Wegen angeblichen "Landesverrats": Knast oder Westen

Wenige Tage nach der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration am 17. Januar 1988 verhaftet die Staatssicherheit zahlreiche Bürgerrechtler. Sie werden vor die Wahl gestellt: Zehn Jahre Haft oder Ausreise in den Westen.

Mitglieder der Initiative Freiheit für Andersdenkende protestieren 1988 am Checkpoint Charlie
Gegendemo: Mitglieder der Initiative Freiheit für Andersdenkende protestieren 1988 am Checkpoint Charlie Bildrechte: dpa

"Aufmachen!". Die Männerstimme vor der Wohnungstür ist laut. Es ist der 25. Januar 1988 und Ralf Hirsch ist sofort klar, was gerade geschieht. Hastig sammelt der Bürgerrechtler seine Post aus Westberlin zusammen und schleudert sie gerade noch rechtzeitig in den Ofen. Dann wird seine Tür aufgebrochen. Männer stürmen herein. Nur wenige Minuten später sitzt Hirsch mit Handschellen gefesselt im Auto. Er ist auf dem Weg ins Gefängnis.

Massenverhaftungen

Ralf Hirsch
Bürgerrechtler Ralf Hirsch (Aufnahme von 2003) war Sprecher der Initiative "Frieden und Menschenrechte in der DDR" Bildrechte: dpa

Ralf Hirsch ist nur einer von vielen neuen Gefangenen dieses Tages. Eine ganze Verhaftungswelle rollt an diesem Morgen über Ostberlin. Sie richtet sich gegen verschiedene DDR-Bürgerrechtler. Lotte und Wolfgang Templin sind ebenso darunter wie Freya Klier und Bärbel Bohley. Bereits eine Woche vorher waren im Umfeld der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration über 150 Menschen verhaftet worden. Von den neuen Häftlingen hatte keiner an der Demo teilgenommen. Sie wollten im Land bleiben, es von innen verändern. Eine Demonstration für die Ausreise, so sind sie sich sicher, würde die eigene Glaubwürdigkeit schwächen.

