Deserteure Flucht vor der Roten Fahne

Rund 400 bis 500 in der DDR stationierte Sowjetsoldaten entschlossen sich jährlich zu desertieren. Das Leben in den Kasernen war für sie unerträglich geworden. Meist endeten die Fluchten tragisch - so wie bei dem 19-jährigen Mindijan Aubakirow.

Es war ein schöner Sommertag im Juni 1978, als der junge Soldat Mindijan Aubakirow mitten in Ostberlin für Aufsehen sorgte. Er kam nicht als Tourist hierher, nicht im Auftrag der deutsch-sowjetischen Freundschaft, nicht zum Besuch einer Patenbrigade. Er sollte überhaupt nicht hier sein. Doch der 19-Jährige wollte um jeden Preis ins Zentrum der Stadt: Um über den Grenzübergang am Checkpoint Charlie nach West-Berlin zu flüchten.

Misshandlungen waren an der Tagesordnung

Aubakirow war an diesem 16. Juni 1978 auf der Flucht vor einem gnadenlosen Alltag, der ihm das Leben in seiner in der DDR stationierten sowjetischen Einheit zur Hölle machte. Wie in seiner Kaserne herrschte in allen Truppen der "Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland" (GSSD) eine unerbittliche Rangordnung zwischen den Diensträngen und nicht zuletzt den Nationalitäten. Schikanen und Misshandlungen waren an der Tagesordnung.

Vor allem Soldaten aus dem Baltikum hatten es schwer: Ein unüberhörbarer lettischer Akzent konnte darüber entscheiden, ob man zum Fußabtreter der Vorgesetzten und Kameraden wurde. Günther Kabbe war damals Volkspolizist im thüringischen Nohra und erfuhr durch die Zusammenarbeit mit den dort stationierten sowjetischen Truppen von den täglichen Qualen der jungen Rekruten: "Die Soldaten wurden von ihren eigenen Leuten sehr schlecht behandelt und verprügelt. Das war unmenschlich!"

Trügerische Hoffnung auf Freiheit

Aus purer Verzweiflung entschlossen sich deshalb rund 400 bis 500 Soldaten jährlich zur Flucht - ein fast aussichtsloses Unterfangen. Ihre Hoffnung, es irgendwie in ihre Heimatländer zu schaffen, war trügerisch: Sie wurden entweder von den eigenen Leuten erwischt oder von der Volkspolizei aufgegriffen. Danach wurde in der Regel mit den eingefangenen Deserteuren kurzer Prozess gemacht: hohe Haftstrafen, Prügel bis zum Umfallen, Arbeitslager, Todesstrafe.

In ihrer Verzweiflung handelten die Deserteure mitunter impulsiv und gefährlich. Im August 1985 erfuhr ein Soldat, dass sein Bruder in Afghanistan gefallen war. Er wollte zu seinen trauernden Eltern, doch ihm wurde kein Urlaub gewährt. Er floh, bewaffnet mit einer Maschinenpistole, und stahl ein Taxi. Am Jenaer Bahnhof fuhr er in eine Straßensperre, wurde von 80 Schüssen durchlöchert und getötet.

Auch wer sich nur vorübergehend unerlaubt aus der Kaserne entfernte, musste mit harten Strafen durch die Kommandantur rechnen. Günther Kabbe erlebte es in Nohra selbst: "Sie haben oft Soldaten aus Gaststätten bei uns in der Nähe abgeholt. Sie wurden dann auf einen Wagen geworfen wie Vieh."

Auf keinen Fall zurück in die Kompanie

Doch Mindijan Aubakirow ging das Risiko ein. Mit einem gestohlenen Kleinbus vom Typ "Barkas" und einer Kalaschnikow schlug er sich in Ost-Berlin bis in die Innenstadt durch. Die Ringfahndung lief auf Hochtouren. An der Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden holten ihn mehrere Volkspolizisten ein, es kam zu einer Schießerei. Das Resultat: mehrere Verletzte, darunter ein Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik, der zufällig in die Schusslinie geriet. Aubakirow erkannte, dass sein Fluchtversuch missglückt war. Der 19-Jährige schoss sich mit seiner Maschinenpistole in die Brust. Doch er überlebte.

Ein derart spektakulärer Vorfall zwang die DDR-Militärjustiz zum Handeln: Sie leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Zum ersten Mal erging durch DDR-Organe Haftbefehl gegen einen sowjetischen Soldaten. Doch das Urteil sprachen nach wie vor die Sowjets: Aubakirow wurde zu zehn Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Was aber tatsächlich mit ihm geschah, blieb unbekannt. In einer Namensliste der am Berliner Mauermuseum am Checkpoint Charlie ansässigen "Arbeitsgemeinschaft 13. August" wird Mindijan Aubakirow heute unter dem Datum 18. Juni 1978 als Opfer der deutschen Teilung aufgeführt - mit dem Vermerk: "erschossen". Ob er wirklich zwei Tage nach seiner missglückten Flucht erschossen wurde, ist bis heute nicht bekannt.