Biografisches Eine erschwindelte Reise nach Gießen

von Irmgard Mahlow

Der Druck des Volkes und das Bedürfnis, Verwandte im Westen zu besuchen, war so groß, dass die Reisebestimmungen gelockert wurden und man zu runden Geburtstagen oder anderen Familienfeierlichkeiten verreisen durfte. Ein langes Anstehen im Polizeiamt, der Meldebehörde in der Kreisstadt war nötig.

Mein Bruder und ich wollten es probieren, zum 60. Geburtstag unserer Bekannten nach Gießen zu fahren. Mein Vater war im Rentenalter und hatte damit kein Problem. Er bekam sofort die Erlaubnis.

Still und abwartend saßen die Leute im großen Flur, der mit Holzbänken bestückt war. Kaum einer sprach etwas. Stillschweigend und ordentlich wurden die nötigen Formulare zum Vorsprechen ausgefüllt. Nur den Gesichtern konnte man beim Verlassen der Amtszimmer entnehmen, ob eine Reisegenehmigung erteilt worden war oder nicht.

Ich war mir sicher, alles auf eine Karte zu setzen. Ich hatte Mutters Familienstammbuch in der Hand, wo sich auch ihre Geburtsurkunde befand. Dort war kein Vater angegeben. Also erklärte ich der Beamtin, dass die zu besuchende Frau in Gießen meine Tante sei; ihr Vater sei auch Mutters Vater gewesen. Ich muss bei diesen Erklärungen so überzeugend gewirkt haben, dass tatsächlich mein Bruder und ich für fünf Tage verreisen durften. Am liebsten hätten wir schon im Polizeigebäude gejubelt, doch wir hielten uns zurück. Auch auf der Straße merkte niemand unsere große Freude, außer dass ich feuerrot im Gesicht war.

Der Reisetermin kam schnell heran und wir gaben die Personalausweise bei der Meldebehörde ab und bekamen den befristeten Reisepass. Vom Kaderleiter erfuhr ich, dass er ein Auskunftsersuchen über mich zu erstellen hatte. Wäre es schlecht ausgefallen, hätte ich nicht verreisen dürfen. Aus meinem Freischeinkontingent erhielt ich einen Freifahrtschein bis zur Grenze und von dort wieder zurück. Die Fahrt führte über Gerstungen bis nach Fulda, wo wir wieder umsteigen mussten. An der Grenze war Kontrolle der Reisepässe und man schaute uns genau ins Gesicht.

Im Abteil herrschte unheimliche Ruhe, nur mein Vater unterbrach mit Wortmeldungen, wenn er zur Toilette musste und das zu häufig. Er musste eben immer auf sich aufmerksam machen und einen Kommentar dazu abgeben. Mir fiel auf, dass die Häuser in den Orten, durch die der Zug fuhr, heller und großzügiger gebaut waren, als bei uns. Kam ich tatsächlich in eine andere Welt? Ich erinnerte mich an die Worte meiner Mutter, die mir damals sehr wünschte, alles das im Westen einmal zu sehen, was sie gesehen hatte. Ja, wo war ich denn hingeraten?

War das Gras dort wirklich grüner?

Die viele Werbung, alles so bunt und in großen Schlagzeilen geschrieben, die Augen konnten im Vorbeifahren nur Bruchstücke erfassen. Mit der Werbung konnte ich nicht viel anfangen. Losungen, die den Fortschritt des Sozialismus priesen, oder Aufrufe, die Kandidaten der Nationalen Front zu wählen, standen hier bestimmt nicht. Es war alles nur ganz bunt. In Fulda nahm uns sofort eine Frau der Bahnhofsmission in Empfang und bot Kaffee und Kekse an.

Mein Vater musste regelrecht darauf gewartet haben. Er lehnte nicht ab und wir gingen bis zur Abfahrt des Zuges nach Gießen mit dieser Frau mit. Leibnitz Butterkekse waren es, die es zum Kaffee gab. Ich hätte mich vergessen können, so gut schmeckten die. Wir durften zu den Bekannten telefonieren, um unser Abholen in Gießen zu organisieren.

In Fulda bin ich wohl das erste Mal aufgefallen, als ich laut staunend vor einem Kiosk stand, der in seiner Auslage vor der Tür alles echte Blumen hatte und das Mitte Februar. Ich habe sofort alle Blüten und Blätter befühlt, ob das wirklich lebende Blumen waren. Es war ungeheuerlich, im Februar schon Osterglocken, Tulpen und Veilchen zu sehen aber auch Blumen, die ich in ihrer Art nicht kannte. Schon vom Angebot in diesem Verkaufsstand war ich überwältigt.

In Gießen wurden wir durch die Bekannten herzlich in Empfang genommen und man hatte vor, uns etwas zu bieten, bevor die eigentliche Feier zum 60. Geburtstag der "angenommenen" Tante stattfand. Die Nachbarschaft und viele andere Bekannte kamen, um uns zu sehen. Manche kannten mich noch als kleines Mädchen, als ich mit Mutter 1956 zu Besuch war. Jeder drückte mir einen Geldschein in die Hand oder wartete mit einem Paket Kaffee auf.

