Interview mit Karl Gass, Mitbegründer des Festivals "Am schönsten waren die ersten Jahre"

Karl Gass (Jahrgang 1917) gilt als Nestor des DDR-Dokumentarfilms. Sein Lebenswerk umfasst 121 Reportagen, Porträts, Dokumentationen. Sein Film "1945" war 1985 der erfolgreichste DEFA-Film. In Leipzig erhielt er dafür die Silberne Taube. 1955 gehörte Gass zu den Mitbegründern der damals deutsch-deutschen "Kultur- und Dokumentarfilmwoche". 2002 sprach MDR.DE mit ihm.

Herr Gass, Sie haben - mit ganz wenigen Ausnahmen - alle 45 Leipziger Dokfilmwochen miterlebt. Woran erinnern Sie sich am liebsten?

Am schönsten waren die ersten Jahre. Damals hatten wir Länderprogramme. Die Delegationen gingen auf die Bühne, stellten sich mit einem Sketch, einem Lied oder einer kurzen Rede vor und wurden auf diese Weise schnell mit dem Publikum bekannt. Und das führte zu einer sehr schönen Atmosphäre im Kino.

Mit den für ein internationales Festival notwendigen Kontakten halfen uns die ausländischen Dokumentaristen, die bei der DEFA tätig gewesen sind: Joris Ivens, Vladimir Pozner, Cavalcanti, Roman Karmen. Sie nutzten ihre Beziehungen, um Dokumentaristen aus aller Welt, die sie kannten, für das Festival in Leipzig zu interessieren. Und die sind ja dann auch alle gekommen. Das war eine wunderschöne Zeit. Gemeinsam mit den weltberühmten Dokumentaristen haben wir ein paar Jahre später ein so genanntes Ehrenpräsidium gebildet, das die Festivalleitung und die hiesigen Kultur-Verantwortlichen beraten sollte. Doch nachdem dieses Gremium vielleicht dreimal getagt hatte, löste es sich wieder auf.

Was vermutlich weniger an fehlenden Valuta für die Reisespesen der ausländischen Gäste lag, als an der Befürchtung der DDR-Führung, die Kontrolle über das Festival zu verlieren. - An welche Seiten oder Zeiten in der Festivalgeschichte denken Sie weniger gern?

In wenig schöner Erinnerung habe ich die Zeit, als sich das DDR-Fernsehen hier einnistete. Ende der 60er- oder Anfang der 70er-Jahre muss das gewesen sein. Sie haben durchgesetzt, dass sie mit ihren Filmen ins Festivalkino kamen. Vorher gab es oben über dem Kino "Capitol" drei oder vier Zimmer mit Fernsehern, wo ihre Beiträge gezeigt wurden. Die hatten teilweise sehr seltsame Filme. Nicht nur einmal sind sie im höhnischen Gelächter des Publikums untergegangen. Dann wurde plötzlich ein Kollegium der Dokfilmwoche gegründet, das mehr oder weniger vom Fernsehen beherrscht wurde. Karl-Eduard von Schnitzler war dort stellvertretender Vorsitzender. Nun war es vorbei mit der kulturvollen Atmosphäre, die wir vorher gehabt haben.

Außerdem spülte die Beteiligung von Fernsehstationen aus dem In- und Ausland sehr immer mehr leitende Funktionäre hierher. Zum Beispiel von ARD und ZDF kamen Intendanten, Direktoren usw. Und plötzlich gab es in Leipzig eine Protokollabteilung, was ich ganz entsetzlich fand. In einem Jahr passierte es, dass alle Genannten im Kino Platz fanden, nicht aber die Regisseure der Filme, die gezeigt wurden. Auch mir ist es damals so ergangen. Das war der Grund, weshalb ich dann im nächsten Jahr nicht gekommen bin.

