein neuer Trabant Kombi und die Westreise der Mutter

von Irmgard Mahlow

Eine freudige Nachricht flatterte ins Haus und wir durften unser erstes neues Auto, einen Trabant-Kombi, in einer anderen Stadt abholen. Wegen der Farbe hatten wir keine Wahl, es gab in der bestimmten Zeit nur grüne Autos. Die Verkaufsaktion zog sich den ganzen Vormittag hin. 12.000 Mark in bar wurden dafür hingelegt.

Auf dem Heimweg waren wir so glücklich, dass wir uns ein Mittagessen in einer Gaststätte leisten wollten. Wir haben angestanden, bis wir einen freien Platz zugewiesen bekamen.

Als wir das Lokal verließen, scharten sich schon Interessenten um unser neues Auto. 14.000 Mark wurden sofort dafür angeboten. Nein, wir verkauften ihn nicht, obgleich wir gut daran verdient hätten. Es war ein Ereignis, wenn einer im Dorf ein neues Auto abholen konnte. Etwas Neid kam da schon auf.

Mit dem Kauf des Trabants hatten wir gleich eine neue Bestellung für einen "Wartburg Tourist" abgegeben. 12 Jahre Wartezeit waren normal. Es sei denn, es hatte jemand wohlhabende Verwandte im Westen, die dort ein Auto bezahlten und das sich der DDR-Bürger in Berlin abholen konnte. "Genex" hieß der Verein, der damit handelte. Es störte mich nicht, dass manche Leute dieses Glück hatten.

Die erste Westreise der Mutter

Als Mutter 60 Jahre alt wurde, hatte sie schon vor ihrem Geburtstag die Reise in den Westen, nach Gießen beantragt. Vorher wollte sie ihre Freundin in Bremen besuchen. Wir standen vor dem Problem, was Mutter wohl als Gastgeschenke mitnehmen könnte. Handarbeiten würden wohl besonders gut ankommen. Zu dieser Zeit hatte auch ich noch Freude daran, Deckchen zu sticken oder zu häkeln. Es sollte etwas Selbstgefertigtes sein.

Mit viel Aufregung trat Mutter die Reise nach Bremen an und fuhr von dort nach Gießen. Sie wollte uns per Telefon informieren, dass sie angekommen sei. Das Telefon stand aber in der Nachbarschaft und gehörte einem Tierarzt. Wir waren beunruhigt, ob er wohl ein Westgespräch annehmen darf. Es war eine Aufregung, als Mutter sich aus Bremen meldete. Lange habe ich am Telefon gesessen, ehe die Verbindung durch das Amt hergestellt wurde. Obendrein war die Verständigung schlecht und man hatte das Gefühl, durch die Polizei abgehört zu werden. Es wurde daher nur das Nötigste gesagt.

Mutters Rückkehr war sensationell! Sie konnte die Taschen und Beutel kaum tragen, die ihr voll mit Apfelsinen, Bananen Kaffee usw. mitgegeben wurden. Das war ein Tag! Weihnachten, Ostern und alle Geburtstage schienen auf einen Tag zu fallen. Anschließend hatte ich die Aufgabe, lange Briefe des Dankes zu schreiben, was ich gerne tat.

Allerdings war Mutter auch etwas enttäuscht, denn die so liebevoll angefertigten Handarbeiten und die Puppen oder Spiele für die Kinder, fanden bei ihren Gastgebern nicht die Aufmerksamkeit, die sie sich gewünscht und auch erhofft hatte. Die Kinder hatten das Spielzeug nach wenigen Minuten in die Ecke geworfen, traten mit den Füßen darauf rum, weil einfach zu viel Spielzeug die Kinderzimmer füllte. Gehäkelte oder gestickte Decken hatten die Gastgeber selber bessere, als Mutter mitgenommen hatte. Wer hatte hier schon einen weißen Teppich in der Stube und dort lag er auf glänzendem Parkettboden? Also in weiß hätte ich mir das bei uns nicht vorstellen können.

Sie sprach davon, in einer anderen Welt gewesen zu sein. Man merkte es ihr an, dass sie doch ein bis zwei Tage brauchte, um alles Erlebte und Gesehene zu verarbeiten. Sie hat ihre Freundin beneidet, die einen ganz anderen Stil lebte, als sie mit Vater auf dem Bauernhof. Ich hatte jetzt den Wunsch auch diese "andere Welt" zu sehen und rechnete aus, wie viele Jahre ich noch bis zur Rente brauchte.

Das folgende Jahr fuhr sie mit Vater gemeinsam ein paar Tage nach Gießen. Vater wollte dort im Stall viel helfen, wo ca. 50 Milchkühe standen. Für ihn als Bauer war es eine Freude, im Stall helfen zu können, wobei Mutter durch Gießen geführt wurde und zu Kaffee und Kuchen in die Stadt eingeladen wurde.

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2005, 16:47 Uhr