Fußball im Osten Abwerbung oder Talenteklau?

Ehemaligen Oberligaclubs lief nach der Wende der Nachwuchs weg. Talente-Scouts lauerten rund um die Plätze. Entschädigung für die Kosten der Ausbildung gab es nicht.

Mit der ersten Welle gingen die Stars wie Sammer, Thom oder Kirsten zu den reichen Westvereinen. Wenn sie Glück hatten, wurden sie fair behandelt und verdienten nicht nur gutes Geld. Aber überfordert waren sie anfangs allemal. Ulf Kirsten, Ex-Star von Dynamo Dresden, klagte im Mai 1990 gegenüber dem Spiegel: "Ich habe mich total hilflos gefühlt. Viele Leute haben versucht, meine Unkenntnis auszunutzen. Solche linken Dinger, wie sie da laufen, hätte ich wirklich nie erwartet."

Aber das Ausbluten hatte damit kein Ende. Den ehemaligen Oberligaclubs wurden auch noch die besten Talente, teilweise im Alter von 15 bis 17 Jahren abgeworben - 1990 bis 1992 waren es allein 40 hoffnungsvolle junge Spieler. Talente-Scouts wie Hamburgs Ex-Torwart Rudi Kargus lauerten rund um die Trainingsplätze, machten sich Notizen, sprachen aber meist mit keinem Clubverantwortlichen. War die Gelegenheit günstig, nahmen sie den gewünschten Spieler zur Seite, priesen die Vorzüge des Goldenen Fußball-Westens an.

Keine Entschädigung für investierte Ausbildung

Wurden die jungen Spieler zum Probespiel gen Westen gelockt, wussten die Heimatvereine oft nichts davon. Kam es zur Abwerbung, halfen alle Beschwerden nichts. Von wegen Entschädigung für Investitionen in die Ausbildung der Jungs. Auf eine entsprechende Beschwerde Rostocks wegen gar zu dreistem Abwerbens des Hamburger SV in Rostock antwortete der damalige Ligaobmann Horst Eberstein laut "Spiegel": "Sehen Sie das doch als Beweis ihrer guten Jugendarbeit." Für Rostock blanker Hohn. Aber nicht alle Bundesligaclubs bedienten sich kaltblütig im Spielerausverkauf Ost. Bayer Leverkusen unter Rainer Calmund entschied sich für Entschädigungszahlungen, je nachdem welchen Weg das Talent im Westen nahm.

Ostvereine spüren Ausverkaufs-Folgen bis heute

Aber gerade die Abwerbung von Top-Leuten und Talenten in den ersten Jahren hat den Ostfußball bis zum heutigen Tag ausgezehrt. "In erster Linie lag das Dilemma an der massenhaften Abwanderung von Spielern in den Westen. Etwa 150 ehemalige DDR-Spieler waren bereits in den ersten fünf Jahren nach der Wende in die alten Bundesländer gegangen. Diesen Aderlass konnte der Ostfußball einfach nicht verkraften", resümiert DFB-Vizepräsident Hans-Georg Moldenhauer am 4. April im Gespräch mit der Chemnitzer "Freien Presse".