Intershop Der verführerische Duft des Westens

Es war der Geruch, jener unverwechselbare Seifenkaffeeparfümschokoladen-Geruch. Kaum öffnete man die Tür, war man gefangen in der duftenden Welt des Intershops.

Es schien ein Spagat über die Mauer. Hier gab es all die Dinge, die es in "Konsum" oder "HO" nicht gab. Alles in den Regalen des Intershops erweckte mein Verlangen. Bedauerlicher Weise hatten wir kein Westgeld. Einmal im Jahr schickte Onkel Jo aus Mühlheim ein Weihnachtspaket, für das ich mich mit einem Brief in Schönschrift bedanken musste. Nie durfte ich mir etwas wünschen. Ich sollte dankbar sein, dass ich überhaupt etwas bekam.

Prägend für mein Unglück war ein Erlebnis im Heimatkunde-Unterricht. Wir sollten ein Schneeglöckchen malen und die einzelnen Teile beschriften. Während ich mich mit meinen Buntstiften abmühte, zeichnete meine Banknachbarin ihr Schneeglöckchen mit Filzstiften aus dem Intershop. Selbstverständlich sah ihre Zeichnung viel farbenfroher aus. Obwohl wir beide alles richtig beschriftet hatten, bekam sie eine Eins und ich eine Zwei. Mein Bild sähe eben nicht so schön aus, sagte die Lehrerin.

Ein Messegast aus dem Westen

Wir nutzten jede Möglichkeit, um an Westgeld zu gelangen. Unter dem Motto "Jedem Messegast ein Bett!" fand zweimal im Jahr in Leipzig eine Lotterie statt. Hauptgewinn war einer von "drüben", ein Messeonkel mit dicker Brieftasche. Wetteinsatz war das Klappbett in meinem Kinderzimmer. Ich rutschte auf die Besucherritze im Ehebett meiner Eltern und ertrug, in der Hoffnung auf Westgeld, nächtelang das Schnarchen meines Vaters.

Gabelstapler aus Sofia, Plaste und Elaste aus Schkopau, Suhler Jagdwaffen - wieder war die Mühe vergebens. Da hieß es Zimmer wischen, Bett frisch beziehen und erneut hoffen. Dann endlich schickte uns die zentrale Zimmervermittlung einen Schweden, der vorsichtig fragte, ob er mit D-Mark bezahlen könne.

Das Geschäft wurde an unserem Küchentisch abgewickelt. Das Wunder war geschehen. In der Zuckerdose in unserem Küchenschrank, in der immer das Haushaltsgeld steckte, lagen 100 Westmark. Wir waren reich! Ich fand, der Schein fasste sich viel fester an als uns dünnes DDR-Geld, er war größer, er war schöner und er knisterte lauter.

Ausflug in den Intershop

Mit dem nicht ganz legal erworbenen Westgeld in der Tasche betraten wir den Bahnhof in geheimer Mission. Wir waren Mutter und Kind auf der Durchreise, getarnt durch einen leeren Koffer und meine Unschuld. Glaubte meine Mutter, dass sie die Anwesenheit eines Kindes vor einer Verhaftung bewahren würde?

Schriftstellerin und Hörfunkredakteurin Kathrin Aehnlich
Die Autorin Kathrin Aehnlich Bildrechte: transit/Christiane Eisler/Verlag Antje Kunstmann

Obwohl es bereits Frühling war, hatte meine Mutter ihren Pelzmantel angezogen und sich, was sie sonst nie tat, geschminkt. Sie lief etwas unsicher auf ihren hochhackigen Pumps durch die Bahnhofshalle. Der Intershop lag in versteckt in der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofes. Es gab kein Ladenschild und keine Auslagen. Das schmale Schaufenster war mit weißen, blickdichten Gardinen verhangen. Mit einem Ruck öffnete meine Mutter die Tür und betrat als falsche Westdeutsche den Laden. Vor uns in der Schlange standen vor allem Frauen. Alle versuchten möglichst heiter zu wirken, doch ich spürte die Anspannung. Als meine Mutter an der Reihe war, verlangte sie mit spitzem Mund "Ein Neulonghämd, büttö!" Für sich selbst kaufte sie "Tosca". Selbstverständlich Eau de Cologne, Parfüm wäre zu teuer gewesen. Ich bekam eine Stange Blasenkaugummi.

Die Tosca-Flasche bekam, zwischen umhäkelten Taschentüchern, einen Platz im Nachtischkasten. Meine Mutter leistete sich den Duft nur zu besonderen Anlässen. Zwei Tupfer auf die Ohrläppchen, einen aufs Taschentuch. Die Mütter meiner Schulkameraden rochen alle gleich. Zur Jugendweihe-Feier nahm mir die Tosca-Wolke im Saal fast den Atem.

Echte Jeans – knalleng und mit Nieten

Wir DDR-Bürger kauften markenbewusst. Die Anregung dazu bekamen wir bei den täglichen Webesendungen im Westfernsehen. Lavendel, Oleander, Jasmin…darauf einen Dujardin. Wir waren dankbare Werbekunden. Nie hätten wir eine andere Seife, als die Frische Fa gekauft. Doch wer denkt, wir hätten die Seife sofort benutzt, irrt. Der Weg war vorgegeben. Zuerst wurde die Seife samt Schachtel zwischen die Handtücher im Wäscheschrank gelegt. Nach etwa einem halben Jahr durfte sie auf die Konsole ins Bad umziehen und dort mit ihrem Duft die Luft verbessern. Um dann endlich, nach wiederum einigen Monaten, ihren Dienst als Seife tun zu dürfen. Nicht zum profanen Händewaschen versteht sich, sondern nur zum wöchentlichen Bad. Und wehe, wer die Seife ins Badewasser fallen ließ!

