Interview mit Bernd Maxheimer Mit Zirkus Busch auf Tournee

Mit 29 Jahren wurde Bernd Maxheimer 1976 jüngster Direktor im DDR-Staatszirkus und war verantwortlich für den Zirkus Busch. Im Interview mit "Damals im Osten" erzählt er unter anderem von Auslandstourneen in die Sowjetunion.

Was war für Zirkusleute aus der DDR neben der internationalen Erfahrung so interessant an Auslandstourneen?

Bernd Maxheimer: Die Auslandstourneen waren attraktiv. Neben dem Normalgehalt gab es täglich noch Spesen. Bei Westreisen waren das 30 DM am Tag, in Ländern wie Japan mit hohen Lebenshaltungskosten konnte das bis zu 60 DM am Tag gehen. Man konnte bis zu 80 Prozent des Gehaltes auf ein sogenanntes Genex-Konto in der DDR einzahlen. Das bot einen Riesenvorteil: Von diesem Geld konnte man aus einem Sonderkatalog Westwaren bestellen, vom Kühlschrank bis zum Volvo. Selbst einen Wartburg, der dann innerhalb von drei Monaten geliefert wurde, während normale Bürger jahrelang darauf warteten. Uns Zirkusleuten, die im Ausland arbeiten durften, ging's richtig gut!

Uns Zirkusleuten, die im Ausland arbeiten durften, ging's richtig gut!

Bernd Maxheimer, jüngster Direktor im DDR-Staatszirkus

Die Sowjetunion haben Sie als erster DDR-Zirkus mit eigenem Zirkuszelt bereist. Wie wurden Sie aufgenommen?

In vielen Städten waren wir die ersten Ausländer, die dort überhaupt gesehen wurden. Und mit unseren Autos und Wohnwagen wirkten wir auf die dortige Bevölkerung, als ob wir aus dem Westen kämen. Gestartet sind wir in der Ukraine, was dann aber zu einem Debakel wurde. Nicht wegen der Besucher. Die Vorstellungen waren gut besucht, der Applaus herzlich. Aber die Kinder bewarfen uns und unsere Wagen mit Steinen. Immer wieder. Durch die vielen Kriegsfilme waren die Kinder gegen jeden, der deutsch war. Und die Polizei unternahm nichts gegen die Steinewerfer. Wir haben nicht gewusst, was nachts nach der Vorstellung passiert und haben deshalb mit Knüppeln im Wagen geschlafen. Es wurde aber so schlimm, dass wir letztlich die Tournee mit Einverständnis unserer Botschaft abgebrochen haben und nach Georgien weitergezogen sind.

Wie muss man sich das vorstellen, mit mehr als 100 Menschen, wilden Tieren und Großgerät in der Sowjetunion auf Tournee zu gehen?

Wir haben den gesamten Zirkus auf die Eisenbahn verladen. So eine Fahrt konnte unendlich lang dauern. Da es zum Beispiel in den mittelasiatischen Republiken der Sowjetunion keine Fahrpläne für den Zug gab, mussten wir weiterfahren, wenn es uns erlaubt wurde, oder eben stundenlang stehenbleiben und warten. So sind wir etwa von Hoppegarten bis nach Usbekistan insgesamt 17 Tage unterwegs gewesen.
Wir hatten alles dabei: 120 Leute, Pferde, Raubtiere, Bären, eine eigene Küche, Sanitäts-, Dusch- und Toilettenwagen, einen Schulwagen. Als wir Richtung Usbekistan fuhren, wurden wir auch über den Ural geleitet. Da hatten wir Temperaturen von bis zu – 30 Grad Celsius. Zum Teil sind die Gasheizungen in unseren Wohnwagen ausgefallen. Die Tiere haben wir gegen die Kälte dick in Heu eingepackt. Den Elefanten haben wir einfach Wodka ins Wasser gegeben gegen die Kälte. Das war so üblich.

Den Elefanten haben wir einfach Wodka ins Wasser gegeben gegen die Kälte. Das war so üblich.

Bernd Maxheimer

Und Tierfutter und all das, was man bei einem so großen Unternehmen auf Reisen benötigt, haben Sie das vor Ort ohne Probleme bekommen?

Die Versorgung auf Tourneen klappte im Großen und Ganzen immer. Wenn es mal schwierig wurde, dann wandte ich mich an den örtlichen Ersten Parteisekretär. Dann wurden die notwenigen Futtermittel herangeschafft. Ansonsten konnten wir auch für Freikarten einiges organisieren, etwa wenn wir dringend Reifen brauchten.

Und was haben Sie mit den täglichen Zirkuseinnahmen gemacht? Sie einfach zur Bank gebracht und nach Berlin überwiesen?

In Russland kümmerte sich der dortige Staatszirkus um den Ticketverkauf. In Rumänien durften wir das selber übernehmen, aber die Tageseinnahmen des Zirkus nicht bei den örtlichen Banken einzahlen. Das durften Ausländer nur in der Hauptstadt, in Bukarest. Mithilfe des Kulturattachés unserer Botschaft hab ich mal einen ganzen Koffer voller Geld dahin gebracht. Wir konnten das Geld dann aber nicht in die DDR transferieren. Es blieb auf dem Konto. Und wurde von der DEFA genutzt, wenn sie in Rumänien beispielsweise einen neuen Film mit Gojko Mitić gedreht hat.