Zeitzeuge Günter Siegel

Überall im Land wird Montag für Montag demonstriert. Jede Woche werden die Menschen mutiger. Auch im thüringischen Mühlhausen. Am 20. Oktober nehmen Hunderte an einem Friedensgebet in der Kirche teil.

Günter Siegel ließ sich gleich nach dem Abitur vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) anwerben und machte dort Karriere. Seit 1986 ist er der Chef der Kreisdienststelle Mühlhausen. Am Abend des 20. Oktober steht er im Stasi-Gebäude am Fenster. Zum ersten Mal kommen die Demonstranten den Berg herauf.

Etwa 2000 Bürger versammeln sich vor dem Stasi-Gebäude und stellen ihre Kerzen ab. "Es war schon beängstigend, diese Menschenmasse vor dem Gebäude stehen zu sehen - eine äußerst beklemmende Situation. So etwas hatte ich überhaupt noch nicht erlebt in meiner über 30-jährigen Dienstzeit", beschreibt Siegel seine Gefühle.

Die Situation bleibt friedlich. Einige rütteln zwar an den Türen, werden aber von anderen wieder zurückgezogen. Um für kommende "Belagerungen" gewappnet zu sein, entwickelt man eine Anleitung, wie man sich verhalten soll, wenn Demonstranten im Begriff sind, ein militärisches Objekt zu betreten.

Die Lage ist sehr ernst, schlussfolgert Stasi-Chef Mielke in Berlin. Er befiehlt, alle operativen Unterlagen in Panzerschränken zu verschließen. Er und seine Männer haben das Land nicht mehr unter Kontrolle.