Knast oder Westen - nach der Luxemburg-Demo abgeschobene Bürgerrechtler

Freya Klier und Stefan Krawczyk
Die Regisseurin Freya Klier und der Liedermacher Stefan Krawczyk am 3. Februar 1988 bei einer Pressekonferenz in Bielefeld. Einen Tag zuvor waren sie von den DDR-Behörden abgeschoben worden.
Krawczyk, seit 1985 mit einem Auftrittsverbot belegt, gehörte zu den Initiatoren der Paralleldemonstration und nahm selbst auch daran teil. Er wurde verhaftet und wegen sogenannter "landesverräterischer Agententätigkeit" angeklagt. Die Stasi stellte ihn vor die Wahl - Abschiebung in den Westen oder Haft. Krawczyk entschied sich notgedrungen für den Westen.
Für den Gang in den Westen entschied sich auch Krawczyks Lebensgefährtin Freya Klier. Sie war am 25. Januar verhaftet worden, nachdem sie sich für die Freilassung von während der Luxemburg-Liebknecht-Demo verhafteten Oppositionellen ausgesprochen hatte.
Bildrechte: IMAGO
Freya Klier und Stefan Krawczyk
Die Regisseurin Freya Klier und der Liedermacher Stefan Krawczyk am 3. Februar 1988 bei einer Pressekonferenz in Bielefeld. Einen Tag zuvor waren sie von den DDR-Behörden abgeschoben worden.
Krawczyk, seit 1985 mit einem Auftrittsverbot belegt, gehörte zu den Initiatoren der Paralleldemonstration und nahm selbst auch daran teil. Er wurde verhaftet und wegen sogenannter "landesverräterischer Agententätigkeit" angeklagt. Die Stasi stellte ihn vor die Wahl - Abschiebung in den Westen oder Haft. Krawczyk entschied sich notgedrungen für den Westen.
Für den Gang in den Westen entschied sich auch Krawczyks Lebensgefährtin Freya Klier. Sie war am 25. Januar verhaftet worden, nachdem sie sich für die Freilassung von während der Luxemburg-Liebknecht-Demo verhafteten Oppositionellen ausgesprochen hatte.
Bildrechte: IMAGO
Vera Wollenberger (GDR/Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen) anlässlich der DDR Volkskammerwahl 1990 in Berlin Os
Die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld (von 1980 bis 1992 Wollenberger) wurde auf der Paralleldemonstration verhaftet und wegen sogenannter "landesverräterischer Agententätigkeit" zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt. Nach einem Monat Haft wurde sie in den Westen abgeschoben. Bildrechte: IMAGO
Bürgerrechtler Werner Fischer. Werner Fischer, der 1986 die oppositionelle „Initiative für Frieden und Menschenrechte“ mitbegründet hatte, wurde während der Demonstration von der Staatssicherheit verhaftet und in U-Haft genommen. Vorgeworfen wurde auch ihm „landesverräterische Agententätigkeit“. In den Knast wollte Fischer allerdings nicht und so ging er – ausgestattet mit einem Visum und der Zusicherung, in die DDR nach einem halben Jahr zurückkehren zu dürfen – gemeinsam mit Bärbel Bohley nach London. Im August 1988 kam er tatsächlich wieder nach Ostberlin zurück.
Werner Fischer, der 1986 die oppositionelle "Initiative für Frieden und Menschenrechte" mitbegründet hatte, wurde während der Demonstration von der Staatssicherheit verhaftet und in U-Haft genommen. Vorgeworfen wurde auch ihm "landesverräterische Agententätigkeit". In den Knast wollte Fischer allerdings nicht und so ging er - ausgestattet mit einem Visum und der Zusicherung, in die DDR nach einem halben Jahr zurückkehren zu dürfen - gemeinsam mit Bärbel Bohley nach London. Im August 1988 kam er tatsächlich wieder nach Ostberlin zurück. Bildrechte: IMAGO
Wolfgang Templin während einer Pressekonferenz im Februar 1988 in Bielefeld nach dessen Ausweisung aus der DDR
Wolfgang Templin konnte an der Demonstration selbst nicht teilnehmen. Die Staatssicherheit hatte ihn unter Hausarrest gestellt und einige Beamte vor seinem Wohnhaus postiert. Weil er sich jedoch vehement für die Freilassung der während der Demonstration verhafteten Oppositionellen einsetzte, wurde er am 25. Januar 1988 ebenfalls verhaftet und eine Woche später gemeinsam mit seiner Frau Lotte in die BRD abgeschoben. Im Bild auf der Pressekonferenz in Bielefeld nach seiner Ankunft in der Budnesrepublik. Bildrechte: imago/teutopress
Bärbel Bohley mit ihrem Lebensgefährten Werner Fischer während einer Pressekonferenz im Februar 1988 in Bielefeld
Bärbel Bohley solidarisierte sich mit den verhafteten Oppositionellen und wurde deswegen am 25. Januar 1988 von der Staatssicherheit verhaftet. Zwei Wochen später wurde auch sie vor die Wahl gestellt: Knast oder Abschiebung. Bärbel Bohley ließ sich gemeinsam mit Werner Fischer für ein halbes Jahr in London nieder.
(Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV: 15.01.2017 | 19:30 Uhr)
Bildrechte: IMAGO
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Und dennoch sind sie durch die Ereignisse um den 17. Januar 1988 noch stärker als bisher ins Visier der Staatssicherheit geraten. Denn nach der ersten Verhaftungswelle haben die Bürgerrechtler begonnen, Protest zu organisieren.

Handschriftlich notierte landesweite Solidaritätsktionen für die Inhaftierten nach der Luxemburg-Demonstration 1988 in Berlin
Liste mit Solidaritätsaktionen Bildrechte: Robert-Havemann-Gesellschaft

Ein Kontakttelefon wurde eingerichtet, Mahnwachen und Fürbittgottesdienste initiiert. Und vor allem haben sie angefangen, die Medien in der Bundesrepublik zu informieren, Interviews zu geben, den Umgang mit Menschenrechten in der DDR zu thematisieren. Eine öffentliche Demütigung für die Staatsführung. Die will sich der unbequemen Opposition nun endgültig entledigen. Nur wie?