Ich kam mir ganz "bettelig" vor, habe mich aber über das Geld gefreut, denn für meinen Sohn sollten es unbedingt ein paar Turnschuhe sein, die er sich sehnlich wünschte. Aufträge, etwas Bestimmtes mitzubringen, hatte ich sogar aus dem Kollegenkreis bekommen. Ja, sogar leitende Genossen gaben mir Aufträge nach bestimmten Sachen zu schauen und einen Kauf zu ermöglichen.

Beim Eintreten in ein Geschäft grüßte die Verkäuferin, noch ehe ich grüßen konnte. Ich sah mich um, ob da noch jemand war, aber nein, dieser Gruß galt uns als Kunden. Beim Verlassen des Geschäftes lief sie vor uns her und öffnete mir die Tür. Das war ein angenehmes Gefühl, so umsorgt zu sein. Wie viel Mal ich Danke gesagt habe, weiß ich nicht mehr.

Mein Betrieb hatte mir eine gute Beurteilung gegeben und seine Unbedenklichkeit erklärt, was eine Flucht meinerseits in den Westen ausschloss. Nicht nur einmal wurde ich in diesen wenigen Tagen angesprochen, ob ich nicht im Westen bleiben wollte. Doch mein Mann und die Kinder waren zu Hause, ohne sie hätte ich nicht leben können. In Gießen habe ich das Notaufnahmelager gesehen, wo ich vorerst untergebracht worden wäre. Man wollte sich um Arbeit und Wohnung kümmern. Es war wohl gut gemeint, doch mein zu Hause war nicht hier, es war im Ostteil Deutschlands.

Eine Flucht kam nicht infrage. Man ging mit mir einkaufen, zeigte die großen Markthallen und Kaufhäuser. Öfter bin ich staunend stehen geblieben, mit den Händen vorm Mund, oder kopfschüttelnd. Es war zuviel, was auf mich einstürzte. Dass man in den Kaufhäusern auch Gaststätten hatte, konnte ich nicht fassen. Keiner stand an, alles war fast leer.

Wie können die mit so wenigen Gästen überleben? Die Bedienung klappte reibungslos und der Fisch hat irre geschmeckt. Ich war sehr unsicher, fühlte mich beobachtet, dass man meine Herkunft sofort bemerken würde. Benahm ich mich denn so eigenartig?

Für den Jungen habe ich die ersehnten Turnschuhe kaufen können in einer riesigen Auswahl, so dass ich dann doch nur die billigsten genommen habe. Ich kaufte für mich einen wunderschönen Rock, den ich heute noch in Ehren halte. Ich wurde zu einer Faschingsveranstaltung mitgenommen, wo ich keinen Pfennig bezahlen brauchte.

Ich wurde dort mehreren Leuten vorgestellt und fühlte mich wie ein Exot - also nicht besonders gut, etwas unpassend in dieser Gesellschaft, vielleicht zu naiv? Ein großes Erlebnis war das Konzert mit Karel Gott, der leibhaftig vor mit stand. Manchmal hätte ich weinen können. Es war ein ständiger Wechsel der Gefühle.

Abgereist sind wir mit vollen Koffern, Taschen und Beuteln. Die Grenzer nahmen ihre Kontrollen sehr genau. Sie bestiegen mit einer mitgebrachten Leiter die Abteile, um genau in die Gepäcknetze sehen zu können. Wieder war es ganz still im Abteil. Vor allem Zeitschriften wurden gesucht. Ich hatte doch tatsächlich so eine bunte Zeitschrift hinter meiner Jacke versteckt. Mein Herz klopfte wie wahnsinnig und ich hatte einen roten Kopf.

In diesem Moment überhäufte ich mich leise mit derben Schimpfworten, warum das nötig war, diese Zeitung mitzunehmen. Die Kontrolleure guckten mürrisch und ich wusste nicht, ob ein aufgesetztes Lächeln ein Provokation darstellen konnte oder nicht. Wie sollte ich jetzt nur gucken? Wohin sollte ich gucken? Also lächelte ich ein wenig.

Als die Kontrolle vorbei war und der Zug sich wieder in Bewegung setzte, begann eine lebhafte Unterhaltung. Ich ließ die bunte Illustrierte in meiner Tasche verschwinden, freute mich über das mitgenommene Westgeld und war auch wieder froh, bald bei der Familie zu Hause zu sein. Mein Vater unterbrach die Mitreisenden öfter mit seinen Bemerkungen, zur Toilette zu müssen. Das war schon peinlich.

Zu Hause wurde ich empfangen mit voller Neugierde auf das, was ich mitgebracht habe. Für die Kinder war es wie Weihnachten. Sie machten eine Dose Ananas auf und verschlangen die süßen Stücke. Mein Appetit war nach drei Scheiben voll gestillt.

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2005, 12:00 Uhr