Bericht Mit 13 erfasst als Spion?

von Olaf Menzel

Vor einigen Tagen erhielt ich eine Kopie meiner damals in der DDR angelegten Stasi-Akte und ich war irgendwie aufgeregt zu erfahren, was die Genossen sich wohl haben einfallen lassen, um mich 17 Jahre später zum Staunen zu bringen?

Im Einleitungstext steht: "Aufgrund der erneuten Recherchen in den Karteien der Zentralstelle Berlin und der Außenstelle Berlin konnten Unterlagen aufgefunden werden, die vom Staatssicherheitsdienst der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zu Ihrer Person angelegt wurden. Diese Unterlagen haben ein Umfang von 9 Seiten."

Wahnsinn, ganze neun Seiten wurden über mich verfasst, aber warum nur? So wie es der Akte zu entnehmen ist, war ich erfasst in der HA II/ Abt 3 und ein Blick in die Erklärungshilfe ließ mich doch arg staunen. Die HA II war die Hauptabteilung II und zuständig für die Aufdeckung und Abwehr geheimdienstlicher Angriffe gegen die DDR. Die Abteilung 3 dieser HA war für Spionageabwehr Amerika zuständig.

Meine Güte, die hauen ja ganz schön auf den Putz. Galt ich also schon mit 13 als gemeiner Spion, der aus der Kälte kam? Zugegeben, es war kalt an diesem 5. Januar 1987, an dem ich von 15:22 bis 15:57 Uhr die Bibliothek der USA-Botschaft in der Neustädtischen Kirchstrasse besuchte, aber mehr hab ich auch nicht getan. Die Bibliothek war beim MfS als Objekt 501 erfasst, doch nicht wegen der gleichnamigen Jeans? Lässt sich ja leicht merken.

Die genaue Zeitangabe hat mich weiter staunen lassen. Ich kann mich zwar dran erinnern, dass ich den größten Klassenfeind mehrmals besuchte, aber an die genaue Zeit von vor 17 Jahren könnte ich mich aus dem Stehgreif nicht erinnern, aber wozu hatte man Leute, die das alles aufschreiben? Irgendwie praktisch oder? Alzheimer so gut wie unmöglich.

Es war auf jeden Fall interessant, sich einige Zeit auf amerikanischem Territorium zu befinden und ich war doch gekommen um zu bleiben. Kleiner Witz am Rande, wo mir gerade das Lied einfällt. Beim Eintreten wurde ich erstmal von einem Ami kontrolliert und durfte dann mal durch den Metalldetektor treten und das gleich mehrmals. War ja auch das erste Mal und es piepte immer nur so. So was gab’s ja im Osten nicht.

Dann ging es nach links in die Bibliothek vorbei am Glaskasten mit dem Army-Soldaten und links vorbei an der großen US Flagge, wie man es aus Filmen kennt. Und auch der Geruch war total neu für mich. Roch irgendwie nach Westen, noch besser als im Intershop. In der Bibliothek gab’s dann eine Fülle von amerikanischen Büchern und Zeitschriften, wie Time, Newsweek, U.S. News and World Report und eine Menge von Zeitschriften, in denen nur die mehrseitigen Werbeanzeigen für amerikanische Autos interessant waren (Cadillac, Buick, Chevrolet, Chrysler) und natürlich alles auf Hochglanzpapier.

Ich glaub, das gab’s auch nicht im Osten. Beim Time Magazin war auf dem Titel ein Bild von den bevorstehenden Olympischen Spielen in Seoul und auch von Bill Cosby - mich hat das Ausgabedatum doch sehr gewundert. Das war nämlich erst in zwei Wochen, also gab’s die Ausgabe der Time schon zwei Wochen vorher in der US-Botschaft in der DDR als in den USA selbst? Auch nicht schlecht.

Die hab ich übrigens immer noch. Die Leute dort waren alle sehr nett und es war ja auch von Botschaftsseite her erlaubt die Bibliothek zu besuchen und draußen hing ja auch eine Infotafel, das es für jeden erlaubt sei, die Bibliothek zu besuchen.

Na da war die Vopo aber anderer Meinung: "Die Amerikaner können schreiben was sie wollen. Ich darf da nicht rein." Ein kleiner Kinosaal war auch in der Bibliothek und es gab immer Filme zu schauen, wie Rocky, Kramer vs. Kramer, Porträts über Bundesstaaten oder über Popstars wie Tina Turner.

Über die Bibliothek bin ich dann auch an eine amerikanische Brieffreundin in Kalifornien gelangt und wir haben uns viel geschrieben und auch ein paar Münzen getauscht, also Alu Chips gegen harte Dollar oder eher Cents.

Beim Verlassen der Botschaft ging dann der Stress wieder los, denn wenn man es geschafft hatte, ohne Kontrolle der Vopo rein zu kommen, wurde man dann spätestens beim Rausgehen angehalten und belästigt und die Personendaten aufgenommen. Warum ich in die Botschaft gehe, manchmal auch mit zwei Freunden aus der Klasse, und ob mein Direktor wüsste, was ich in meiner Freizeit mache und wie kann ich nur zum größten Klassenfeind reingehen und wir stören den Botschaftsverkehr und die Indianer wurden von denen ausgerottet.

Lauter so heiße Stories und jedes Mal eine neue Geschichte. Und ich könnte mich ja auch in der Staatsbibliothek über die USA informieren. Na bestimmt auch ganz objektiv, zumal man dort erst ab 16 Jahren was ausleihen durfte und ansonsten nur wenn ein Elternteil dabei ist. Ganz toll.

Die Schule wurde natürlich auch informiert und gerade an dem Tag, als ich und zwei Freunde in der Klasse USA-Landkarten verteilt hatten, die es ja auch in der Bibliothek gab, wurden auch gleich mal die Taschen kontrolliert und die ganzen Landkarten wieder eingesammelt und anschließend war Audienz beim Direktor angesagt. Wir drei mussten dann jeder einzeln zum "Verhör". Mit dem Direktor verstand ich mich zum Glück ganz gut und das Gespräch war doch recht amüsant.

Er dachte, wir würden in der Botschaft zu Aktionen gegen den Sozialismus angestiftet und wenn ich mal längere Zeit nicht in die Bibliothek der Botschaft gehen würde, dann würde auch gleich jemand von dort bei mir anrufen und fragen, wo ich denn bliebe und mir auch noch zehn solcher tollen Landkarten in Hochglanzpapier nach Hause bringen. Das traf aber alles nicht zu, frei erfunden und einfach absurd.

Irgendwann haben die Vopos mir auch verboten, in die Botschaft zu gehen und sagten, sie würden mich beim nächsten Mal nach Hause fahren. Nach einigen Wochen Ruhezeit ging es dann aber wieder in die 501 und ich wurde dann auch anschließend nach Hause gefahren und dann war erstmal Stress zu Hause angesagt.

Wie es dann weiterging, weiß ich leider auch nicht mehr und mitgeschrieben hat auch keiner. Inzwischen war ich aber schon vier Mal in Amerika und es gefiel mir jedes Mal ganz gut.

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2005, 14:44 Uhr