Gisela Kraft
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Porträt: Die Schriftstellerin Gisela Kraft "Ich konnte zum ersten Mal freischaffend sein"

Herbst 1984, die Zeit der großen Ausreisewelle: 40.000 DDR-Bürger verlassen in diesem Jahr ihr Land. Doch eine Westberliner Künstlerin geht gegen den Strom – sie zieht in die DDR.

Gisela Kraft
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Es war an einem nebligen Novembermorgen in Berlin-Wilmersdorf, als die Männer einer Westberliner Speditionsfirma die Habseligkeiten der Schriftstellerin und promovierten Islamwissenschaftlerin Gisela Kraft – darunter mehr als 2.000 Bücher in elf Sprachen – auf einem gelben LKW verstauten. Zum Schluss setzte sich Gisela Kraft, den Korb mit ihrer Katze Leila in den Händen, zu den Männern in die Fahrerkabine. Dann ging's los. Hinter ihnen fuhr ein Kleinbus des ZDF – der Umzug der 48-Jährigen war ein Ereignis. Und in der Tat: Gisela Kraft zog nicht einfach nur in eine andere Stadt, sondern in ein Land, das gleichzeitig nah und doch so ungeheuer fern war – in die DDR. Am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße zeigte sie ihre Einreisepapiere vor. Der Grenzbeamte stutzte: "Sie haben gar nicht geschrieben, wann Sie wieder ausreisen werden ..." Gisela Kraft entgegnete: "Gar nicht. Ich bleibe hier." Der Beamte konnte das nicht fassen: "Sie wollen zu uns?", fragte er ungläubig.

Wegen Novalis in die DDR

Zwei Jahre hatte Gisela Kraft darum gekämpft, in die DDR übersiedeln zu dürfen und zahllose Briefe an das Kultur- und Innenministerium geschrieben: "Ich wende mich mit der Bitte an Sie, in die DDR übersiedeln zu dürfen. Es handelt sich dabei um einen freien Entschluss. Ich befinde mich in keiner politischen oder sozialen Notlage." Sie verwies auf ihre Bücher, die in den vergangenen Jahren im Ostberliner "Aufbau Verlag" erschienen waren und ihre Übersetzung der Gedichte des türkischen Dichters Nazim Hikmet, an der DDR-Verlage interessiert seien. Von ihrer großen literarischen Liebe aber schrieb sie in den Briefen nichts – der zu dem romantischen Dichter Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, der im Raum Weißenfels beheimatet gewesen war. Gisela Kraft fürchtete, als versponnen abgetan zu werden. Doch nur wegen Novalis wollte sie in die DDR: "Ich konnte nur in der DDR so über Novalis schreiben, wie ich das gern wollte", sagte Gisela Kraft später. "Ich wollte aus der Landschaft heraus sein Leben rekonstruieren. Doch er hatte nur in Mitteldeutschland gelebt und deswegen musste ich dort sein und seine Orte besuchen und dort eintauchen, mehr als das ein ausländischer Besucher gekonnt hätte."

Ich wende mich mit der Bitte an Sie, in die DDR übersiedeln zu dürfen. Es handelt sich dabei um einen freien Entschluss. Ich befinde mich in keiner politischen oder sozialen Notlage.

Gisela Kraft

Im Auftrag "neotrotzkistischer Kräfte"?

Der Staatssicherheit, die sich dem Übersiedlungsbegehren der Westberliner Autorin mit dem ihr eigenen Misstrauen annahm, waren die Ausführungen Gisela Krafts alles andere als geheuer: Wieso will eine Künstlerin freiwillig in die DDR kommen? Schließlich kam man zu der Überzeugung, dass sie im Auftrag "neotrotzkistischer Kräfte" der "Freien Universität" in Westberlin in die DDR eingeschleust werden soll, "um im Schriftstellerverband der DDR ideologisch wirksam zu werden." Dennoch legte die Staatssicherheit kein Veto gegen die Übersiedlung ein. Vermerkte jedoch, dass Gisela Kraft unter Beobachtung bleiben müsse. Und das blieb sie tatsächlich bis 1989.

