Bettina Gaus
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Interview mit Bettina Gaus "Gott sei Dank, dass Sie da sind"

Bettina Gaus blieb im elterlichen Haus in Hamburg zurück, als ihre Eltern 1974 in die Residenz des "Ständigen Vertreters" in Berlin-Niederschönhausen zogen. Aber sie kam oft zu Besuch in das für sie anfänglich sehr ferne Land östlich der Elbe. In einem Gespräch erinnert sich die heutige "taz"-Journalistin an ihren Vater Günter Gaus.

Bettina Gaus
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Was ging in Ihnen vor, als Sie erfuhren, dass Ihr Vater zum ersten "Ständigen Vertreter" der Bundesrepublik in der DDR berufen wurde?

Ich war 17, als mein Vater nach Ostberlin gegangen ist. Natürlich haben sich meine Freunde dafür interessiert, was er dort macht und wie es dort ist. Aber andererseits sollte man auch das Maß und die Richtung der Politisierung damals nicht überschätzen. Salopp gesprochen stand vielen von uns tendenziell links gerichteten Jugendlichen der Putsch in Chile damals sehr viel näher als die Entwicklung der DDR.

Änderte sich diese Haltung im Lauf der Zeit?

Die hat sich im Laufe der Jahre tatsächlich geändert. Und zwar nicht nur im Hinblick auf meinen Freundeskreis, wo das Interesse gewachsen ist mit der Dauer der Amtszeit meines Vaters. Das Interesse an der DDR ist, nach meinem Eindruck insgesamt, in Folge der Aufnahme der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten gewachsen. Bis dahin hatte es nur sehr rudimentäre Vorstellungen über die DDR gegeben, und zwar sowohl in positiver wie in negativer Richtung.

Hatte Ihr Vater irgendeinen Bezug zur DDR oder zu der Landschaft östlich der Elbe?

Unsere Familie hatte keinerlei Wurzeln in der DDR. Es gab niemanden, der durch die deutsche Teilung etwas verloren hätte, es gab keine Familienbande, die auseinandergerissen waren. Es war schon ein sehr fernes Land.

Wie hat sich Ihr Vater auf seine Tätigkeit in Ostberlin vorbereitet?

Mein Vater hatte ein Jahr lang im Kanzleramt als Staatssekretär gearbeitet, bevor er nach Ostberlin ging. Das heißt, er hatte viel Zeit, um sich vorzubereiten. Er sprach auch oft davon, dass er diese Zeit gebraucht habe, um sich gründlich vorzubereiten. Aber insgesamt hat er sich sehr auf diese Aufgabe gefreut. Und die Vorstellung, der Erste zu sein, die hat ihn natürlich auch gereizt. Wie sehr ihn diese Aufgabe letztlich auch emotional berühren würde, das daraus eine Leidenschaft für sein ganzes weiteres Leben erwachsen würde, das hat er sicher nicht vorausgesehen.

Haben Sie Ihren Vater in Ostberlin besucht?

Ich war oft in Ostberlin, in den Ferien, aber auch an den Wochenenden. Ich kann mich an sehr viele Ausflüge mit meinen Eltern in der DDR erinnern. Und zwar sowohl an Reisen in schöne Orte und Städte, ob das nun Dresden war oder Quedlinburg oder Frankfurt an der Oder. Ich kann mich aber auch an viele kleine Ausflüge erinnern, zu Badeseen in der Umgebung Ostberlins, wo wir dann oft in einem Dorfgasthof zu Abend gegessen haben. Mich hat immer sehr berührt, wie viele Leute meinen Vater angesprochen haben, ganz ohne Scheu und auch ohne das geringste Interesse am Prominenten und in den allermeisten Fällen auch ohne konkretes Anliegen. Er hörte bei solchen Gelegenheiten viele und ihn beglückende Sätze der Ermutigung, auch der Dankbarkeit: "Gott sei Dank, das Sie da sind, Sie machen das richtig ..." Man darf so was natürlich nicht überbewerten - die Leute, die das anders sahen, die hatten wenig Veranlassung, ihn anzusprechen. Aber trotzdem: Ein überwältigendes Gefühl von Zuneigung war deutlich spürbar.

Ist Ihnen ein Ausflug oder eine Begegnung mit DDR-Bürgern besonders in Erinnerung geblieben?

Ein Ausflug, an den ich mich erinnere, war an einem Osterfest. Ich war mit meinen Eltern in den Spreewald gefahren, dort war mein Vater eingeladen von Angehörigen der sorbischen Minderheit. Es war ein ungeheuer lustiger, entspannter und schöner Tag. Was als offiziöses Ereignis begonnen hatte, gewann, auch durch die Lockerheit, die mein Vater i

m Umgang mit andern Menschen hatte, eine Fröhlichkeit, die mir unvergesslich bleiben wird. Und mich hat damals tief berührt, dass erkennbar war, wie lange sich unsere Gastgeber auf diesen Besuch vorbereitet hatten, wie wichtig er ihnen gewesen war. Das alte Klischee, man wird auf Händen getragen, hat in diesem Fall gestimmt. Ich glaube, wir konnten keinen Wunsch denken, ohne dass er erfüllt worden wäre.

1981 wurde Günter Gaus von Bundeskanzler Helmut Schmidt aus Ostberlin abberufen. Wie hat er auf diese Abberufung reagiert?

Mein Vater hat den Abschied aus Ostberlin als schmerzlichen Einschnitt empfunden. Er hätte das sehr gern noch viel länger gemacht. Die Form, in der ihm der Abschied gegeben wurde, hat er als Beleidigung empfunden. Es ist bekannt, dass mein Vater und Helmut Schmidt kein gutes Verhältnis zueinander hatten. Die Tatsache aber, das Helmut Schmidt ihn unmittelbar nach den Bundestagswahlen, als erste Amtshandlung gewissermaßen, entließ, was den Eindruck erwecken musste, er habe den Job nicht gut gemacht, das hat ihn geschmerzt. Ich kann mich erinnern, dass die Monate des Abschieds aus Ostberlin die wahrscheinlich traurigsten und bedrückendsten seines Lebens gewesen sind.

Wie erlebte Ihr Vater den Mauerfall und wie stand er zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten?

Die Freude darüber, dass die Mauer gefallen war, war unverfälscht und groß. Die politischen Fehler, die seiner Ansicht nach im Zuge der Vereinigung gemacht wurden, haben ihn allerdings sehr bedrückt. Er hat mit tiefer Sorge die Entwicklung beobachtet und hat viele der Probleme, die genau jetzt eingetreten sind, mit luzider Klarheit vorhergesehen. Er hat, um nur einige Beispiele zu nennen, den Grundsatz "Rückgabe vor Entschädigung" für falsch gehalten. Er hielt die Währungsgemeinschaft zum damaligen Zeitpunkt für falsch, und die hält ja heute kaum noch jemand für einen besonders strahlenden Einfall... Er hätte sich ein langsameres Zusammenwachsen der beiden Staaten, auch mit Blick auf eine Föderation gewünscht. Was er möglicherweise unterschätzt hat, war das Ausmaß der politischen Dynamik.

Bettina Gaus (*1956) Tochter von Günter Gaus, dem ersten "Ständigen Vertreter" der Bundesrepublik in der DDR.
Sie ist Journalistin und arbeitet seit 1999 als politische Korrespondentin der Berliner "tageszeitung".

Über dieses Thema berichtete der MDR in "Der Osten - Entdecke wo Du lebst" im: TV | 29.04.2014 | 20.45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. November 2009, 09:12 Uhr