Die Moderatoren des Zentralen Runden Tisches der Parteien und Bürgerbewegungen der DDR am 22.01.1990 im Berliner Schloss Niederschönhausen
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Der "Zentrale Runde Tisch" in Berlin

Für die neue DDR-Regierung unter Hans Modrow wurde im November 1989 die Situation immer prekärer. Die Demonstrationen rissen nicht ab, die Ausreisewelle hielt an und die Autorität der Regierung war auf dem Nullpunkt. Aus diesem Grund wurde auf Vorschlag der Bürgerbewegung im Dezember ein "Zentraler Runder Tisch" in Berlin eingerichtet, an dem Regierung und Opposition über eine Machtteilung und die Durchführung von freien Wahlen verhandeln sollten.

Die Moderatoren des Zentralen Runden Tisches der Parteien und Bürgerbewegungen der DDR am 22.01.1990 im Berliner Schloss Niederschönhausen
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Auch die neuen Oppositionsbewegungen sahen die Entwicklung in der DDR mit Sorge. Gerd Poppe, 1985 einer der Mitbegründer der "Initiative für Frieden und Menschenrechte", erinnert sich: "Nach dem Fall der Mauer drohte die Situation ein bisschen aus dem Ruder zu laufen. Das heißt, wir waren erstens an einer Stabilisierung des Landes interessiert und zweitens an der Machtfrage, also zumindest der Kontrolle der damaligen Regierung." Das bedeutete aber auch, die Konfrontation nicht um jeden Preis zu suchen.

Der "Runde Tisch" – ein Kind der Opposition

Die Idee, einen "Runden Tisch" einzurichten, kam aus der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt". Einige ihrer Gründer hatten das polnische Vorbild studiert, wo sich im Frühjahr 1989 Vertreter der kommunistisch geführten Regierung mit Vertretern der Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc" an einen "Runden Tisch" gesetzt hatten, um über eine Machtteilung und die Durchführung halbfreier Wahlen zu verhandeln.

Bereits Anfang Oktober verständigten sich die neu entstandenen DDR-Oppositionsgruppen darauf, eine gemeinsame "Kontaktgruppe" einzurichten, um künftig Aktionen besser abstimmen zu können. Dennoch galten sie als Staatsfeinde, wurden in ihrer Arbeit behindert. Dass die alten Kräfte immer noch versuchten, die Öffentlichkeit zu manipulieren, bewies am 23. November das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland". Dreist wurde behauptet, die Regierung habe den "Runden Tisch" angeregt, obwohl alle Beteiligten genau wussten, woher der Vorschlag wirklich kam.

Wer darf am "Zentralen Runden Tisch" sitzen?

Sitzverteilung des Runden Tisches
Sitzverteilung des Runden Tisches Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der "Runde Tisch" sollte paritätisch aus Vertretern der Regierungsparteien und Mitgliedern der neuen Oppositionsbewegungen besetzt sein. Die Teilnahme von Massenorganisationen wie dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) war von den Gründern ursprünglich nicht beabsichtigt, da sie letztlich als von der SED gelenkt galten. Den Gewerkschaftern gelang es aber durch Demonstrationen vor dem Sitzungsgebäude, ihre Teilnahme doch noch durchzusetzen. Gleiches galt auch für neue Oppositionsgruppen wie etwa dem Unabhängigen Frauenverband UFV oder der Umweltorganisation "Grüne Liga".

Im Gästehaus der DDR-Regierung

Der relativ kleine Saal des Berliner Bonhoefferhauses war wenig geeignet für die Beratungen. Es gab weder Möglichkeiten, Berater in Reichweite zu konsultieren noch komplett ausgestattete Büros. Für die Blockparteien war die Arbeit einfacher, konnten sie doch auf den umfangreichen Regierungsapparat bzw. die Arbeitsmittel der Volkskammer zurückgreifen.

So zog der "Zentrale Runde Tisch" mit der 4. Sitzung in das Schloss Niederschönhausen, das Gästehaus der DDR-Regierung. Zugleich wurden die Arbeitsmöglichkeiten der Teilnehmer verbessert. Um den "Runden Tisch" möglichst unparteiisch führen zu können, war die Leitung drei Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche als sogenannte Moderatoren übertragen worden.

Regierung und Opposition gingen mit unterschiedlichen Erwartungen an die Arbeit. Konrad Weiß, für "Demokratie Jetzt" am "Runden Tisch", erinnert sich: "Als dann der Runde Tisch im Dezember 1989 zum ersten Male tagte, saßen sich im Grunde – auch wenn der Ton verbindlich war – erbitterte politische Gegner gegenüber."

Zerreißprobe für die SED

Als der "Zentrale Runde Tisch" am 7. Dezember 1989 zu seiner ersten Sitzung zusammenkam, war die Stimmung angespannt. Der Chef der Sozialdemokratischen Partei in der DDR, Ibrahim Böhme, der wenige Monate später als Stasi-IM enttarnt wurde, hatte vorab erklärt: "Wir möchten die eindeutige Kontroll- und Anwaltsfunktion des Runden Tisches festschreiben. Wir verstehen uns nicht als ein Schattenkabinett des Kabinetts Modrow. Wir sehen aber die Regierung Modrow als eine geschäftsführende Übergangsregierung, der man so viel Stabilität wie nötig ermöglicht, um bis zu den Neuwahlen keine Destabilisierung der beiden deutschen Staaten zu erleben." Die SED andererseits befand sich in einer Zerreißprobe, es drohte sogar die Selbstauflösung, während die Blockparteien versuchten, sich aus ihrer alten Abhängigkeit von der SED zu lösen.

