Export- und Kassenschlager "Meissener" als "Zahlmittel"

Produkte aus der Meissener Porzellan-Manufaktur waren in der DDR einer der wichtigsten Devisenbringer. Um möglichst viele der wertvollen Güter verkaufen zu können, schreckte der Staat auch vor Konfiszierungen von Privateigentum nicht zurück.

Wenn der Umtauschwert der DDR-Mark auch bis zum Schluss ein geringer war, so ließ er sich doch zumindest an Zahlen festmachen: Für eine D-Mark musste man mal vier, mal fünf oder mal zwölf Ostmark auf den Tisch legen. Ganz anders war das bei der "Währung" Meissener Porzellan. Der Wert der traditionsreichen Porzellangüter war im wahrsten Sinne des Wortes "unschätzbar" und steigerte sich ins Unermessliche. Da war ein Kaffeeservice für sechs Personen selten unter 1.500 D-Mark zu haben, größere Gegenstände kratzten auch gerne an der 100.000 D-Mark-Grenze.

Rasanter Anstieg des Exports

Es wundert nicht, dass angesichts der langjährigen Tradition des Meissener Porzellans und des hohen Werts der Stücke, das "weiße Gold" zu einem der größten Devisenbringer der DDR wurde. Nur wenige Betriebe spülten mehr ausländisches Geld in die Kassen. Die Exportquote der Meißner Porzellan-Manufaktur stieg schon in den ersten Jahren nach Gründung des Arbeiter- und Bauernstaats rasant an: von unter 20 Prozent im Jahr 1952 auf rund 60 Prozent im Jahr 1960, wovon ganze 80 Prozent in nichtsozialistische Länder gingen. Und der Exportanteil stieg auch in den nächsten Jahren weiter.*

Ende der 1970er-Jahre gingen nach inoffiziellen Schätzungen fast 90 Prozent der Jahresproduktion in den Westen. Hinzu kam der Schwarzmarkt. Privatleute tauschten ein Stück "Meissener" gegen Waren, die es in der DDR nicht oder nur schwer gab. Auch Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski sicherte sich eine umfangreiche Sammlung an Meissener Porzellan. Das weiße Gold war seit jeher eine äußerst gute Kapitalanlage. Dem einfachen DDR-Bürger blieben vor allem Stücke aus dritter Wahl und das in den 1960er-Jahren eingeführte industriell produzierte Geschirr aus Kahla, auf dem das Meissener Zwiebelmuster vereinfacht nachgebildet war.

Meissener Porzellan als Gage

Die Regierung schmückte sich gern mit dem Renommee der 1710 gegründeten Manufaktur. Staatsgäste bekamen Geschenke aus Meissener Porzellan überreicht, wie zum Beispiel eine Lenin-Büste. Auch munkelte man, dass West-Stars, die in der DDR auftraten, teilweise mit Meißner Porzellan bezahlt wurden. So soll Sopranistin Anneliese Rothenberger in den 1960er-Jahren mehrere Kisten des beliebten Guts in die Bundesrepublik mitgenommen haben - als Bezahlung für eine Schallplattenaufnahme in Dresden. Auch US-Rockstar Bruce Springsteen soll seine Gage für ein Konzert in Ost-Berlin 1988 zum Teil in Meissener Porzellan "ausgezahlt" bekommen haben.

Doch wurden nicht nur Porzellanstücke aus dem Besitz des Staates oder direkt aus der Meissener Manufaktur zur Devisenbeschaffung im Ausland verkauft: Museen wurden mitunter gezwungen, "entbehrliche und ungenutzte Bestände ohne gesellschaftlichen Bedarf" für den Export zur Verfügung zu stellen. Das Eigentum von Sammlern und Antiquitätenhändlern wurde teilweise konfisziert, um es zu Geld zu machen. Der fadenscheinige Vorwurf in den meisten Fällen: Steuerhinterziehung.

So erging es auch dem Dresdener Antiquitätenhändler Heinz Miech. An einem Tag im Mai 1984 standen frühmorgens mehrere Personen vor der Tür, um den Haushalt der Miechs zu durchsuchen. Zwei Tage lang listeten sie alles Wertvolle auf - der Wert entsprach dann der geforderten Steuernachzahlung.** Beschlagnahmte Güter wie die aus dem Hause Miech fanden sich dann oft wenig später in westdeutschen Antiquitätengeschäften oder Edelkaufhäusern wieder. Private Sammlungen fielen so nicht selten der Devisenbeschaffung durch den Staat zum Opfer.

Kassenschlager Meissener Porzellan

Die Keramikproduktion wurde für die DDR so wichtig, dass sogar ein eigenes Ministerium dafür ins Leben gerufen wurde: Das Ministerium für Glas- und Keramikindustrie kümmerte sich von 1972 bis zum Ende der DDR 1989 um die Belange dieses gewinnbringenden Handwerks, das vor allem in Sachsen alte Traditionen fortführte.

In den ersten Jahren nach der Wende blutete Ostdeutschland aus und wurde zu einem einzigen großen Schnäppchenmarkt. Viele DDR-Bürger reisten in den Westen, und nicht wenige machten ihre privaten Meissner Kostbarkeiten zu Geld, um lange entbehrte Waren kaufen zu können - Autos, Fernseher, Spülmaschinen. Doch auch nicht wenige westdeutsche Kenner und Schnäppchenjäger kamen gezielt in die neuen Bundesländer, um Jagd auf das begehrte Meissner Porzellan zu machen. Kistenweise wurden Raritäten und Kostbarkeiten verramscht und auf den Weg Richtung Westen geschickt.

Quellen:

*) Quelle: Manuel Schramm "Konsum und regionale Identität in Sachsen 1880-2000", Stuttgart, 2002

**) Quelle: Ulf Bischof "Die Kunst und Antiquitäten GmbH im Bereich Kommerzielle Koordinierung", Berlin/New York 2003


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: 30.11.2017 | 19:30 Uhr