Hintergrund: Der letzte Übersiedler Grenzgänger: Ronald M. Schernikau

"Der letzte Kommunist" heißt die Biografie über Ronald M. Schernikau – und publikumswirksam zielt dieser Titel auf einen Moment im Leben des Dichters, der ihn im Jahr 20 nach dem Mauerfall so anders, so gegenläufig und damit so medial interessant macht.

Ronald M. Schernikau war der letzte Bundesbürger, den die untergehende Deutsche Demokratische Republik einbürgerte. Im September 1989, während jeden Tag Tausende aus der DDR türmten, zog er von Berlin-West nach Berlin-Ost. Er folgte seiner Erkenntnis: "Die DDR ist richtig und die BRD ist falsch." Die spätere Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schrieb über ihn: "Eine seltsame Vorstellung, wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegen gesetzte Richtung flüchten."

Flucht im Kofferraum

Schernikau wurde 1960 in Magdeburg geboren. Sein Vater floh kurze Zeit später in den Westen. Seine Mutter wollte hinterher - aus Liebe, aus Sehnsucht nach einem Zusammensein als Familie. 1967 kroch sie schließlich mit ihrem Sohn und voller Angst in den Kofferraum eines Diplomatenautos. Die Flucht war keine politische, die Krankenschwester fühlte sich wohl in der DDR und war Genossin. Im Westen angekommen muss sie feststellen: Ihr Mann hat eine neue Familie gegründet. Für Ellen Schernikau bricht eine Welt zusammen. Der Weg zurück schien ihr versperrt: Aus Scham, aus Angst vor einer Gefängnisstrafe, aus Angst davor, man könne ihr das Kind wegnehmen. Notgedrungen arrangierte sich die Frau mit dem Westen – sie fand Arbeit, Liebhaber, Freunde. Doch ihr Herz blieb im Osten. Sie las die neuen Bücher der DDR-Schriftsteller, schaute DDR-Fernsehen und abonnierte für Ronald die "Frösi" – die Zeitschrift der Thälmannpioniere. Der hoch begabte Junge wurde gleich in die zweite Klasse eingeschult und wuchs im Gefühl auf, am falschen Ort zu sein.

Debüt-Novelle, Coming out und Fluchtinsel Westberlin

1980 erschien die "kleinstadtnovelle" des gerade einmal 19-jährigen Ronald Schernikau - eine stark autobiografisch gefärbte Erzählung, die von einem schwulen Gymnasiasten in der Provinz handelt. Dessen Schwulsein aber bekommt nicht - wie so oft in der Literatur üblich – eine traurige Note, sondern besticht durch eine kämpferische, selbstbewusste Nuance. Der "SPIEGEL" feierte die Novelle und Schernikau kam groß raus. Er löste sich aus der Kleinstadt und machte sich auf nach Westberlin – damals der Treffpunkt einer hochpolitisierten Boheme und Schwulenszene. Und Schernikau wurde ein schillernder Exponent dieser Szene: Er trug Frauenkleider, verbrachte die Nächte in Schwulenkneipen und war gleichzeitig Mitglied der nicht gerade für ihre Freizügigkeit bekannten Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW), dem SED-Ableger in Westberlin. An seinen literarischen Vorhaben arbeitete er mit äußerster Disziplin, aber auf den großen Erfolg des ersten Buches folgten zahlreiche Rückschläge: Schernikau fand keinen Verleger, sein Versuch, in einer Theaterproduktion am Deutschen Theater in Ostberlin zu hospitieren, scheiterte, und für das von ihm angestrebte Studium am Leipziger Institut für Literatur Johannes R. Becher fehlte die Rechtsgrundlage.

Dem Osten ein Stück näher

Westberlin rückte den Jungliteraten näher an das Land seiner Sehnsucht heran. Mehrfach besuchte er Schriftsteller-Kollegen in Ostberlin - und sehnte sich nach deren materieller Sicherheit: "Würde ich in der DDR leben, wäre alles viel einfacher. Die Miete ist dort billiger, das Essen, einfach alles." Ein anderer Übersiedler, der von Schernikau über alles verehrte Peter Hacks, antwortete auf seine Frage, ob er ihm rate, denselben Schritt zu tun: "Falls Sie vorhaben, ein großer Dichter zu werden, müssen Sie in die DDR; sie allein stellt Ihnen - auf ihre entsetzliche Weise - die Fragen des Jahrhunderts. Sollte hingegen Ihr Talent darin liegen, Erfolg zu haben und Menschen zu erfreuen - in dem Falle freilich würde ich mir einen solchen Entschluss noch überlegen."

Würde ich in der DDR leben, wäre alles viel einfacher. Die Miete ist dort billiger, das Essen, einfach alles.

Ronald M. Schernikau

In Westberlin musste sich Schernikau mühsam durchschlagen. Er lebte von einer schmalen Unterstützung durch seine Mutter oder davon, Kinder zu betreuen. 1986 endlich gelang es ihm schließlich, ein Studium am Leipziger Literaturinstitut aufzunehmen. Dort wurde der exotische Westler nicht von allen freundlich begrüßt: "ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung."

In Leipzig schrieb er "Die Tage in L." Dem Untertitel entsprechend geht er darin gleichermaßen schonungslos mit der DDR und BRD ins Gericht: "Darüber, daß die DDR und die BRD sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer Literatur." Der sozialistische Staatsversuch lag in den letzten Zügen. Von seinen Leipziger Erfahrungen keineswegs umgestimmt, betrieb Schernikau hartnäckig seine Einbürgerung, der dann im September 1989 auch stattgegeben wurde.

ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.

Ronald M. Schernikau

Eingeholt, nicht überholt

Der Westen, den er so verabscheute, holte Schernikau wenige Wochen später ein. Die DDR wurde geschluckt. Ein Jahr nach dem Beitritt starb er an den Folgen von Aids. Erst acht Jahre später erschien in dem kleinen Dresdner Goldenbogen-Verlag – finanziert durch Freunde und Kollegen – sein achthundertseitiges Hauptwerk "Legende".

Buchtipps: Matthias Frings: Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau
488 S., Aufbau Verlag 2009, ISBN 978-3351026691

Werke von Ronald M. Schernikau: Kleinstadtnovelle, 85 S., Konkret Literatur Verlag, ISBN 978-3894582166

Die Tage in L., 213 S., Konkret Literatur Verlag, ISBN 978-3894582067

legende, 848 S., Verlag goldenbogen, ISBN 978-3932434099