ORWO - Original Wolfen Filmtradition in Wolfen

Am 15. Juli 1909 wurde mit dem Bau der Filmfabrik in Wolfen begonnen. Ein Jahr später war sie fertig. Im Laufe der Jahrzehnte wuchs das Werk zu gigantischer Größe heran. In der DDR stand der Name Wolfen für Superlative: für Produktionsmengen in riesigen Dimensionen, für einen der größten Arbeitgeber des Landes - und für Umweltverschmutzung, die ihresgleichen sucht.

Film- und Industriemuseum Wolfen
Zunächst unter dem Namen Agfa, später unter der neu geschaffenen DDR-Marke ORWO wurden in Wolfen 85 Jahre lang Filme hergestellt. Bildrechte: dpa

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blutete die Filmfabrik, die 1909 als Teil des Agfa-Unternehmens gebaut worden war, zunächst aus: Erst kamen die Amerikaner, die einen Großteil des Wolfener Fachwissens zur US-Konkurrenz von Kodak verfrachteten. Dann fiel das, was übrig war, der Sowjetarmee in die Hände. Teile der Anlagen wurden demontiert und als Reparation in die Ukraine abtransportiert.

Zehntausende arbeiten in der Filmfabrik

Doch seit den späten 1940er-Jahren war die Produktion in Wolfen wieder auf einem guten Weg. 1954 endete die sowjetische Verwaltung der Filmfabrik, die fortan unter dem Namen "VEB Film- und Chemiefaserfabrik Agfa Wolfen" firmierte. 14.000 Menschen standen jetzt in Lohn und Brot. "Man musste gar nicht wissen, wo die Filmfabrik ist, man musste einfach nur mit dem Strom mitgehen", erzählt Manfred Gill vom Filmmuseum Wolfen. "Die Fahrräder waren eine Macht. Das war besonders im Winter eindrucksvoll, wenn man das Lichterband auf der Straße sah."

Filmfabrik Wolfen ORWO
Blick über das Betriebsgelände der Filmfabrik. In der DDR stand der Name Wolfen für lauter Superlative. Bildrechte: dpa

Wollige Wunder aus Wolfen

Wolfen lieferte und verpackte quasi alles, was Deutschland zum Fotografieren, Drehen und Belichten brauchte - hüben wie drüben. Zum Republikgeburtstag am 7. Oktober 1958 wurde dem Dorf das Stadtrecht verliehen. Schließlich war man ja jetzt wer.

Angetrieben wurde der Wolfener Aufschwung von der Chemiekonferenz in Leuna. Anfang November 1958 verkündeten das ZK der SED und die Staatliche Plankommission dort die umfangreiche Ausweitung der chemischen Industrie der DDR. Das Motto: "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit". Jetzt wurden in Wolfen neben Filmmaterial Artikel wie Lichtpauspapier und Zellstoff produziert. Auch neuartige synthetische Produkte kamen von hier - wie "Wolpryla": Die Kunstfaser galt als "wolliges Wunder der Chemie" und sorgte in den 60er-Jahren dafür, dass Stricken wieder in Mode kam.

"ORWO" wird geboren

Das Hauptgeschäft der Wolfener Agfa-Fabrik blieb aber weiterhin die Filmproduktion. Man peilte den Weltmarkt an - musste sich aber zunächst mit rechtlichen Problemen herumschlagen: Seit Anfang der 50er-Jahre gab es auch ein Agfa-Werk im westdeutschen Leverkusen. Ein Namensstreit zwischen Ost und West entbrannte. Zunächst wurde in Wolfen weiter unter der etablierten Marke produziert. Doch ab 1964 ging man in Ostdeutschland eigene Wege und sagte sich von der Traditionsmarke Agfa los: Die Marke ORWO - ein Kunstwort aus "Original Wolfen" - wurde geboren. "ORWO birgt für höchste Qualität" tönte DDR-Werbung und versprach eine höhere Farbsättigung, mehr Brillanz und einen besseren Belichtungsspielraum. Doch dann blieben die Filme bis zum Schluss auf dem Entwicklungsstand der 1960er Jahre.