Keine Reisen mehr bis zum "60."

Der Umweg über das Aussiedlerlager für bundesdeutsche Übersiedler in Röntgental blieb Gisela Kraft immerhin erspart: Sie hatte schweres Asthma und Ostberliner Kollegen bürgten für sie. Noch am Tag ihrer Übersiedlung konnte sie eine Neubauwohnung in Berlin-Friedrichshain beziehen. Sie bekam einen vorläufigen Personalausweis ausgestellt "für Bürger, die die Staatsbürgerschaft der DDR beantragt haben", ein halbes Jahr später wurde ihr feierlich die Staatsbürgerschaftsurkunde überreicht. Sie war nun Bürgerin der DDR, das hieß auch: keine Reisen ins "nichtsozialistische Ausland". Aber darauf hatte sie sich vorbereitet, und war auch bereit diese Einschränkung hinzunehmen: "Ich war 1984 noch viel gereist. Ich dachte: noch einmal Griechenland, noch einmal Türkei, denn bis ich 60 bin, wird es keine Reisen mehr geben ..."

In der DDR konnte ich zum ersten Mal freischaffend sein. Ich konnte einfach vom Schreiben leben und sogar kleine Reisen machen und ins Theater gehen. Für das, was ich brauchte, war gesorgt: Ich konnte fleißig sein und musste mich nicht jeden Tag sorgen: Kann ich nächsten Monat die Miete bezahlen?

Gisela Kraft

"Ich musste mich nicht jeden Tag sorgen"

Aber dafür konnte sie "endlich schreiben, nur noch schreiben". In Westberlin hatte sie als Pralinenformerin, Postbotin und Putzfrau gearbeitet, um über die Runden zu kommen. "In der DDR", erinnerte sich Gisela Kraft, "konnte ich zum ersten Mal freischaffend sein. Ich konnte einfach vom Schreiben leben und sogar kleine Reisen machen und ins Theater gehen. Für das, was ich brauchte, war gesorgt: Ich konnte fleißig sein und musste mich nicht jeden Tag sorgen: Kann ich nächsten Monat die Miete bezahlen?" Sie veröffentlichte Gedichte, begann ihr groß angelegtes Novalis-Projekt und leitete von 1987 bis 1990 das Ostberliner "Lyrik-Archiv", zu dessen Veranstaltungen sie mit Klaus Wagenbach und Walter Höllerer auch Westberliner Referenten einladen konnte. Zensur erfuhr sie nur ein einziges Mal - bei einem Gedicht, das von der Mauer handelt.

Kein Ort ohne Unrecht

Zwei Jahre nach ihrer Einreise in die DDR bekam Gisela Kraft das Privileg zugesprochen, Vorträge in Westberlin halten zu dürfen. An eine Rückkehr in ihre alte Heimat dachte sie allerdings nie. "In der DDR war vieles nicht rechtens, genauso wenig wie in der Bundesrepublik. Es gibt keinen Ort ohne Unrecht." 1990 fand sie sich dann aber plötzlich in der Bundesrepublik wieder und war traurig über das jähe Ende der DDR. Auch ihre berufliche Situation wurde jetzt wieder schwieriger: Ihre Verlage wurden geschlossen und Honorare für Lesungen konnte keiner mehr bezahlen. 1997 ging Gisela Kraft nach Weimar. "Die Stadt hat für mich genau das richtige Verhältnis von Natur, Kultur und Kleinstadtflair", erklärte sie damals. Sie lebte von einer bescheidenen Rente, fuhr zu Lesungen in ganz Deutschland, bekam Literaturpreise und legte schließlich 2006 den dritten und letzten Band ihres großen Novalis-Projekts vor. Am 5. Januar 2010 starb Gisela Kraft in einer Klinik in Bad Berka an Krebs.

Quelle

Zitate von Gisela Kraft aus: Rüber in die DDR, MDR 2006; "Novalis zog sie in den Osten", Berliner Zeitung, 8. 2. 2010.

Zuletzt aktualisiert: 06. Januar 2011, 13:10 Uhr