Kurzbiografie & Interview Steffen Schneider - Regie

Steffen Schneider, Jahrgang 1967, studierte Philologie und Soziologie an den Universitäten Aberdeen und Rostock und besuchte die Henri-Nannen-Schule. Er arbeitete als Redakteur für mehrere Zeitungen, bevor er als Autor zum NDR kam. Seit 1994 arbeitet er als freier Regisseur für nonfiktionale Produktionen zwischen 5 und 50 Minuten für NDR, ZDF, WDR, ARTE, VOX, DSF, Schweizer Fernsehen. Er erhielt unter anderem den Ernst-Schneider-Preis, den Medienpreis des DGB, den Axel-Springer-Preis und eine Nominierung für den International Documentary Award.

Was möchte die Fernsehdokumentation „Damals in der DDR" vermitteln?

Damals in der DDR will ein Bild des Alltags in der DDR beschreiben. Also durch die Erfahrungen und Erlebnisse von Einzelnen, die aber nicht nur deshalb spannend und erzählenswert sind durch Ihre Skurrilität oder Schicksalhaftigkeit sondern die immer auch stellvertretend für Stimmungen oder Situationen stehen, die ganz viele Menschen in der DDR erlebt haben.

16 Jahre nach dem Mauerfall – Inwiefern hilft die Distanz bei der Darstellung der DDR-Geschichte? Braucht es diese Distanz, um ein authentisches Bild der DDR zeichnen zu können?

Es hilft. Das ist doch immer so, dass Geschichte erst von der nachfolgenden Generation begriffen bzw. aufgeschrieben und bewertet wird. Vielleicht ist die Distanz sogar noch zu klein. Wir haben das oft gemerkt, dass viele Menschen, die wir interviewt oder anderweitig befragt haben, noch lange nicht abgeschlossen hatten mit "ihrer" DDR. Da gab es viel Befangenheit, oft auch Vorsicht und auch Verdruss.

Bedeuten die unterschiedlichen Autoren auch unterschiedliche Ansätze?

Die ganze Serie war ja so angelegt, dass eben gerade nicht Autorenfilme daraus werden, mit unterschiedlichen Herangehensweisen und Handschriften. Es soll ja ein Produkt sein, ein zehnteiliges, das am Ende wirkt, wie aus einem Guss. Natürlich haben die verschiedenen Autoren unterschiedliche Arbeitsweisen, Erfahrungen, Temperamente und verschiedene eigene DDR-Vergangenheiten. Aber genau dagegen steht ein vieldiskutiertes und in etlichen Workshops gereiftes optisches und inhaltliches Serienkonzept, das für individuelles Ausleben wenig Platz lässt, wohl aber für sehr genaues Arbeiten, akribische Archivsuche und durchdachte Spielszenen. Den Filmen tut das sehr gut. Sie haben verschiedene Gesichter, aber erkennbar alle die gleichen Eltern!

Wie haben Sie sich dem Stoff genähert? Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?

Die Stoffe sind in der Theorie in langen Sitzungen zusammen mit der MDR-Redaktion entwickelt worden. Dann ging es an die Recherche und den praktischen Nachweis: Stimmt das eigentlich alles, was wir aus der eigenen Vergangenheit und den eigenen Erlebnissen noch wissen von der DDR...
Dabei entpuppte sich manches auch als nicht mehr haltbares Vorurteil. Am Ende hat sich aber vieles von dem, was wir im Büro aus eigenem Erfahrungschatz zusammentrugen als wahr entpuppt. Schließlich haben wir ja auch viele Zeitzeugen gefunden, die das bestätigen. Natürlich gab es auch oft Überraschungen nach dem Motto: Das ist ja so krass, das kann man ja fast gar nicht glauben.

Hat sich Ihr Konzept während des Drehprozesses verändert?

Das große Konzept hat sich nicht verändert. Wir haben Geschichten ausgewählt, ausgetauscht, verworfen. An Inhalten gefeilt, verbessert und auch verworfen. Wie das immer so ist. Aber die Struktur, das Gerüst und die Grundidee blieben stabil. Zum Beispiel, der Film "D-Mark für alle" war vom ersten Tag an immer ein Film über die Währungsunion, erzählt vom Frühjahr 1990 bis in den Spätsommer. Dabei ist es während der gesamten Produktionszeit geblieben. Verändert hat sich auch nicht die Erzählperspektive: Aus den Betrieben heraus, aus der Sicht der Menschen auf der Straße.

Verworfen haben wir einzelne Geschichten, bessere gesucht, treffendere, geografisch besser verteilte, die Lebenswirklichkeit besser abbildende. Mit anderen Worten: Die Mischung sollte stimmen, da haben wir viel gebastelt und gelitten ... Aber es war gut so. Man sieht es, hoffe ich!

Welches Schicksal, welche Geschichte, welche Szene hat sie besonders beeindruckt?

Das war einmal die Geschichte von Siegfried Wehrhoff, der erst als letzter "echter" Flüchtling aus der DDR im Juni 1989 über die Elbe schwamm (Teil 6) und schließlich als Geldhändler am Westberliner Bahnhof Zoo im Frühjahr 1990 sehr viel Geld verdiente.

Sehr berührt hat mich der Lebensweg von Karin Stirkath aus Wittstock, die zehn Jahre brauchte, wie sie selber sagt, um mit der Wende klarzukommen. Zehn Jahre fühlte sie sich im wiedervereinigten Deutschland völlig fehl am Platze, wollte ihre DDR zurück. Erst jetzt hat sie sich eingewöhnt. Aber ihr SED-Parteibuch hütet sie nach wie vor wie ein Licht aus einer besseren Zeit.

Das hat mich deswegen so beeindruckt - weil es mir gezeigt hat, was Heimat bedeuten kann.

Wie sang Gerhard Gundermann:

Auch wenn der Teufel den Mann aus dem Land reißt,
er kriegt das Land nicht raus aus dem Mann.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2011, 09:47 Uhr