Bericht Unsere Familie auf der Flucht

Geboren wurde ich 1944 in Berlin Karlshorst. Mein Vater war zu der Zeit in Kriegsgefangenschaft in Finnland und meine Mutti musste also allein die Geburt mit Hilfe ihrer Mama erleben.

Durch die Kriegswirren war ich ein sehr kränkelndes Baby. 1945 kam mein Vater aus der Gefangenschaft heim und so langsam konnte man laut Erzählungen meiner Eltern wieder an ein gemeinsames Leben denken. 1948 wurde dann mein Bruder geboren, für mich wieder eine neue Situation, denn bisher war ich der Mittelpunkt für die Eltern und Großeltern.

1951 kam ich in die Schule in Berlin Adlershof. Ich war eine gute Schülerin, es machte mir auch Riesenspaß. 1953, erinnere ich mich noch genau an die Ereignisse: Vater musste seine Kampfuniform auspacken, denn der Aufstand am Alex war in vollem Gange und wir hatten Angst, Papa nie wieder zu sehen. Es wurden Hamstereinkäufe getätigt aus Angst vor einem neuen Krieg. Wir hörten in den Nachrichten, dass bereits geschossen wurde, aber Papa kehrte nach all den Ereignissen wieder wohlbehalten nach Hause zurück. Ich wechselte dann in die höhere Schule, Baumschulenweg, war natürlich auch ein junger Pionier.

Zwischenzeitlich ist auch mein Bruder in die Grundschule in Berlin Adlershof eingeschult worden. Er hatte einen sehr jungen Lehrer mit Namen Winfried und dieser sah mich sehr gerne. Mein Vater war bei der Lufthansa in Berlin Schönefeld beschäftigt und wurde dort sehr unter Druck gesetzt in politischer Form, meine Mutter war bei der Deutschen Reichsbahn als Sekretärin tätig.

1958 wurde ich konfirmiert. Nachdem man Papa nicht in Ruhe ließ, musste ich auch noch die Jugendweihe mitmachen und in der Schule wurden wir bearbeitet, dass es jetzt an der Zeit wäre zum Übertritt in die FDJ. Dies konnte ich geschickt verhindern. Mit dem jungen Lehrer traf ich mich zu Spaziergängen und die ersten Gefühle entstanden - ein heimlicher Kuss -. Heute erinnere ich mich gern daran zurück, wie unbescholten die Zeit damals war.

Dann kam der Tag der großen Wende für unsere Familie. Es war der 7. Mai 1959. Papa kehrte von seinem Dienst nicht mehr nach Hause zurück, wir warteten und ehe wir uns versehen hatten, klingelte es an der Wohnungstüre und zwei Herren im schwarzen Ledermantel mit Hut standen vor der Tür und erkundigten sich nach Papa. Mama konnte keine Auskunft geben, denn wir wussten ja nicht, wo er war.

Sie redeten noch eine Weile auf Mama ein. Unter anderem sagten sie ihr, sie hätten Nachricht, Papa hätte sich aufgehangen im Wald und wollten sie damit aus der Reserve locken. Aber was sollte sie antworten, wenn sie nichts wusste? Und sie verneinte das, dass Papa sich nie umbringen würde und uns im Stich lassen würde. Und merken sie sich eines, sagten sie dann noch: "Sie können nichts aus der Wohnung entfernen, wir haben alles im Auge." Dann gingen sie wieder.

Mein Bruder war an diesem Tage bei Opa, denn sie wollten in den Zoo. Mama und ich waren erst mal schockiert. Da klingelte unser Telefon und Mamas Schwester aus Berlin-Tempelhof war am Apparat. "Bitte kommt mich unbedingt heute alle besuchen, ich habe solche Sehnsucht nach Euch." Mama und ich konnten uns denken, dass dies eine verschlüsselte Nachricht war. Ich packte sofort meine runde Basttasche mit Sachen für Papa, ich dachte nicht an mich und Mama nahm schnell ihre notwendigsten Sachen in die Handtasche. Wir sahen zum Fenster hinunter und tatsächlich sahen wir die beiden Herren auf der anderen Straßenseite stehen.

Nun war eine List gefragt und wir gingen durch den Keller über den Hinterhof durch einen anderen Hausausgang auf die Straße und schnurstracks zum S-Bahnhof und setzten uns in den Zug nach Westberlin, wir waren beide schweißgebadet. Als der Zug dann die Grenze überfuhr, weinten wir vor Aufregung. In Tempelhof angekommen, war es tatsächlich so: Papa war bei der Tante.

Nun gab es ein Problem: Mein Bruder war noch in Adlershof und so machte sich meine tapfere Mama auf, fuhr zurück zu Opa und holte meinen Bruder. Sie kamen auch wohlbehalten wieder in Tempelhof an und wir waren alle wieder vereint. Zwar hatten wir nur die Sachen, die wir alle am Körper trugen, hatten kein Geld durch den Feiertag, es war der 8. Mai - Mama konnte auch nichts mehr abholen. Aber was war das alles gegen die Freiheit!

Mama und Papa wurden wochenlang durch die Besatzungsmächte verhört, bis wir als politische Flüchtlinge anerkannt wurden und dann nach Frankfurt ausgeflogen wurden. Von dort kamen wir nach Hammelburg ins Aufnahmelager. Wir hausten dort in einem Zimmer mit 25 bis 30 Menschen, ein Gestank, ein Lärm. Wir bekamen Blechnäpfe und mussten uns mit diesen zum Essen holen anstellen. Es gab Ungeziefer und Mama weinte nur noch, Papa wurde immer schweigsamer, wir waren total verängstigt.

Dann, nach etlichen Wochen wurden wir nach Neuburg gebracht und dort bekamen wir endlich ein eigenes Zimmer für uns vier. Mama bekam nach einigen Wochen in Nürnberg einen Job als Sekretärin und musste nun allein nach Nürnberg, wohnte dort in einem Frauenheim. Es war grausam. Papa bekam nach langer Zeit endlich auch einen Job in Nürnberg und somit konnten wir alle nach Nürnberg übersiedeln.

Dort bekamen wir dann eine Drei-Zimmer-Sozialwohnung. Wir hatten wochenlang keine Möbel, auf den Fensterbänken saßen wir, um zu essen. An allem musste gespart werden, aber die Eltern ließen sich nicht unterkriegen. Wir erhielten einen Kredit. Mit dem Geld wurden dann die ersten Möbel gekauft und so langsam - nach und nach konnten wir wieder wie normale Menschen leben. Dank der Sparsamkeit der Eltern hatten wir dann nach vielen Jahren auch wieder einen schönen Hausstand und konnten in den ersten Urlaub fahren.

Dieses einschneidende Erlebnis werde ich wohl nie vergessen, denn wir haben noch gelernt, mit wenig auszukommen, zu sparen und trotzdem eine glückliche und zufriedene Familie zu sein. Unser Zusammenhalt ist bis heute geblieben und jeder ist immer für den anderen da.