Teilnehmer am "Zentralen Runden Tisch"

Werner Schulz, Vera Lengsfeld und Matthias Platzeck gehörten u. a. zu den Vertretern von Oppositionsgruppen, die seit Dezember 1989 am "Zentralen Runden Tisch" in Ost-Berlin über die Umgestaltung der DDR verhandelten.

Werner Schulz (Politiker, Bündnis 90/Die Grünen)
Werner Schulz zählte 1989 zu den Gründungsmitgliedern des Neuen Forums, das später in Bündnis 90/Die Grünen aufging. In den Jahren danach war Schulz zwischenzeitlich Abgeordneter im Bundestag und Europaparlament. Bildrechte: MDR/ Ralf. U. Heinrich
Werner Schulz (Politiker, Bündnis 90/Die Grünen)
Werner Schulz zählte 1989 zu den Gründungsmitgliedern des Neuen Forums, das später in Bündnis 90/Die Grünen aufging. In den Jahren danach war Schulz zwischenzeitlich Abgeordneter im Bundestag und Europaparlament. Bildrechte: MDR/ Ralf. U. Heinrich
Christoph Matschie
Der Theologe Christoph Matschie gründete im Oktober 1989 das erste Büro der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) in Thüringen, die er am Runden Tisch vertrat. In den Jahren danach war er zwischenzeitlich Bundestagsabgeordneter und eine Amtszeit lang Kultusminister in Thüringen. Bildrechte: MDR/Mayte Müller
Der Bürgerrechtler Sebastian Pflugbeil
Sebastian Pflugbeil, der Mitbegründer und Sprecher des Neuen Forums am Runden Tisch war in der Regierung Modrow Minister ohne Geschäftsbereich. Der Physiker engagierte sich besonders in Fragen des Umweltschutzes. Bildrechte: IPPNW - Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung
Der katholische Pfarrer Karl-Heinz Ducke
Der Moraltheologe Karl-Heinz Ducke war als Vertreter der katholischen Berliner Bischofskonferenz einer der drei Moderatoren des Runden Tisches. Anschließend arbeitete er als Pfarrer in Jena und vertrat die katholischen Kirche im MDR-Rundfunkrat. Im Jahr 2011 starb Ducke in Jena. Bildrechte: dpa
Theologe Wolfgang Ullmann
Der 2004 verstorbene evangelische Theologe Wolfgang Ullmann begründete 1989 zusammen mit Ulrike Poppe und Konrad Weiß die Initiative "Demokratie Jetzt". Im Übergangskabinett von Modrow war er "Minister ohne Geschäftsbereich". Von 1990 bis 1994 saß er für Bündnis 90/Die Grünen als Abgeordneter im Bundestag. 2004 starb der Theologe im vogtländischen Adorf. Bildrechte: IMAGO
Gregor Gysi
Auf dem Sonderparteitag der SED am 9. Dezember 1989 wurde Gregor Gysi zum Vorsitzenden gewählt. Er war der prominenteste SED-Vertreter am Runden Tisch und vertrat nach den ersten freien Wahlen im März 1990 die SED-Nachfolgepartei PDS zunächst für einige Monate in der Volkskammer. Von Oktober 1990 gehörte Gysi mit Unterbrechungen zum Bundestag. 2015 gab er sein Amt als Fraktionschef der Partei "Die Linke" ab. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Manfred Gerlach spricht auf der Demonstration am 4.11.1989 in Berlin
Manfred Gerlach, der Vorsitzende der "Liberaldemokratischen Partei Deutschlands" (LDPD), war 1960 bis 1990 stellvertretender Staatsratsvorsitzender der DDR. Vom Dezember 1989 bis zum März 1990 war er Vorsitzender des Staatsrates und vertrat am Runden Tisch die LDPD. Später wurde er Mitglied der FDP, 1993 trat er nach der Einleitung eines Parteiausschlussverfahrens gegen ihn, aus der Partei aus. Gerlach starb 2011 in Berlin. Bildrechte: DRA/DDR Fernsehen
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Die Beschlüsse des ersten "Zentralen Runden Tisches"

Die Opposition einigte sich mit den Vertretern der Regierungsparteien auf mehrere zentrale Beschlüsse: Für die DDR sollte eine neue Verfassung erarbeitet und anschließend durch eine Volksabstimmung bestätigt werden. Einstimmig wurde die Auflösung des "Amtes für Nationale Sicherheit", also der Stasi-Nachfolgebehörde, verlangt. Zugleich sprach sich der "Runde Tisch" für ein Verbot der Aktenvernichtung aus. Schließlich wurde beschlossen, Neuwahlen zur Volkskammer für den 6. Mai 1990 anzusetzen.

Außerdem verständigte sich der "Zentrale Runde Tisch" darauf, die Gespräche fortzusetzen - und zwar am 18. Dezember. Anscheinend wusste vor der ersten Sitzung niemand so recht, was am "Runden Tisch" geschehen würde, wie man an einer kleinen Begebenheit erkennt, an die sich einer der drei Moderatoren, Monsignore Dr. Karl Heinz Ducke, später erinnerte: "Gegen Mitternacht suchten wir noch den Hausmeister, um eine Schreibmaschine zu finden, um die Beschlüsse zu tippen."

Über dieses Thema berichtet der MDR im TV in "Aufbruch zur Demokratie. Runde Tische in der DDR" 24.11.2019 | 22:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. November 2019, 11:18 Uhr

TV-Tipp

V.r.n.l.: Ministerpräsident Hans Modrow (DDR) im Gespräch mit Innenminister Lothar Ahrendt (DDR) und Peter Moreth (DDR/Minister für örtliche Organe) während einer Sitzung des Runden Tisches in Ost-Berlin, 1990. + Video
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