"Wir wussten nicht, wie Westen geht" Mein erstes Westauto

Jahrzehntelang waren die Deutschen ein geteiltes Volk. Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, trafen die doch so unterschiedlichen Deutschen aufeinander, und für vieles und viele war es "Das erste Mal…": Das erste Mal auf Westreise, das erste Mal in einem Nobelrestaurant, das erste Westgeld, das erste Fotoshooting für den "Playboy", das erste Westauto.

Mercedes-Benz auf dem Gelaende eines Gebrauchtwagenhaendlers.
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Auf einem Gebrauchtwagenmarkt in Rostock entdeckte Andreas Ihlenburg im Frühsommer 1990 sein "Traumauto": einen Opel "Senator". Das Gefährt war zwar schon über zehn Jahre alt, arg vom Rost zernagt und sollte noch 8.000 DDR-Mark kosten. Trotzdem war Ihlenburg nach einer Probefahrt begeistert: "Das ist ja 'ne Rakete", dachte er sich und sagte zu dem Händler: "Sie müssen mir das Auto reservieren. Ich komme gleich wieder und bringe Ihnen das Geld."

Ein junger Mann wird neben einem alten Opel Kadett fotografiert 3 min
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8.000 D-Mark zahlt Andreas Ihlenburg für sein erstes Westauto. Doch der Traum dauert nur eine Woche, dann gibt der Opel den Geist auf.

Do 04.12.2014 15:49Uhr 02:47 min

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Der Händler nickte und lächelte gönnerhaft. Ihlenburg eilte zur Sparkasse, hob das Geld ab und blätterte die 8.000 Mark auf den Tisch des Gebrauchtwagenhändlers. Jetzt war er stolzer Besitzer eines Westautos. Eine Woche später blieb der "Senator" aber plötzlich stehen und rührte sich nicht mehr: "Er war kaputt, ganz kaputt. Der Motor war Schrott."

Ein lukratives Geschäft

Für Wilhelm Geissel aus dem Rheinland war das Geschäft mit Gebrauchtwagen gewinnbringend. Er kam nach der Wende nach Bernburg. Die erste Lieferung von veralteten Westwagen hatte er in nur wenigen Stunden - direkt vom Transporter herunter - verkauft. Die Nachfrage an Westautos schien grenzenlos. Nicht selten tauchten aber auch windige Geschäftemacher auf, die alte Rostlauben zu horrenden Preisen verschacherten.

Wenn sie rosten, ab in den Osten!

So witzelten die Gebrauchtwagenhändler untereinander.
Dirk Taschner und Siegmar Reinsch 1 min
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Etwa 40 Prozent der Westautos, die Anfang der 1990er-Jahre im Osten verkauft wurden, wären im Westen längst auf dem Schrott gelandet, meint Kfz-Meister Siegmar Reinsch.

Mo 25.04.2011 22:00Uhr 01:26 min

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Erst Kult, dann Schrott

Mit der Zeit profitierten auch Abschleppunternehmer vom Autoboom der 1990er-Jahre, denn Unfälle waren auf den verstopften Autobahnen an der Tagesordnung. Immer wieder mussten die Abschleppwagen ausrücken, um illegal entsorgte Wartburgs und Trabis zu bergen, die nach der Wende ihren Wert verloren hatten und einfach am Straßenrand stehen gelassen worden waren.

Dabei waren die Trabis und Wartburgs damals heiß begehrte Objekte. Die Wartezeit auf einen Kleinwagen betrug 12 bis 15 Jahre. Ein volljährig gewordener DDR-Bürger bestellte sich sofort nach seinem Geburtstag einen Trabant, damit er mit seinem 30. Lebensjahr vielleicht Autobesitzer war.

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Jahrzehntelang waren die Deutschen ein geteiltes Volk. Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, trafen die doch so unterschiedlichen Deutschen aufeinander, und für vieles und viele war es "Das erste Mal…" Bildrechte: MDR
MDR FERNSEHEN Di, 10.12.2019 22:05 22:48
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