Im Studio des SFB in Berlin "auf Draht" ist am Freitag (13.08.1999) der 69-jährige Moderator und Publizist Karlheinz Drechsel und moderiert wie jeden Freitag bei Radio Kultur die "Memories in Jazz".
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Interview mit Karlheinz Drechsel "Armstrong war eine Sensation"

Karlheinz Drechsel, der "Dr. Jazz" der DDR, begleitete Louis Armstrong 1965 auf dessen Konzert-Tournee durch die DDR. In einem Gespräch erinnert sich Drechsel an die Begegnung mit dem "King of Jazz".

Im Studio des SFB in Berlin "auf Draht" ist am Freitag (13.08.1999) der 69-jährige Moderator und Publizist Karlheinz Drechsel und moderiert wie jeden Freitag bei Radio Kultur die "Memories in Jazz".
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Wie war es eigentlich zur Tournee Louis Armstrongs gekommen?

Karlheinz Drechsel: Das war keine Initiative von Seiten der DDR. Armstrong plante eine Tournee durch die sozialistischen Länder. Und das Ganze organisierte eine Schweizer Agentur. Von dort kam eines Tages das Angebot an die Künstleragentur der DDR, dass Armstrong auch in die DDR kommen könnte. Und da die DDR das Konzert nicht bezahlen konnte, wurde mit der Schweizer Agentur ein Abkommen getroffen: Die Gage wurde in DDR-Mark an die Schweizer überwiesen. Diese zahlten Armstrongs Gage in Dollar aus und erhielten ihrerseits optische Geräte und Antiquitäten aus der DDR. Eine ziemlich komplizierte Angelegenheit …

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die USA den sozialistischen Ländern die Konzerte Armstrongs schenken wollte …

Genau so war es gewesen. Einige sozialistische Länder bekamen Armstrong tatsächlich umsonst, quasi als ein Geschenk der Vereinigten Staaten. So hat etwa die ČSSR nichts für Armstrongs Konzerte bezahlt. Aber die DDR sagte stolz: Wir wollen nichts von den Amerikanern geschenkt bekommen, wir bezahlen das selbst.

Wieso hatten die USA die Konzerte überhaupt bezahlen wollen?

Das war damals durchaus üblich, dass die USA ihre Jazzmusiker quasi als Kulturbotschafter auf Reisen schickten. So spielten etwa Benny Goodman und Oscar Peterson auf Kosten der amerikanischen Regierung in Moskau. Es gibt ja so eine markige Äußerung vom Nato-General Bernard Montgomery: "Wenn wir den Osten nicht mit Waffen kriegen, dann mit der Jazztrompete." Das war wohl so ungefähr das Kalkül, das dahintersteckte.

Armstrong hatte im Rahmen seiner Tour auch in Moskau auftreten sollen. Doch aus Protest gegen die Rassendiskriminierung in den USA hatte er es abgelehnt, als offizieller Repräsentant der Regierung der Vereinigten Staaten die UdSSR zu besuchen. 

In welche Ära fiel die Tournee Armstrongs durch den Osten?

Karlheinz Drechsel, "Dr. Jazz" der DDR, 2003.
Karlheinz Drechsel, "Dr. Jazz" der DDR Bildrechte: MDR/ Ralf U. Heinrich

Es war die Hochzeit des Kalten Krieges, die Fronten zwischen den Systemen waren absolut verhärtet. Hinzu kam noch, dass der Jazz in der DDR in jenen Jahren absolut verpönt war, vor allem der Modern Jazz. "Affenkultur des Imperialismus", hieß es bei den Kulturfunktionären der SED. Und da hinein kam nun dieses Gastspiel … Armstrong in der DDR – das war für die Jazz-Fans des Landes eine wirkliche Sensation. Und er gab in der DDR auch die meisten seiner Konzerte auf der Osteuropa-Tournee: 17. In der ČSSR war er zehnmal aufgetreten, in Bulgarien, Rumänien und Ungarn nur einmal. In Budapest spielte er aber immerhin vor 90.000 Zuschauern – es war eines der größten Jazzkonzerte in der Geschichte überhaupt.  