Schwarz-Weiß-Aufnahme von Mädchen in Hosen
Schwarz-Weiß-Foto von Kathrin Aehnlich 1977 in gelber Levis Bildrechte: Kathrin Aehnlich

Als ich 16 war kam Onkel Jo, der uns zu jedem Weihnachtsfest ein Paket schickte, höchst selbst zu Besuch. Verschwörerisch winkte er mich in eine Ecke, holte sein Portemonnaie aus der Innentasche seiner Jacke und klappte es auf. Ich sah die Ränder der Geldscheine. Er zuppelte an einem Schein. Ich stellte mir vor, wie ich in den Intershop spazieren und mir eine echte Lewis kaufen wurde. Knalleng mit Nieten. Feierlich überreichte mir Onkel Jo einen Zwanzigmarkschein. Ich hatte Mühe mich zu beherrschen und ein freundliches Gesicht zu machen. Poplige zwanzig Mark dachte ich.

Im Nachhinein muss ich Abbitte leisten. Der Westen Deutschlands hatte sich mir immer als ein Schlaraffenland dargestellt. Ein einziger großer Intershop. Man musste nur das richtige Geld haben.

Die zwanzig Mark hatten mich meinem Traum von einer Levis nur bedingt näher gebracht. Die richtigen Bluejeans waren dafür nicht zu haben. Meiner Mutter war das sehr recht, sie lehnte Hosen "die schon einmal gewaschen" waren generell ab. Als Sonderangebot präsentierte der "Intershop im Hotel Stadt Leipzig" eine gelbe Cord-Levis für 20 Mark. Meine Mutter war begeistert. Und da das Geld von der Verwandtschaft meiner Eltern kam, hatte ich kein Mitspracherecht und konnte den Kauf nicht verweigern. Die gelben Hosen waren bereits nach wenigen Minuten Tragen schmutzig. Zudem zog das grelle Gelb jedwede Insekten an, die sich in die Zwischenräume der Cordstreifen setzten und meine Beine mit schwarzen Punkten übersäten. Ich hätte sie nicht einmal totschlagen können, denn dann wären die Flecke noch größer geworden.

Zwei Dosen Ananas für die Hochzeit

Mitte der achtziger Jahre begann ich ein Studium am Literaturinstitut. Hin und wieder besichtigten ausländische Delegationen, die angeblich "kleinste Hochschule der Welt. Ich durfte an einem Abend vor der Abordnung eines schwedischen Arbeitervereins lesen. Bei der Verabschiedung gab mir ein Mann heimlich einige Geldscheine, schwedische Kronen im Wert von 100,-- DM. Wieder war es ein Schwede, der mich reich machte. Die Crux war nur, dass ich mit schwedischen Kronen nicht im Intershop einkaufen durfte. Ich musste das Geld auf der "Staatsbank der DDR"  tauschen. Beim Anstehen stellte ich mir vor, wie ich am Schalter verhaftet würde. Ich erinnerte mich an die Angst meiner Mutter, bei unserem ersten Intershop-Besuch. "Bürgerin, woher haben sie das Geld? Doch nichts geschah. Ich musste nicht einmal die Stimme verstellen. Der Bankbeamte nahm meine schönen schwedischen Kronen und gab mir dafür bunte Wertbons. Die Forum-Schecks sahen aus, als würden wir gleich eine Runde Kaufmannsladen oder Kinderpost spielen wollen.

Für das Geld kaufte ich zwei Dosen Ananas in Scheiben für meine Hochzeit. Neben der Banane gehörte die Ananas zu den beliebtesten Obstsorten der Ostdeutschen. Nicht Schnipsel durften es sein, sondern Scheiben, in deren Mitte man beim Dekorieren der Torte eine Kirsche legte. Damals, in Zeiten vietnamesischer Feinfrost Ananas, erschien mir eine Dose gezuckerte Ananas als ein hohes Gut.

Von nun an ging ich oft in den Intershop und betrachtete die Auslagen. Doch ich kaufte nichts. Plötzlich erschien mir nichts wert genug, um mein Geld dafür auszugeben. Nach dem Mauerfall tauschte ich die Forumschecks wieder in D-Mark um. Schnell war schnell klar: Der Westen riecht nicht nach Intershop. Dieser SeifenSchokoladenKaffeeParfüm-Geruch ist für immer verschwunden.

Kurzbiografie der Autorin Kathrin Aehnlich wurde 1957 in Leipzig geboren. Studium an einer Ingenieurschule und am Leipziger Literaturinstitut. Journalistische Arbeit für die unabhängige Wochenzeitung "Die andere Zeitung" (DAZ), dann erste Hörfunk-Dokumentationen. Seit 1992 ist sie freie Feature-Redakteurin und Autorin bei MDR FIGARO.
Sie schreibt Erzählungen, Hörspiele und Romane. Letzte Veröffentlichung 2013 "Wenn die Wale an Land gehen" im Verlag Antje Kunstmann.

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2 Kommentare

08.12.2013 10:11 Elke 2

Kompliment, dieser Artikel ist einfach herrlich! :)

07.12.2013 18:09 Ingrid 1

Ja, das waren Damals noch Zeiten !!! Wenn man den Intershop betrat, dann kam dieser herrliche Duft einem entgegen !!! Und Heute, da riecht man gar nichts mehr davon !!! Alles nur Betrug, um unsere paar Westmark heraus zu Locken !!! :-(