Model im Bikini wirbt für die Filme des Fotomaterialienherstellers ORWO
Werbung für die DDR-Filmmarke ORWO. Das Fotomaterial aus Wolfen war unter anderem in Brasilien und Indien beliebt . Die Filmfabrik sicherte der DDR-Staatskasse hohe Deviseneinnahmen. Bildrechte: IMAGO

Kantinen, Krankenhäuser und Kultur

Während die ORWO-Technik mit der West-Konkurrenz kaum Schritt halten konnte, kümmerte man sich in Wolfen zumindest vorbildlich um die Arbeiter. Mit einem intakten sozialen Umfeld wollte man sie zu Hochleistungen anspornen. Es gab Krankenhäuser, Kantinen, zahlreiche Kulturangebote und eine eigene Werkssiedlung. Sie sollten einen Ausgleich schaffen zu den harten Arbeitsbedingungen in den nachtdunklen Räumen. "Am Anfang war es schwer", erinnert sich Doris Linke an ihre 24 Jahre in der Filmproduktion. "Wenn man im Sommer von draußen kam, musste man sich erst wieder herantasten, die Hand vors Gesicht, damit man nirgends aneckte. Nach etwa einem halben Jahr war man es aber gewohnt - da hat man sich im Dunkeln sicherer gefühlt als im Hellen."

Größter Frauenbetrieb der DDR

Straßenschild auf dem Gelände der Filmfabrik Wolfen. 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vor allem für die werktätigen Frauen wurde viel getan in der "Stadt des Films": Der Bestellservice für Waren des täglichen Bedarfs erleichterte das Leben, es gab ausreichend Kinderkrippen- und Kindergartenplätze, einen "Muttibus", Erholungskuren und eine werkseigene Schneiderei. In der Betriebsakademie konnten sich Frauen zu Facharbeiterinnen, Meisterinnen und Ingenieurinnen qualifizieren. Die Filmfabrik wurde zum größten Frauenbetrieb der DDR. Noch heute erinnert daran das Denkmal "Chemiearbeiterin" vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude.

Wo der Dreck vom Himmel fällt

Aber es gab auch eine Kehrseite: Schon seit Jahrzehnten wurde das in der Nähe befindliche Restloch des Tagebaus "Grube Johannes" für die Abfallentsorgung genutzt. Abwässer, Schlämme und Abfälle des Werks wurden eingeleitet. Weil in der Fotochemie Silberverbindungen verwendet werden, bekam der schmutzige See südlich von Wolfen schon früh den Namen "Silbersee". Bis zu zwölf Meter dick war die schwermetallhaltige Schlammschicht im See zeitweise. Sie erzeugte große Mengen Schwefelwasserstoff, die zu Gesundheitsschäden führten.

Auch die Luftverschmutzung war enorm. Wolfen, das im Chemiedreieck zwischen Merseburg, Halle und Bitterfeld lag, trug zu einem großen Teil dazu bei, dass jedem Besucher dicke Rauchschwaden und üble Gerüche den Weg wiesen. "Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt" reimte der Volksmund dementsprechend.

DDR : Der sogenannte Silbersee , eine Industriekloake in Bitterfeld , im Februar 1990
Die giftigen Abwässer der Filmfabrik wurden ungeklärt in den berüchtigten "Silbersee" abgeleitet. Bildrechte: IMAGO

Das Ende einer langen Tradition

In den 1970er-Jahren wurde Wolfen zum Stammbetrieb des Fotochemischen Kombinats. Dazu gehörten Werke in Berlin, Dresden, Wernigerode und Calbe sowie die Magnetbandfabrik in Dessau. ORWO wurde zur Marke des Ostens. Doch technisch konnte sie den Anschluss an die internationalen Produkte, die zunehmend aus Ländern wie Japan importiert wurden, nicht halten. Das wurde dem Werk nach der Wende 1989 schließlich zum Verhängnis.

Nina Hagen 2 min
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Do 21.06.2018 15:45Uhr 01:55 min

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Im Herbst 1989 hatte die Filmfabrik Wolfen rund 15.000 Beschäftigte und exportierte weltweit. Doch die benutzte Technik konnte sich mit dem internationalen Standard nicht messen, die Herstellungsverfahren waren veraltet, einige Chemikalien nach westlichen Messstandards zu umweltschädlich. Das Kombinat wurde aufgelöst und ging Mitte 1990 in die Filmfabrik Wolfen AG über. Zwei Jahre später wurde das Unternehmen in die Wolfener Vermögensverwaltungsgesellschaft AG und die Filmfabrik Wolfen GmbH aufgespalten.

Aber die Privatisierung der GmbH scheiterte, 1994 folgte die Liquidation. Einige Firmenteile konnten sich selbständig neu aufstellen. Doch mehrere Werkshallen wurden abgerissen, einige stehen noch heute leer und verfallen. Schließlich aber tauchte der altbekannte Name bei der Firma ORWO Net wieder auf, die sich auf dem digitalen Bildermarkt versucht - und behaupten kann. Der Fotodienstleister bietet Abzüge und Produkte rund um digitale Bilder an und hat nach Branchenangaben mehr als 170 Beschäftigte. Die lange Tradition der Filmproduktion in Wolfen jedoch hat ein Ende.

(Zuerst veröffentlicht am 23.10.2009)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 21. Mai 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2019, 21:41 Uhr

Chemieindustrie in der DDR