Staat am Ende

Sommer und Herbst 1989

Der Machtapparat ist in höchster Alarmbereitschaft, denn die Menschen zeigen immer offener ihre Unzufriedenheit, demonstrieren oder flüchten. Und die SED feiert noch.

Ein Film von Britt Beyer und Karsten Laske

Rund um Budapest und entlang der Grenze von Ungarn nach Österreich warten viele DDR-Bürger darauf, legal oder illegal in den Westen auszureisen. Noch bevor der Eiserne Vorhang fällt, fliehen viele über die grüne Grenze. Hunderte Autos mit DDR-Kennzeichen stehen verlassen auf den Parkplätzen. Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit sollen die Trabis, Ladas und Wartburgs auf Befehl von ganz oben in die DDR zurückbringen.

Stasi-Hauptmann Lothar Wötzel wird abkommandiert, um diese Autos in einem Außenlager der HVA in Freienbrink zu inventarisieren: "Wir haben jeden Schraubenschlüssel, jede Mutter, jedes Ersatzteil
aufgenommen."

Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass es die DDR bald nicht mehr geben wird. Der Machtapparat ist in höchster Alarmbereitschaft, denn die Menschen zeigen immer offener ihre Unzufriedenheit. Ein letztes Mal versucht die SED-Parteiführung das Ruder herumzureißen. Der 40. Jahrestag der DDR wird nach allen Regeln des real existierenden Sozialismus inszeniert. Während sich Honecker und die Staatsgäste im Palast der Republik zuprosten, läuft der Feiertag draußen aus dem Ruder. "Gorbi, Gorbi" und "Stasi raus" werden tausendfach am anderen Ufer der Spree skandiert. Polizei und Stasi greifen brutal durch. Doch die Zeit des alten Regimes läuft ab. Zwei Tage später demonstrieren in Leipzig über siebzigtausend Menschen für demokratische Veränderungen. Auch Honeckers Rücktritt kann die Demonstrationswelle im ganzen Land nicht mehr aufhalten.

Im thüringischen Mühlhausen ziehen die Protestierenden mutig zur MfS-Kreisdienststelle. Günter Siegel, der örtliche Stasi-Chef, bereitet sich und seine Mitarbeiter auf die Verteidigung der Dienststelle vor. Waffen werden ausgegeben. "Wir hätten möglicherweise geschossen, wenn es um unser Leben gegangen wäre", sagt er heute. Doch soweit kommt es glücklicherweise nicht. Die Demonstranten ziehen weiter. Die Revolution verläuft friedlich. Am 9. November fällt die Mauer.