Zeitzeuge Andreas Ihlenburg

Andreas Ihlenburg ist ein Autonarr. Sein besonderes Interesse gilt den Autos aus dem Westen: "Die Autos kannte man ja aus dem Fernsehen. Und immer wenn die Westverwandtschaft kam, war es immer ein supertolles Erlebnis mit so einem fetzigen Westwagen zu fahren."

Sein Traumauto ist grün lackiert und hat getönte Scheiben – ein Opel Senator. Gefunden hat er ihn auf einem Gebrauchtwarenmarkt in Rostock. "Ich habe einfach aus Neugier mal geguckt. Es war zwar möglich, Autos zu kaufen, aber es war ja trotzdem noch eine gewisse Hemmung da. Und dann habe ich dieses Auto gesehen", erinnert sich der Rostocker.

8.000 Ostmark kostet dieser Traum, genauso viel wie Andreas Ihlenburg auf seinem Sparbuch hat. Nach der Probefahrt gibt es für ihn kein Zurück mehr: "Ich hab mich ins Auto gesetzt und dachte, das ist der Wahnsinn, das ist ja eine Couch. Und erst der Klang beim Umdrehen des Zündschlüssels. Das war nicht so ein hämmerndes Geräusch wie beim Zweitakter. Und als ich berghoch im zweiten Gang 100 gefahren bin, hab ich mit gesagt, den musst du haben." Der gelernte Uhrenmacher verhandelt gar nicht um den Preis, er hebt sein gesamtes Erspartes ab und der Opel Senator gehört ihm. Doch der Traum dauert gerade mal eine Woche, dann gibt das Auto seinen Geist auf.

Wenige Wochen vor der Währungsunion hat Andreas Ihlenburg nichts mehr umzutauschen. Sein ganzes Geld steckt in den schrottreifen Opel Senator. Aber auch er will dabei sein, wenn die DDR-Sparguthaben in D-Mark umgetauscht werden. Da die Oma des Rostockers Schmuckhändlerin ist, weiß er, dass in der DDR noch ein Goldpreis von 205 Mark pro Gramm gilt. Ein sensationelles Verhältnis von 1:10 zum Weltmarktpreis. Und als er in einem westdeutschen Motorradkatalog eine MZ sieht, die dort fast genauso viel kostet wie im Osten, kommt ihm eine Idee.

Er borgt sich von seiner Großmutter 30 Gramm Gold und verkauft sie für 205 Ostmark pro Gramm in der DDR. Nun hat er 6150 Ostmark und für die kauft er ein Motorrad, das er gleich wieder im Westen verkaufen will, um von dem Erlös im Westen wiederum 150 Gramm Feingold kaufen und anschließend in der DDR wieder verkaufen zu können. Als Ziel dieser aufwendigen Aktion erhofft sich Andreas Ihlenburg ein prima Startkapital in Ostmark, das zur Währungsunion 1:1 bzw. 2:1 in D-Mark getauscht wird.

Doch die Idee mit den Motorrädern haben schon andere vor ihm. "Als ich dann beim dritten Händler war und der zu mir sagte: 'Also ich versteh' das nicht, in den letzten Wochen kommen hier lauter Ossis angedallert und wollen mir Motorräder verkaufen. Ich habe hier soviel Motorräder gekauft in letzter Zeit. Einen Tausender kann ich dir geben.' Da hab' ich gedacht, das kann doch wohl nicht wahr sein. Das war nun gar nicht mein Plan."

Andreas Ihlenburg hatte nun kurz vor der Währungsunion ein Motorrad, das er nicht brauchte, Schulden bei der Oma und keine müde Ostmark auf dem Sparbuch. Auch hier bewahrheitete sich der berühmte Wendespruch: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2011, 11:15 Uhr