Das Zentrale Aufnahmeheim für Übersiedler Erste Station: Röntgental

In der Siedlung Röntgental in Zepernick gab es zu DDR-Zeiten einen streng geheimen Ort. Dort vor den Toren Ostberlins befand sich das "Zentrale Aufnahmeheim" (ZAH) für Übersiedler aus der Bundesrepublik. Von 1979 bis 1989 war es die erste Station für Menschen, die dem Westen den Rücken kehrten und in der DDR leben wollten.

Tafel 'Zentrales Aufnahmeheim des Ministeriums für Innere Angelegenheiten' in Röntgental
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zunächst gab es in der DDR mehrere solcher Aufnahmeheime, zum Beispiel in Eisenach, Frankfurt (Oder), Fürstenwalde und Barby. Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren hatte es einen spürbaren Strom von Menschen gegeben, die in der DDR leben wollten - zum Teil aus politischen Gründen, meist jedoch aus privaten: der Liebe oder Erbschaftsangelegenheiten wegen. Nach dem Mauerbau wurden es immer weniger: Ab 1979 blieb das Heim in Röntgental als einziges bestehen, die anderen Aufnahmestellen wurden geschlossen. Zu gering war die Zahl derer geworden, die den Kapitalismus freiwillig - und wegen der Mauer unwiderruflich - gegen ein Leben im real existierenden Sozialismus eintauschen wollten.

Auf dem früheren Reichsbahngelände in Röntgental waren vorher Diensthunde ausgebildet worden, bis das Ministerium des Innern das ZAH ins Leben rief. Es war umgeben von einem hohen Wellblechzaun mit Stacheldraht: rund 17 Hektar Fläche, Überwachungsanlagen, sieben Etagen Plattenbau, ein paar Baracken. Erika Arens arbeitete dort als Krankenschwester: "Es war abgeschottet, so dass da weder jemand rein noch raus kam außer durch das Tor an der Wache vorbei", erinnert sie sich. "Es war immer eine Wache unterwegs - vor allem nachts, um sicherzustellen, dass niemand abhaut."

Man könnte meinen, dass Westdeutsche, die unbedingt in der DDR leben wollten, mit offenen Armen empfangen wurden - doch die Realität sah anders aus. Hartmuth Seidel aus Niedersachsen erinnert sich an den Empfang im Lager, als sich zwei Männer bei ihm unterhakten und ihn abführten: "Es waren zwei bullige Kerle in schwarzen Anzügen, mit Lederjacke. Sie sahen aus wie heute Security-Männer, waren auch recht forsch und brutal", erzählt Seidel. "Einer hat mich angeschrien: 'Wenn sie jetzt erst mal hier sind, kommen sie hier nie wieder raus!'"

Jeder war ein potenzieller Spion

Der Aufenthalt im Aufnahmeheim konnte Wochen und sogar Monate dauern. Zunächst mussten Neuankömmlinge ihren Ausweis abgeben, kamen dann auf eine "Quarantänestation" - was im Grunde bedeutete, dass sie intensiv durch die DDR-Staatssicherheit überprüft und durchleuchtet wurden. Man nahm Fingerabdrücke, es wurden Fotos gemacht. Wie Straftäter mussten die Neuen dabei Nummern vor ihre Brust halten. Das Ministerium für Staatssicherheit schleuste außerdem Inoffizielle Mitarbeiter in die ZAH ein. Sie sollten die Übersiedler zusätzlich ausspionieren. Auch unter dem Personal des Aufnahmeheims waren Stasi-Spitzel, die hunderte Berichte über die Heimbewohner ablieferten.*

Das Misstrauen der Staatsführung gegenüber jedem, der übersiedeln wollte, war größer als die Freude über die neuen Mitbürger. Jeder konnte ein potenzieller Spion sein. Jeder konnte versuchen, die DDR mit westlichem Gedankengut zu infiltrieren. Jeder war eine potenzielle Gefahr. Deshalb musste jeder Bundesbürger, der Bürger der Deutschen Demokratischen Republik werden wollte, zwangsläufig ein solches Aufnahmeheim durchlaufen. Die Übersiedler sollten unter Beweis stellen, dass sie der DDR-Staatsbürgerschaft würdig waren. Verhöre, politische Schulungen, Gesinnungstests und Diavorträge waren an der Tagesordnung. Nach der Wende kamen Gerüchte auf, man habe sogar Aids-Tests durchgeführt.

Übersiedler mussten sich würdig erweisen

Hartmuth Seidel kam der Liebe wegen in die DDR. Er wollte seine Traumfrau heiraten. In Röntgental wurde er auf sein neues Leben im Sozialismus "vorbereitet". "Es war der Nationalfeiertag, als ich dort war, ein 7. Oktober", erinnert er sich, "und man hat uns schon früh in den Clubraum geholt. Dann ist man mit uns durch das Gelände marschiert und wir sollten die 'Internationale' singen - aber ich kannte die gar nicht. Einer lief mit der DDR-Fahne vorneweg und wir sollten hinterher marschieren und singen. Wir haben dann alle gesagt: Deswegen sind wir ja nun nicht hergekommen!'"

Dann ist man mit uns durch das Gelände marschiert und wir sollten die 'Internationale' singen - aber ich kannte die gar nicht. Einer lief mit der DDR-Fahne vorneweg und wir sollten hinterher marschieren und singen. Wir haben dann alle gesagt: Deswegen sind wir ja nun nicht hergekommen!

Übersiedler Hartmuth Seidel

Seelischer Druck führte zum Äußersten

Die psychische Belastung der "Aufnahmeersuchenden" wurde mit jedem Tag, den sie im Heim verbringen mussten, größer. Die Unsicherheit, die wiederholten Befragungen - das zehrte an den Nerven vieler. Selbstmordversuche waren die Folge. Einer der Insassen stürzte sich nach einem Verhör im Sommer 1988 aus dem Fenster in den Tod: Horst Geißler. Er war ein Rückkehrer – ein DDR-Bürger, der in den Westen geflohen oder ausgereist war, aber schließlich zurückkam. Auch die Rückkehrer kamen zunächst ins Aufnahmelager Röntgental, sie wurden besonders intensiv verhört.

Im Durchschnitt wohnten ständig 30 bis 50 Menschen im Röntgentaler Aufnahmeheim. Einer der bekanntesten war der spätere Brandenburger Innenminister Alwin Ziel. Auch er war ein Rückkehrer. Im April 1988 hatte er einen Besuch bei Westverwandten zur Flucht genutzt, kehrte aber zurück, nachdem man seiner Frau und den zwei Söhnen nicht gestattet hatte, hinterherzuziehen. Nach nur vier Monaten Westaufenthalt landete er in Röntgental. "Das war wie Knast", erzählte er später in einem Interview. "Die ganze Mühle, die da existierte, war so aufgebaut, dass die Insassen klein gemacht werden sollten. Sie sollten ihr Selbstbewusstsein verlieren."

Die ganze Mühle, die da existierte, war so aufgebaut, dass die Insassen klein gemacht werden sollten. Sie sollten ihr Selbstbewusstsein verlieren.

Rückkehrer Alwin Ziel

Im Februar 1990 durfte ein Fernsehteam aus Westberlin aus dem Aufnahmeheim berichten. Es war der letzte Bericht über das ZAH: Fünf Wochen später wurde es für immer geschlossen. Heute befindet sich dort ein Seniorenheim.

Quelle: Ulrich Stoll: "Einmal Freiheit und zurück: Die Geschichte der DDR-Rückkehrer", Ch. Links Verlag 2009

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "Letzte Hoffnung DDR" 21.08.2018 | 22:05 Uhr