BSG Empor Lauter
Bildrechte: F.C. HANSA ROSTOCK E.V.

Fußball im Erzgebirge Eine Fußballmannschaft wird umgesiedelt

14. Dezember 2021, 13:54 Uhr

In den 50er-Jahren dominierten die Mannschaften aus dem Erzgebirge die Fußball-Oberliga. 1954 wurde deshalb die BSG Empor Lauter in einer Nacht- und Nebelaktion nach Rostock umgesiedelt.

In der Oberliga, der höchsten Spielklasse der DDR, gab es Mitte der fünfziger Jahre fünf Mannschaften aus dem Erzgebirge: Wismut Aue, Chemie Karl-Marx-Stadt, Motor Zwickau, Fortschritt Meerane und die BSG Empor Lauter. Und sie dominierten die Konkurrenz. Aus dem hohen Norden oder Berlin war hingegen keine einzige Mannschaft vertreten. Das sollte sich nach dem Willen der SED und ihrer Sportfunktionäre jedoch schleunigst ändern. Nachdem bereits die Fußballmannschaft von Vorwärts Leipzig 1953 komplett nach Berlin verlegt worden war, sollte die BSG Wismut Aue ein Jahr später im Zuge einer Zentralisierung nach Karl-Marx-Stadt umgesiedelt werden.

Doch die Verlegung scheiterte am Widerstand der Auer Fans, darunter etliche Kumpel der "Wismut", des größten Uranproduzenten der Welt. Sie argumentierten, dass ihre Arbeitsmoral darunter leiden würde, wenn ihr Verein nicht mehr in Aue spielt. Diese Drohung machte Eindruck bei den Funktionären. Der Verein wurde im Sommer 1954 zwar in SC Wismut Karl-Marx-Stadt umbenannt, durfte seine Heimspiele aber weiterhin im heimischen Otto-Grotewohl-Stadion austragen.

"Im Erzgebirge müssen wir bisschen Luft machen"

Schlimmer erging es den Fußballern der BSG Empor Lauter, einem kleinen Ort, drei Kilometer von Aue entfernt. Sie wurden tatsächlich umgesiedelt – und zwar an die Ostsee. "Rostock hatte gar nichts. Und da haben die Funktionäre gesagt: Hier unten im Erzgebirge müssen wir bisschen Luft machen und dafür an der Küste was veranstalten", erinnert sich Karl Bochmann, damals Spieler der BSG Empor Lauter. Anders als im nahen Aue gab es in Lauter keine "Wismut"-Kumpel, die den Funktionären hätten drohen können.

Erfolgreicher Fußball im Erzgebirge

Als 1954 das "Ostseestadion" in Rostock eröffnet wurde, kamen sowohl die Genossen der SED-Bezirksleitung als auch die Sportfunktionäre überein, dass nun auch eine leistungsfähige Fußballmannschaft hier einziehen müsse. Denn schließlich müsse man den Werktätigen, die hier am künftigen "Tor zur Welt" bauen, etwas bieten. Doch mit der Kunst der Ostsee-Kicker war es leider nicht weit her. Und so soll Karl Mewis, Erster Sekretär der SED Bezirksleitung Rostock, intern den Vorschlag ins Spiel gebracht haben, eine der erzgebirgischen Oberliga-Mannschaften an die Ostsee zu verlegen.

Die Mannschaft wird an die Ostsee umgesiedelt

Oberligatabelle
1954 führte die BSG Empor Lauter die Oberligatabelle an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Lauter, der kleinsten der fünf Erzgebirgsstädte, war die Furcht vor dem Verlust der Oberligamannschaft am stärksten und etliche Einwohner drohten vorsichtshalber schon einmal mit einem Boykott der anstehenden Volkskammerwahlen für den Fall, dass ihre Mannschaft umgesiedelt werden sollte. Aber die Gerüchte schienen sich nicht zu bestätigen – die neue Saison begann, und die BSG Empor Lauter spielte wie gewohnt im heimischen Stadion, während die Auer Elf bereits unter dem Namen SC Wismut Karl-Marx-Stadt in die neue Saison gestartet war. Die Lauterer Fans träumten in diesen Herbsttagen sogar schon von der Meisterschaft – ihre Mannschaft führte die Tabelle nämlich an. Doch nach dem achten Spieltag wurde in Lauter die Entscheidung der DDR-Sportführung überraschend publik gemacht – die Mannschaft würde in der kommenden Woche nach Rostock umgesiedelt.

Fans blockierten die Gleise

Die Enttäuschung über die Entscheidung aus dem fernen Berlin war riesig und einige Spieler des Tabellenführers wechselten umgehend zu anderen Erzgebirgs-Vereinen. In der Nacht, als die Mannschaft samt Trainer und Betreuer im Zug saß, um klammheimlich via Leipzig und Berlin nach Rostock gefahren zu werden, blockierten Dutzende Lauter-Fans die Bahngleise, um die Umsiedelung im letzten Augenblick noch zu verhindern. Drei Stunden soll es gedauert haben, bis die Gleise von der Polizei geräumt waren und der Zug losfahren konnte. Unter dem Eindruck der wütenden Proteste verließen vorher noch drei Spieler den Zug, sodass am Ende nur zwölf Spieler mit ihrem Trainer in Rostock ankamen.

Erfolg blieb aus

Die Spieler aus dem Erzgebirge wurden sofort in die Truppe des SC Empor Rostock eingegliedert und liefen bereits am 10. Spieltag gegen Chemie Karl-Marx-Stadt zum Punktspiel auf. Doch trotz der Verstärkung reichte es für die Mannschaft, die 1965 in FC Hansa Rostock umbenannt wurde, am Ende der Saison nur für einen neunten Rang. Besser lief es immerhin im FDGB-Pokal – dort musste man sich erst im Finale gegen den SC Wismut Karl-Marx-Stadt, der umgesiedelten Mannschaft von Wismut Aue geschlagen geben.

Die neu gegründete BSG Empor Lauter, eben noch mit Hoffnungen auf den Meistertitel, war dagegen in eine der untersten Ligen versetzt worden. Und noch jahrelang wurden die Angehörigen der an die Ostseeküste umgezogenen Spieler mit Schmähungen überzogen. Genauso wie die Mannschaft des SC Empor Rostock. Bei Auswärtsspielen, besonders im Erzgebirge, wurde sie fortan mit Sprechchören empfangen: "Verräter! Verräter!"

(Quelle: Andreas Biskupek, Olaf Jacobs: DDR ahoi! Zur Geschichte der ostdeutschen Seefahrt. Mitteldeutscher Verlag Halle 2010.)