Sie waren damals Armstrongs Begleiter auf seiner Tournee durch die DDR …

Ich hatte das mich völlig verblüffende Glück, dass die Künstleragentur der DDR mich fragte: Hätten Sie Interesse, Louis Armstrong zu begleiten? Ich dachte zunächst, das sei ein Witz. Aber es war ernst gemeint. Und ich antwortete, dass ich das natürlich sehr gern machen würde.

In Leipzig wurde ich ihm dann vorgestellt, und Armstrong wusste nun, dass ich sein Begleiter bin. Er hat aber sofort gespürt, dass ich keiner der offiziellen Begleiter aus dem SED-Apparat bin, sondern ein wirklicher Jazz-Liebhaber. Und das machte ihn sehr offen, und es entwickelte sich sehr schnell ein fast freundschaftliches Verhältnis zwischen uns beiden. Er hat mir dann bei den Reisen im Tourneebus auch viel erzählt – etwa von seiner Zeit bei Al Capone in den 20er-Jahren. Ganz spannende Geschichten …

Wie haben Sie Louis Armstrong erlebt?

Es gibt ein Lied, "Der Junge von New Orleans", und ich glaube, genau dieser Junge ist er sein Lebtag gewesen. Armstrong hat gar nicht gewusst, was für einen klangvollen Namen er besitzt in der Welt. Er wusste zwar, er ist irgendwie beliebt, aber die Größe seines Namens, seiner Person, die ist ihm nie so bewusst gewesen. Er war einfach, bescheiden, zurückhaltend und alles andere als ein Star. Er hatte keine Allüren.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Ich musste eines Nachts, während eines Konzertes in Erfurt, zurück nach Berlin. Und als ich aus dem Saal herausschlich, winkte ich ihm kurz zu. Da ist er von der Bühne heruntergekommen - die Band spielte unterdes weiter – und hat mich umarmt, mir zwei 50-Mark-Scheine in die Hand gedrückt und gesagt, die solle ich meinen Söhnen geben vom Onkel Satchmo.

Armstrong gab sich in der DDR als einen an Politik desinteressierten Musiker. Dafür wurde er von bundesdeutschen Medien heftig kritisiert.

Seine scheinbar unpolitische Haltung hatte einen einzigen Tenor: Ich bin für die Menschen da, unter welchen politischen Verhältnissen sie auch immer leben mögen. Und ich spiele und singe für sie. Und ich bin glücklich, wenn ich andere glücklich machen kann -  egal, ob im Osten oder im Westen. Ich bin für alle Menschen da. Das war sein Credo. Aber er war keineswegs unpolitisch. Er hat sich nur nicht vereinnahmen lassen – weder vom Westen, noch vom Osten.

Wie war denn die Stimmung bei den Konzerten?

Alle Konzerte, bis auf das in Schwerin, waren bis auf den letzten Platz ausverkauft. Und in den Sälen war natürlich eine wahnsinnige Stimmung. Schon bevor Armstrong auf die Bühne kam, trampelte und tobte das Publikum ...

Was bedeutete Armstrongs Tournee für die Entwicklung des Jazz in der DDR?

Armstrong hatte das Eis aufgetaut. An ihm wagte keiner herumzudeuteln, nicht einmal das ZK. Plötzlich schrieb sogar das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" positiv über Jazz. Es wurden Konzerte organisiert, ja ganze Jazz-Reihen, in Leipzig etwa oder in Dresden. Also Armstrong hatte, ohne es zu wissen, tatsächlich ganz neue Horizonte eröffnet.

Zur Person Der 1930 in Dresden geborene Journalist und Jazzmusiker Karlheinz Drechsel war der vielleicht bedeutendste Wegbereiter und Förderer des Jazz in der DDR. Sein Spitzname: "Dr. Jazz".
Drechsel, der einer Gründungsväter des Dixielandfestivals in Dresden war, stand mit der halben Jazzwelt auf vertrautem Fuß: mit Dizzy Gillespie, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, Albert Mangelsdorff …
Der amerikanische Jazz-Pianist Dave Brubeck würdigte Karlheinz Drechsel unlängst als einen Mann, der sich lebenslang für den Jazz einsetzte, auch als das noch gefährlich war.

Literaturempfehlung Drechsel, Ulf/Drechsel, Karlheinz: Zwischen den Strömungen. Mein Leben mit dem Jazz. Greifenverlag Rudolstadt 2011. 352 Seiten mit zahlreichen Abb., ISBN 978-3-86939-005-5

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2011, 11:15 Uhr