Knast oder Westen

Die Antwort scheint einfach. Den Bürgerrechtlern sollen ihre Westkontakte vorgeworfen werden. Sie werden zu Agenten westlicher Mächte erklärt. "Landesverräterische Agententätigkeit" heißt das im DDR-Recht. Und darauf stehen bis zu zwölf Jahre Haft. Fast alle Gefangenen könnten auf diesem Weg verurteilt werden.

Die Androhung teils jahrelanger Haftstrafen ist für die Staatssicherheit eine perfekte Drohkulisse. Obwohl bis heute nicht aufgeklärt ist, was genau die Stasi mit der groß angelegten Aktion "Enthauptungsschlag" bezweckte. Fest steht immerhin, alle Bürgerrechtler werden vor die Wahl gestellt: Haftstrafe in der DDR oder Ausbürgerung in den Westen. Möglicherweise scheut sich die Staatsführung davor, ihre Gefangenen als Märtyrer hinter Gitter zu bringen und damit zum dauerhaften Thema in den Westmedien zu machen.

Die Bürgerrechtler gehen in den Westen

Ralf Hirsch ist erschüttert als er im Gefängnis von dem Vorwurf des "Landesverrats"  erfährt. Ein Offizier hatte während der Vernehmung das "Neue Deutschland" auf den Tisch gelegt. Darin kann Hirsch von seiner Verhaftung lesen. Jetzt weiß er, wie ernst seine Lage ist. Hinter das gedruckte Wort kann die Parteiführung nicht mehr zurück. Zehn Jahre Haft werden ihm angedroht - oder eben Ausreise in den Westen. Auch dafür sei bereits alles organisiert. Nach langem Nachdenken willigt Hirsch ein. Am 6. Februar reist er in die Bundesrepublik aus.

Bärbel Bohley mit ihrem Lebensgefährten Werner Fischer während einer Pressekonferenz im Februar 1988 in Bielefeld
Bärbel Bohley nach ihrer Abschiebung Anfang Februar 1988 Bildrechte: IMAGO

Andere Oppositionelle wollen dennoch bleiben. Bärbel Bohley und Vera Wollenberger etwa lassen sich von den Drohungen nicht einschüchtern. Sie können sich ein Leben in der Bundesrepublik nicht vorstellen und setzen ausschließlich auf Veränderungen in der DDR. Notfalls würden sie dafür sogar ins Gefängnis gehen. Nur mit viel Mühe gelingt es den Offiziellen, die Frauen zu einem "Studienaufenthalt" in England zu überreden. Allerdings nur zeitlich begrenzt. Beide sollen Bürger der DDR bleiben.

Pyrrhussieg der SED-Verantwortlichen

Damit haben die Verantwortlichen in Ostberlin jedenfalls ihr Ziel erreicht. Fast alle Gefangenen sind ins westliche Ausland ausgereist. Die Bürgerbewegung in der DDR hat ihre Köpfe verloren. Doch was zunächst wie eine bittere Niederlage der Opposition aussieht, offenbart sich schnell als Sieg. Die Ausbürgerungen haben nämlich ein gewaltiges Medienecho gefunden. Viele Menschen in der DDR sind tief bewegt. Und die in den Westen verfrachteten Bürgerrechtler bleiben politisch aktiv, arbeiten, wie etwa Ralf Hirsch, von Westberlin aus für Veränderungen in der DDR. Bärbel Bohley kehrt sogar nach sechs Monaten im August 1988 in die DDR zurück und wird dort zu einer Kristallisationsfigur der neu aufkeimenden Oppositionsbewegung. Die Abschiebungswelle im Februar 1988 wird zum Vorboten der politischen Wende in der DDR.

(zuerst veröffentlicht am 23.01.2013)

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 15.01.2017 | 19:30 Uhr

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