Republik am Abgrund

Januar bis zum Spätsommer 1989

1989: Die Kluft zwischen sozialistischer Erfolgsberichtserstattung in den SED-Medien und den real existierenden Arbeits-, Lebens- und Umweltbedingungen wird immer größer.

Ein Film von Steffen Schneider und Karsten Laske

Die Bevölkerung spürt den allgemeinen Niedergang und schüttelt immer mehr den Kopf angesichts der wachsenden Kluft zwischen sozialistischer Erfolgsberichtserstattung in den SED-Medien einerseits und den real existierenden Arbeits-, Lebens- und Umweltbedingungen andererseits.

"Die Leute ha'm das alles so hingenommen, war'n einfach keine Kämpfer", beschreibt Ingrid Schöneck die Situation in ihrem Betrieb, dem VEB Volltuch in Crimmitschau. Die Maschinen sind uralt. Das Material für die Produktion ist von schlechter Qualität und überall ist es schmutzig. In den 70er Jahren hatte der westdeutsche Versandriese Neckermann noch jede Woche Ware abgenommen. Jetzt, Ende der 80er, interessiert sich niemand mehr im Westen für die Stoffe aus Crimmitschau. Lediglich die sozialistischen Bruderländer nehmen den einstigen DDR-Exportschlager ab. Wie gefährlich die Situation in der Fabrik tatsächlich ist, muss Ingrid Schöneck am eigenen Leib erfahren, als ein Webschützen wie ein Projektil aus der Maschine schießt - geradewegs auf sie zu.

Die Männer an der Spitze des Staates sind im Sommer '89 nicht mehr in der Lage, die vielen DDR-Flüchtlinge in Prag und in Budapest zur Rückkehr ins Heimatland zu bewegen. Siegfried Wehrhoff gelingt als letztem DDR-Bürger die Flucht über die Elbe. Honeckers Worte, die Mauer werde noch 100 Jahre existieren, hatten ihm jede Hoffnung auf Veränderung genommen. Wochen Zeit später verlassen Tausende die DDR über Ungarn. Die friedliche Revolution beginnt.