Das Ende des DDR-Fußballs Der Mauerfall und seine Folgen

Der Mauerfall am 9. November 1989 löste in der gesamten DDR Jubel aus. Zigtausende nutzten die Gelegenheit zu einer Stippvisite im Westen. Dieser Tag hatte für das ganze Land gravierende Folgen, den Fußball nicht ausgenommen.

Der Berliner Mittelfeldspieler Frank Rohde führt den Ball vor dem Leipziger Kapitän Uwe Zötsche
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Schon am nächsten Spieltag in der DDR-Fußball-Oberliga, am darauffolgenden Sonnabend, spürte man von Rostock bis Aue, dass die ostdeutsche Bevölkerung mehrheitlich auf "West-Inspektion" war. Statt der üblichen 12.000 Zuschauer kam nur noch die Hälfte der Fans ins Leipziger Bruno-Plache-Stadion. Im damaligen Karl-Marx-Stadt mit Trainer Hans Meyer sah es nicht anders aus. Überdies stand die DDR-Mannschaft noch in der WM-Qualifikation für die Endrunde 1990 in Italien.

DDR-Spieler begehrt "wie heiße Semmeln"

Wie sollte man bei diesen politischen Wirren eine Mannschaft konzentriert auf das letzte entscheidende Spiel in Wien gegen Österreich vorbereiten? Ein Unding, das wusste auch der damalige Trainer Eduard Geyer, der mit Matthias Sammer, Ulf Kirsten und Andreas Thom hochbegabte Spieler in seinen Reihen hatte. Auch Geyer vermutete nach dem Mauerfall: Diese Jungs sind nicht mehr im Osten zu halten. Das Spiel im Wiener Prater-Stadion wurde 0:3 verloren, dreimal sah der Leipziger Verteidiger Matthias Lindner gegen den dreifach Torschützen Toni Polster alt aus. Und: Der schwergewichtige Leverkusener Manager Rainer Calmund, der zeitgleich beim ebenfalls entscheidenden WM-Qualifikationsspiel der Bundesrepublik in Köln gegen Wales auf der Tribüne saß, wartete sehnsüchtig auf den Anruf eines Freundes. Der kam als Fotograf getarnt im Wiener Prater-Stadion ganz nah an die DDR-Spieler heran und tauschte fleißig Kontaktadressen aus. Andreas Thom und Co. waren begehrt "wie heiße Semmeln". Wenige Tage später wechselte der Berliner Thom vom Serienmeister BFC Dynamo als erster deutsch-deutscher Transfer zu Bayer 04 Leverkusen.

Viele gehen Richtung Westen

Rainer Calmund hatte Thom geholt, Ulf Kirsten war der nächste und gern hätte man bei der Werkself auch Matthias Sammer gesehen. Das ging freilich schief, der heutige DFB-Sportdirektor landete beim VfB Stuttgart unter Christoph Daum. Dort wurde er am letzten Spieltag deutscher Meister, versuchte später sein Glück bei Inter Mailand, kam kurze Zeit später zurück zu Borussia Dortmund, wurde nationaler Meister und holte die Champions League. 1996 in England war er der spielerische Kopf der Europameister-Mannschaft von Berti Vogts. Der Mauerfall am 9. November hatte DDR-Fußballern die Möglichkeit geboten, erstmals durch ihren Sport viel Geld zu verdienen. Für die Ostclubs führte das zu einer dramatischen Auszehrung ihres Spielerpotentials.

Politik bringt Fußball in Zugzwang

Die rasante Entwicklung beider deutscher Staaten Richtung Einheit brachte auch die beiden Fußballverbände unter Zugzwang. Die Verhandlungen zwischen dem DFB und dem frisch gegründeten Nordostdeutschen Fußball-Verband der DDR gerieten immer stärker unter Zeitdruck. Wie konnte man den DDR-Fußball in ein gesamtdeutsches Spiel- und Vereinssystem integrieren? Wie die DDR-Vereine von Betriebssportgemeinschaften und staatlich finanzierten Sportclubs zu wirtschaftlich selbständigen Vereinen umwandeln? Wie Errungenschaften wie die Kinder-und Jugendsportschulen retten? Noch im April 1990 ließen die beiden Verbände verlauten, die Vereinigung werde frühestens in der Saison 1992/93 erreicht. Aber die politische Annäherung der beiden deutschen Staaten zwang die Fußballfunktionäre einmal mehr, ihre Planungen über Bord zu werfen.

DDR-Fußballnationaltrainer Eudard Geyer am 12.09.1990 im Brüsseler Constant-Vandenstock-Stadion. Die DDR-Fußballnationalmannschaft gewinnt vor 10.000 Zuschauern das letzte ihrer insgesamt 293 Länderspiele. Belgien wird mit 2:0 bezwungen
DDR-Fußballnationaltrainer Eudard Geyer am 12.09.1990 im Brüsseler Constant-Vandenstock-Stadion. Die DDR-Fußballnationalmannschaft gewinnt vor 10.000 Zuschauern das letzte ihrer insgesamt 293 Länderspiele. Belgien wird mit 2:0 bezwungen Bildrechte: dpa

Zwei Mannschaften schaffen Sprung in die 1. Bundesliga

Dem damaligen Präsidenten des DDR-Fußballverbandes, Hans-Georg Moldenhauer, oblag es, in zähen Verhandlungen mit dem DFB eine Lösung zu finden, wie die Ost-Vereine in die Bundesliga eingebunden werden konnten. Am Ende einigte man sich auf die Formel zwei plus sechs. Also zwei Vereine der Oberliga sollten in die Erste Bundesliga übernommen werden, sechs Vereine in die Zweite Bundesliga. Die deutsche Einheit war am 3. Oktober 1990 schon erreicht, da wurde zwischen Rostock und Riesa noch um den letzten Ostmeister-Titel gekämpft. Erst am 21. November wurde in der Leipziger Oper die Einheit der beiden deutschen Fußball-Verbände besiegelt. Dynamo Dresden und Hansa Rostock wurden erstklassig, Halle, Brandenburg, Lok Leipzig, Jena, Erfurt und Chemnitz schafften den Sprung in die Zweite Liga.

(zuerst veröffentlicht: 10.06.2011)

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Manager Reiner Calmund war beim Finale 1990 im Stadion. Bildrechte: MDR
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