Zeitzeuge Lothar Wötzel

Lothar Wötzel arbeitet im Ministerium für Staatssicherheit, kurz Stasi genannt. Er ist zuständig für die Aufklärung von Kriegsverbrechen in der NS-Zeit, stellt Nachforschung zu Widerstandskämpfern und Gestapo-Spitzeln an. Im Spätsommer 89 soll er sich plötzlich um Autos kümmern, Autos von Republikflüchtlingen. In Budapest und in Prag stehen immer mehr Trabbis, Wartburgs und Skodas mit ostdeutschen Kennzeichen. Sie gehören DDR-Bürgern, die alles zurückließen, um in den Westen zu fliehen.

Stasi-Mitarbeiter holen die Autos wieder zurück in die DDR, in die Sammelstelle Freienbrink bei Berlin. In Freienbrink sollen die Trabis, Skodas, Wartburgs und Ladas polizeilich aufgenommen werden, um sie wieder an die ehemaligen Besitzer auszuhändigen. Mit Akribie werden die Fahrzeuge samt Inhalt aufgenommen. Jeder Schraubenschlüssel, jedes Ersatzteil – alles wird penibel im Protokoll verzeichnet. Im Herbst werden sogar die Autobatterien ausgebaut und in Baracken zur Überwinterung untergestellt. Keiner glaubt an so etwas wie den Mauerfall.

Es hagelt Beschwerdebriefe. Viele Flüchtlinge hatten vor ihrer letzten Fahrt das Auto verkauft oder verschenkt. Die neuen Besitzer freuten sich, denn Trabbis waren Mangelware in der DDR. Die Stasi war allerdings schneller und die Autos weg. Die neuen Eigentümer fordern nun vom Staat die Autos zurück. In manchen Fällen gelingt das, in anderen Fällen muss erst die staatlich angeordnete Rückführung bezahlt werden.

Während Lothar Wötzel die Trabbis in Protokoll aufnimmt, fragt er sich, warum so viele Menschen die DDR verlassen. „Wir haben ja die Verhältnisse gekannt, es gab ja auch genügend Analysen, den Bankrott der DDR-Wirtschaft voraussagten. Und mit der Wirtschaft steht und fällt eine Gesellschaftsordnung“, sinniert Wötzel. Er arbeitet aus Überzeugung für die Staatssicherheit und ist selbst im Spätsommer 89, bevor die Ausreisewellen einsetzen, davon überzeugt, dass das sinkende Schiff noch zu retten ist.