Besucher 1986 auf der Buchmesse in Leipzig
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Lexikon Leseland DDR

Wenn es auch nicht viel gab in der DDR – Zeit gab es beinahe unbegrenzt. Da Bücher fast nichts kosteten, wurde die freie Zeit gern zum Schmökern genutzt. Und so schmückte sich der sozialistische deutsche Staat gern mit dem Begriff "Leseland DDR".

Besucher 1986 auf der Buchmesse in Leipzig
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Die SED verfolgte mit der Literatur eigene Ziele. Sie förderte sie, bestimmte aber gleichzeitig, was gelesen werden durfte und wie viel sozialistische Wirklichkeit dem Leser zuzumuten sei. Schließlich ging es ja um die ideologische "Erziehung" der Bürger. Zu den von ihr bevorzugten Themen gehörten der Antifaschismus und das frühe Aufbauwerk. Friedrich Wolfs "Professor Mamlock", Hermann Kants "Die Aula", Dieter Nolls "Die Abenteuer des Werner Holt" oder Maxim Gorkis "Mutter" waren in den Schulen Pflichtlektüre.

Begehrte "Bückware": Bücher als Ersatz

Für den ambitionierten Leser boten Bücher die Möglichkeit, Informationsdefizite auszugleichen. Schließlich erfüllten auch Tageszeitungen und Zeitschriften ihren Jubelauftrag für den Staat. Entsprechend fanden sich dort kaum gesellschaftskritische Stimmen - in der Literatur hingegen durchaus. Hier gab es auch gebrochene Charaktere und kritische Gedanken. "Der geteilte Himmel" oder "Kindheitsmuster" von Christa Wolf, "Franziska Linkerhand" von Brigitte Reimann, "Der fremde Freund" von Christoph Hein, der "Wundertäter" von Erwin Strittmatter sind nur einige Beispiele für DDR-Literatur, die verschlungen wurde. Hier begegneten Leser ihrem ungeschönten Alltag wieder.

Diese Werke waren rar und begehrt. Ebenso, wie die bei DDR-Verlagen erschienene Weltliteratur. Getreu dem Motto "Beziehungen schaden auch im Sozialismus nur dem, der keine hat!" pflegte man besser einen guten Kontakt zum Buchhändler, der die Exemplare unter seinem Ladentisch hütete. Ansonsten blieb noch der Gang in eine der zahlreichen Bibliotheken.

Bücher im "Giftschrank"

Staats- und Universitätsbibliotheken führten auch sämtliche Literatur aus dem Westen. Und diese war meist auch frei verfügbar. Verboten waren Werke, die die SED als eindeutig antikommunistisch einstufte, wie etwa Wolfgang Leonhards "Die Revolution entlässt ihre Kinder". Auf dem Index standen ferner Bücher, deren Inhalte als pornografisch oder faschistisch galten oder deren Autoren in den Westen übergesiedelt waren. Diese Werke wurden in so genannten "Giftschränken" verwahrt. Zugang hatte nur, wer einen "Giftschein" besaß – die Genehmigung eines wissenschaftlichen Institutes oder einer Universität.

Surrealisten im "Volksbuchhandel"

In den späten Achtzigerjahren kamen in der DDR Bücher auf den Markt, die jahrelang verboten gewesen waren. Jetzt konnten die Literaturliebhaber in der DDR Peter Weiss' Jahrhundertwerk "Die Ästhetik des Widerstands", die Werke Franz Kafkas und Arno Schmidts kaufen. Sogar die vordem als pornografisch verschrienen französischen Surrealisten standen plötzlich in den Regalen des staatlichen "Volksbuchhandels". "Es ist vorbei", bemerkte der Dramatiker Heiner Müller damals, "sie können nicht mal mehr verbieten." Und genau so war es auch. Wenige Jahre später war das "Leseland DDR" Geschichte.

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2011, 13:25 Uhr