DDR-Bürger auf der Leipziger Buchmesse 1986
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Frühlingsfest der Leseratten

Die Leipziger Buchmesse war für lesehungrige DDR-Bürger das Frühjahrsereignis. Hier bekamen sie sogar Bücher in die Hand, die als geheime Verschlusssache galten.

DDR-Bürger auf der Leipziger Buchmesse 1986
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Die Leipziger Buchmesse galt mit bis zu 1.000 ausstellenden Verlagen aus aller Welt als wahres Leseratten-Paradies. Aber die Messebücher waren nur Ausstellungsstücke - also las man sie gleich dort, wenn es sein musste im Stehen. Wer es an einem Tag nicht schaffte, kam am nächsten Tag wieder. Mehr noch wurden ganze Bücher abgeschrieben, besonders von Studenten – einer diktierte, der andere stenografierte mit.

Tor zur Welt

Eine Erfindung der DDR ist die Leipziger Buchmesse nicht. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert galt die Stadt als das Zentrum des deutschen Buchhandels. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg lief die Frankfurter Buchmesse der Leipziger den Rang ab. Buchmesse – das bedeutete viele Gelegenheiten, Schriftstellern beim Vorlesen zu lauschen. In den 80-er Jahren berichteten beispielsweise russische Schriftsteller von der Perestroika, die DDR-Bürger hörten eifrig zu und diskutierten. Zudem fanden sich auf der Messe viele begehrenswerte Bücher westlicher Autoren. So manches hier gesehene Buch mussten Verwandte dann heimlich von ihrer Westreise mitbringen.

Sozialismusschau und Devisenquelle

Selbst Honecker und Co., die nicht zu den Literaturfreunden zählten, zeigten sich gern im Kreis der internationalen Verlagsvertreter. Für die DDR-Führung war die Messe allerdings eher eine Renommierveranstaltung. Hier demonstrierte man der Welt die Attraktivität des Sozialismus. Zudem sicherte die Messe wichtige Devisen, denn viele Westverlage ließen ihre Werke gern billig in der DDR drucken. Auch für Westverlage wie Suhrkamp, Rowohlt und S. Fischer galt die DDR als wichtiger Markt. Denn hier ließ sich die eine oder andere Lizenz an die andere deutsche Hälfte verkaufen.

Bücherklau als Verkaufsbarometer

Damit die begehrten Bücher der Westverlage nicht einfach im Gedränge verschwanden, hingen sie an Angelsehnen. Langfinger hielt das aber kaum ab. So verschwanden Werke von Heinrich Böll und Wolf Biermann ebenso wie die Biografie John Lennons. Für den Westberliner Verleger Klaus Wagenbach galt der Bücherklau stets als wichtiges Barometer für den Büchermarkt: Was auf der Messe verschwand, verkaufte sich hinterher auch gut.

Die Wende bedeutete nicht nur das Aus für die DDR, auch das abgeschottete Leseland hörte auf zu existieren. Nun gab es Bücher im Überfluss. Während die Frankfurter Buchmesse weiter aufblühte, wurde die in Leipzig zunächst tot gesagt. Die Verlage der ehemaligen DDR hatten andere Sorgen - sie kämpften ums Überleben. Doch bereits 1991 öffnete die erste Nachwendemesse in Leipzig ihre Tore. Die Stadt besann sich auf ihre lange gewachsene Tradition der Buchkultur. Ein Pfund, mit dem es zu Wuchern galt - und das Frankfurt nie besaß.

Klaus Wagenbach 2 min
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Bücherfrühling mit Literaturparty

Inzwischen hat sich Leipzig seinen Ruf als Bücherstadt zurückerobert. Auch der Umzug der Messe 1998 aus der Innenstadt auf das neue Messegelände brachte der Buchmesse weitere Erfolge. Das Publikum ist begeistert wie eh und je. Zur Buchmesse ist die ganze Stadt im Literaturfieber. Inzwischen ist es selbstverständlich geworden, mal hier ein wenig dem alten Biermann zuzuhören, anderswo einer jungen Hamburger Autorin, um dann noch bis spät in die Nacht auf einer Literaturparty zu feiern.

Zuletzt aktualisiert: 06. März 2009, 14:30 Uhr