Bewohner der Bärensteinstraße im Ostberliner Neubaugebiet Marzahn sind am 07.08.1982 damit beschäftigt, vor ihren Häusern Grünflächen anzulegen und Sträucher und Bäume zu pflanzen.
Auch im Neubaugebiet Berlin-Marzahn wurde von den Anwohnern gegärtnert Bildrechte: dpa

Eine ganz private Gartengeschichte Spargel hinterm Wohnblock

Das eigene Stück Paradies - das gab es nicht nur in Gartenkolonien mit Namen wie "Feierabend", "Glück auf" oder "Eigener Fleiß". Auch mitten in Wohngebieten lockerten schon früh Gartenflächen das Bild auf und durchbrachen das Betongrau. Auch bei uns zu Hause, in Brandenburg an der Havel, war das so.

von Beate Kaminski

Bewohner der Bärensteinstraße im Ostberliner Neubaugebiet Marzahn sind am 07.08.1982 damit beschäftigt, vor ihren Häusern Grünflächen anzulegen und Sträucher und Bäume zu pflanzen.
Auch im Neubaugebiet Berlin-Marzahn wurde von den Anwohnern gegärtnert Bildrechte: dpa

Hier, im Arbeiterviertel aus den 30er-Jahren, hatten sich die Bewohner im Laufe der Jahrzehnte ihr eigenes Kleinod geschaffen. Nur wenige Schritte waren es von der Wohnung in den Garten, niemand musste mit Sack und Pack ins Auto, um "in den Garten zu fahren". Schnell mal ein paar Äpfel für den Kuchen pflücken - hier ging das. Für sechs bis zehn Mark Miete pro Jahr, je nach Gartengröße, hatte man sein eigenes kleines Reich direkt vor der Haustür.

Oase in Sichtweite rauchender Schornsteine

Die Lage unserer kleinen Gärten im Südwesten der Stadt war besonders zu DDR-Zeiten Segen und Fluch zugleich. In Sicht-, Riech- und Hörweite lagen mehrere große Betriebe: ein Metallkombinat, ein Getriebewerk, ein Werk für technische Gase und eins der größten Stahlwerke der DDR. Rauchende Schornsteine schickten Ruß und Staub hinüber zu den Bäumen und Sträuchern, die Erde in den Beeten war grauer als anderswo. Doch gerade deshalb war die kleine Oase den Anwohnern so wichtig: Das eigene Stück Natur vor der schmutzigen Industriekulisse schaffte ein willkommenes Gegenstück zum Alltag, lenkte ab, beruhigte Auge und Ohr.

Und außer Südfrüchten zogen die Hobbygärtner hier so ziemlich alles heran, was der Garten hergab. Vor und hinter unserem graubraunen Wohnblock wuchsen neben Rosen, Tulpen und Flieder auch Äpfel, Erdbeeren, Kirschen, Rhabarber, Himbeeren, Pfirsiche, Aprikosen und Johannisbeeren, sogar zwei riesige Nussbäume und Spargelreihen. Der Obst- und Gemüsevorrat war dadurch trotz des dauernden Mangels in den Lebensmittelläden fast immer gedeckt.

Aschenputtel im Obstgarten

Blick auf eine Kleingartenanlage am Rande von Ost-Berlin.
Kleingartenanlage in Ost-Berlin Bildrechte: dpa

Doch vor das sonntägliche Kompott aus eingeweckten Kirschen oder die Torte mit frischen Erdbeeren stellte der Herrgott die Arbeit. Äpfel wollten gepflückt, Beete gepflegt und Nüsse kiloweise aufgesammelt werden. Dazu das viele Unkraut, das sich zwischen die Sträucher und Blumen schummelte. Nein, das war in der Tat kein Zuckerschlecken - zumal fast jeder auch noch einen Beruf hatte. Gartenarbeit musste deshalb nach Feierabend oder am Wochenende verrichtet werden. Eine nicht immer beliebte Arbeit, auch bei mir. Ich war damals ein Teenager und fand die Arbeit im Garten eher mühsam als angenehm. Wenn ich im Herbst im nasskalten Wetter raus musste, um stundenlang Nüsse aufzusammeln, war ich stinksauer. Hellbraune Nüsse zwischen hellbraunen Blättern finden - ich kam mir vor wie Aschenputtel. Unkraut zupfen war noch viel schlimmer. Dass jeder anpacken muss, konnte ich damals noch nicht verstehen.

Viel schöner war es da natürlich, wenn man zum Beispiel im Sommer aus dem Ferienlager kam, Mutti und Vati schon kiloweise Erdbeeren und Pfirsiche geerntet und eingeweckt hatten. Das fehlt mir inzwischen sehr. Wir hatten immer Obst im Haus - eigentlich mehr als heute, wo es alles gibt. Und man wusste, woher es kam. Alles war frisch verarbeitet und nicht mit Konservierungsstoffen behandelt.

Spielen unter dem Rasensprenger

Eine weitere schöne Erinnerung: die Grillabende. Mein Vater hat auf Knien unsere Terrasse betoniert. Und er hat noch das Datum mit der Hand in den feuchten Beton gemalt. Hier saßen wir dann im Sommer fast jedes Wochenende, luden Nachbarn oder Verwandte ein, packten Bratwurst und Brotscheiben auf den Grill. Und dazwischen sprangen die Kleinen unterm Rasensprenger durch oder brachten die Hollywoodschaukel fast zum Umkippen. An diese Sommer erinnere ich mich wie viele Hobbygärtner heute noch besonders gern.

Autos statt Spargelreihen

Das alles und sogar die anstrengende Gartenarbeit vermisse ich heute schmerzlich. Die Terrasse ist inzwischen verwittert, die eingemalte Zahl kaum noch zu erkennen. Der Garten drum herum ist fast verschwunden, musste zur Hälfte einem Parkplatz weichen. Sowohl unser vordere als auch der hintere Teil, wo früher alles grünte und blühte, wurden neu vermietet - meine Eltern wohnen nun woanders, sind zu alt für anstrengende Gartenarbeit.

Jetzt stehen hier fast nur noch Zierpflanzen und ein paar Apfelbäume. Wo früher Spargel wuchs, parken jetzt Autos. Die Nussbäume wurden gefällt, die Sträucher entsorgt, ein Steingarten erspart dem neuen Mieter der Fläche jetzt viel Mühe. Es macht sich einfach niemand mehr die Arbeit, viel Obst anzubauen. Und Nüsse sind für wenig Geld im Supermarkt zu haben - ganz ohne Einsatz als Aschenputtel.

(zuerst veröffentlicht am 10.09.2009)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Der Osten - Entdecke, wo du lebst | 24.09.2013 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2010, 11:07 Uhr