Wolfgang Herger und Egon Krenz, 1990.
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Interna Aus dem Tagebuch eines Politbüromitglieds

Wolfgang Herger war seit 1976 für Sicherheitsfragen im ZK der SED zuständig. Im November 1989 wurde er ins Politbüro gewählt. Seine Tagebucheintragungen reflektieren den Zerfallsprozess der SED.

Wolfgang Herger und Egon Krenz, 1990.
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22. Mai 1989:

Wieso will Erich Honecker die Wahrheit nicht wissen? Es wird höchste Zeit, sich ihr zu stellen.

3. August 1989:

Bin auch im Urlaub mit meinem Hauptproblem nicht klargekommen: Was wird bei uns? Wie soll es weitergehen? Der Druck – auch und gerade in unseren eigenen Reihen – wird immer stärker. Stimmt es noch, dass Alter und Weisheit zusammengehen? Oder stimmt eher das Gegenteil?

August 1989:

Die Welle der Tausenden rollt. Es ist nahezu unerträglich, die vorwiegend jungen Gesichter in den Westmedien zu sehen ... Es ist schwer, das aus der zweiten Reihe zu ändern, doch vieles ist möglich. ... Es dauert nur etwas länger.

September 1989:

Deprimierender Tag. Ich werde in meiner Einschätzung über die Lage in der höchsten Führung hin- und hergerissen. Heute hatte ich das Gefühl, dass ganz oben nichts klar ist oder man auf den chinesischen Weg zutreiben will! Wir werden das Flüchtlingsproblem nicht los. Unsere Führungsschwäche wird unerträglich.

4. Oktober 1989:

Große Schlacht um den Dresdener Hauptbahnhof. Mehr als zehntausend blockierten die Strecke, über die die Züge aus Prag Richtung BRD fahren sollen. Der erste Zug sollte gegen 20 Uhr Dresden passieren. Es gelang erst 1 Uhr. Einsatz der Armee schon vorbereitet. Die Lage wird immer ernster. Eine subjektive Entscheidung jagt die andere. Müssen durchhalten bis Dienstag.

8. Oktober 1989:

Das war nun der 40. Jahrestag der DDR ... Die heutige Politbürositzung vertagte sich auf morgen. Ich habe – trotz einiger Zweifel - dennoch die Gewissheit, dass morgen eine Erklärung angenommen wird. Obwohl Honecker strikt dagegen ist. Es geht um eine Frage: Kaderfrage!

16. Oktober 1989:

Leipzig ist überstanden. Wieder 80.000. Dieses Mal mit Transparenten für "Neues Forum". Das Wichtigste an diesem Montag war aber die unmittelbare Vorbereitung auf die morgige Sitzung des Politbüros. Hoffentlich fällt morgen keiner um. Die Mehrheit ist zunächst knapp genug.

Ende Oktober 1989:

Eine angedrohte Demonstration jagt die andere. Der Alltag der Wende beginnt. Komme vom Telefon nicht weg. Es wird immer deutlicher, weitere Politbüromitglieder müssen weichen. Mielke will nicht zurücktreten. Es hat keinen Sinn, er muss es tun.

5. November 1989:

Die Pfiffe (gegen Günter Schabowski auf der Demonstration am 4.11. auf dem Berliner Alexanderplatz - Anm. der Red.) waren nicht persönlich gemeint, sie gingen gegen die Partei. Das schmerzt. Doch vieles wurde gesagt, was von uns sein könnte. Wir haben zu lange geschwiegen. Das ist ein solches Verhängnis, dass jetzt die Frage akut wird: Wo gehst du hin, DDR?

Ende November 1989:

Wir werden von den Ereignissen getrieben. Gestern wurde die Forderung gestellt: Freie Wahlen schon im nächsten Jahr. Wir verlieren bereits deutlich an Mitgliedern. Anti-sozialistische Kräfte haben beachtlichen Spielraum.

4. Dezember 1989:

Einer der verrücktesten Tage meines Lebens. Fahre wie immer ins ZK. Dort fragt mich jemand: "Weißt du überhaupt, ob du in dein Zimmer kommst?" Markus Wolf und Gregor Gysi haben verkündet, dass alles versiegelt ist. Am Tor des ZK werde ich vom Posten, der mir gestern noch salutierte, abgewiesen: "Sie haben Verbot, das Objekt zu betreten! Haben Sie mich richtig verstanden?" So sieht also das Ende aus.


(Quelle: Das Ende des Politbüros. Film von Thomas Grimm, Jens Becker. MDR 2009)

Zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2010, 15:13 Uhr