Sowjetisches Territorium in der DDR Betreten verboten! Leben am Rande des Sperrgebiets

Rund 2.500 Quadratkilometer der DDR waren als "sowjetisches Militärgebiet" deklariert. Das entspricht etwa der Größe des Saarlandes. Die Gebiete lagen abgeriegelt hinter Mauern und Zaunanlagen. Die sowjetischen Soldaten, die dahinter lebten, blieben für die Einheimischen mit wenigen Ausnahmen Fremde.

Auch das thüringische Nohra war für DDR-Bürger Sperrzone. "Nohra Nord" diente als Luftwaffenbasis für sowjetische Kampfhubschrauber. Hier, nur wenige Flugminuten von der Grenze zur Bundesrepublik entfernt, war die größte sowjetische Hubschrauberstaffel der DDR stationiert. Im Ernstfall hätte sie in vorderster Front eingesetzt werden können, Nohra lag nur rund 20 Flugminuten vom hessischen Fulda entfernt.

Die Garnison war immer präsent

"Als Normalbürger ist man nicht auf den Platz gekommen", erzählt Horst Zange. Er ist in unmittelbarer Nähe des Flugplatzes aufgewachsen. In seinem benachbarten Heimatdorf Ulla war die Garnison immer präsent, die 120 Dorfeinwohner lebten regelrecht umzingelt von der sowjetischen Armee. "Als 'Sapretnaja Zona' - 'Verbotene Zone' - galt im Prinzip das gesamte Flugplatzgelände. Und das war natürlich auch scharf bewacht." Damals war selbst der Luftraum über Nohra Nord sowjetisches Hoheitsgebiet.

Wirkliche Freundschaften als Ausnahme

Am 3. Juli 1945 waren die Rote Armee in Nohra einmarschiert – sie blieb fast ein halbes Jahrhundert. Die Offiziere und ihre Familien waren jeweils bis zu fünf Jahren in der DDR stationiert. Dabei galt Nohra als Auszeichnung: nah an der Grenze zur Bundesrepublik und noch dazu in der Garnison der 8. Gardearmee, die schon bei der Befreiung Stalingrads dabei war.

Die Geschwister Isolde Rietzel, Kurt Röder und Christiane Schiller aus Nohra erinnern sich gut daran, wie das Leben mit den Sowjets aussah. Kurt Röder war sechs Jahre alt, als die Armee einzog. Er erinnert sich: "Als die kamen, war das Dorf wie ausgestorben, niemand hat rausgeguckt. Sie kamen mit Pferdewagen auf die Dörfer. Auf einmal haben einige ans Tor geklopft und gesagt 'Chleb! Chleb!'. Keiner wusste, was das heißt. Die wollten Brot, hatten Hunger!" An die Reaktionen auf die fremde Sprache erinnert sich auch Isolde Rietzel: "Die ältere Generation hat am Anfang immer gesagt: 'Das sind die Ponnemayer!'. Denn sie haben immer gesagt 'ne ponemaju' ("ich verstehe nicht", Anmerkung der Redaktion)."

In Nohra lebten bis zu 5.000 Angehörige der Sowjetarmee. Genaue Zahlen kannte damals selbst die Stasi nicht, sie versuchte, die Zahl der Soldaten z.B. nach dem Wasser- und Stromverbrauch zu schätzen. Die Bewohner der umliegenden Dörfer durften nur selten auf das Gelände, so an offiziellen Kulturnachmittagen oder am 8. Mai, dem "Tag der Befreiung". Doch anders herum teilten die Dorfbewohner mit den Armisten ihren ländlichen Alltag: die Kneipe, den viel zu kleinen Konsum. Und sie erinnern sich noch heute an die nächtlichen Suchscheinwerfer, wenn wieder ein Soldat desertiert war.

Wie ein Bollwerk vor den Dorfbewohnern

Insgesamt haben die Einheimischen sowohl gute als auch schlechte Erinnerungen an die "sowjetischen Mitbewohner". Zum einen halfen die Militärs mit schwerer Technik beim Bau des Sportplatzes. Dafür bekamen sie Speck und ein "Dankeschön". Auch unterstützten sie die Dorfbewohner zum Beispiel beim Fällen von Bäumen. Dem gegenüber stand der häufig raue Umgangston einzelner Soldaten. Die Offiziere waren oft in der Dorfkneipe anzutreffen, behandelten ihre Untergebenen nicht selten roh und herablassend. Auch traten zuweilen Versorgungsprobleme auf, etwa wenn es nicht genug Brote gab, um auch die Wohnungen in den Kasernen zu beliefern.

Für Kurt Röder und seine Geschwister war die Sowjetarmee allgegenwärtig: "Wir wussten, dass wir in einem besetzten Land leben", erzählt Röder, "und in Nohra hatten wir das eben bildlich wie ein Bollwerk vor uns."

Unübersehbare Spuren der Besatzer

Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zog die Sowjetarmee innerhalb von vier Jahren vom Territorium der ehemaligen DDR ab. Am 13. August 1992 war das gesamte Gelände der Hubschrauberstaffel in Nohra geräumt. Aus der von ihnen so wahrgenommenen "Wohlstandswelt" reisten die Soldaten angesichts der bisweilen chaotischen Lage in ihrer Heimat in eine unsichere Zukunft. Drei Monate später, im November 1992, waren die sowjetischen Militärstandorte in ganz Thüringen Geschichte. "Unser Vater hatte im Krieg aus Frankreich eine Flasche Wein mitgebracht, sie lag viele Jahre im Keller", erzählt Kurt Röder. "Mein Vater sagte: 'Wenn die Russen abhauen, dann machen wir sie auf.' Und ich habe gesagt: 'Die hauen doch nie ab!' Aber es kam anders: Er hat es noch selbst erlebt!"