Aber das ändert alles nichts daran, dass das Leipziger Festival nach wie vor seine Bedeutung hatte. Die Beteiligung war auch immer sehr groß. Leipzig hat sich auch dadurch ausgezeichnet, was heute ja nun gar nicht mehr der Fall ist, dass die Länder der dritten Welt sehr intensiv und sehr umfassend beteiligt waren. Aus Lateinamerika, Afrika und Asien kamen ja sehr gute Filme, aber die Regisseure konnten eben nur kommen, weil wir ihnen Reise und Aufenthalt bezahlt haben. Außerdem haben wir immer dafür gesorgt, dass sie noch etwas mitnehmen konnten - Geld oder Gerät, was sie sich nicht leisten konnten.

Sie waren lange am DEFA-Dokumentarfilmstudio tätig, waren dort u. a. Mentor für Winfried Junge, dessen filmische Langzeitstudie über die "Kinder von Golzow" Sie angeregt haben. Das Studio wurde nur wenige Monate nach dem Ende der DDR "abgewickelt". Das Leipziger Festival hat sich gehalten. Und Sie haben den Kontakt nicht abreißen lassen.

Den heutigen Direktor Fred Gehler kenne ich noch aus DDR-Zeiten. Er hat mich in den letzten Jahren mehrfach eingeladen. So auch zum 40. Festival-Jubiläum 1997. Damals hat er in seiner Eröffnungsrede den schönen Satz gesagt: "Wenn es den Karl Gass nicht gegeben hätte, gäbe es das Leipziger Festival nicht". Erst im Sommer dieses Jahres hat Fred Gehler als Kontrast zur Wehrmachts-Ausstellung, die gerade in Leipzig zu sehen war, meinen Film "Eine deutsche Karriere" gezeigt, das Lebensbild von Herrn Dönitz, des Großadmirals und Hitler-Nachfolgers.

Selbstverständnis und Rahmenbedingungen des Dokfestivals haben sich nach der Wende 1989 und der deutschen Vereinigung 1990 gründlich verändert. Was ge- oder missfällt Ihnen am Festival, so wie es jetzt ist?

Leipzig ist ein gut besuchtes internationales Festival. Und ich bin froh, dass es noch existiert. Aber mit dem politischen Engagement aus der DDR-Zeit hat es nichts mehr zu tun. Und das finde ich schade.

2001 wurde das Dokfestival mit Bildern eines US-Fotografen aus afghanischen Flüchtlingslagern eröffnet. Diesmal sprach der deutsche Regisseur Andres Veiel zur Eröffnung u. a. deutliche Worte über die Gefahr eines neuen Krieges im Irak. - Beides würde ich nicht "unpolitisch" nennen.

Ich fand die Eröffnungsrede auch ganz wunderbar. Etwas zu optimistisch waren mir seine Überlegungen in Bezug auf die Zukunft des Dokumentarfilms. Sie wissen sicher, um welche Uhrzeit die Filme bei uns im Fernsehen gesendet werden, wenn sie dort überhaupt laufen: nach Mitternacht. Oder die Festival-Berichterstattung in der Presse: Das sehr interessante Gespräch über das "Jahr 1" der Dokfilmwoche, das ich mit Ralf Schenk von der DEFA-Stiftung hatte, wurde zum Beispiel von der "Leipziger Volkszeitung" mit keinem Wort erwähnt.

Letzte Frage. Wie schneidet das Leipziger Festival im Vergleich mit anderen Festivals ab, die Sie kennen? Zu DDR-Zeiten war in Leipzig die ganze Welt vertreten. Ganz anders als in Oberhausen. Die haben damals immer gesagt: Wenn die DDR, die Kubaner und die Polen nicht wären, könnte Oberhausen den Laden zumachen.

Ob sich Leipzig jetzt noch sehr unterscheidet, kann ich nicht beurteilen. Ich war vor fünf oder sechs Jahren als Jury-Mitglied nach Amsterdam eingeladen und hatte dort einen sehr guten Eindruck: großes Publikums-Interesse, internationale Atmosphäre, interessante und zum Teil auch sehr gute Filme. Die haben dort ein Gesicht entwickelt. Leipzig hat meiner Ansicht nach zur Zeit kein Gesicht mehr. Ob sich das mal wieder entwickelt, das weiß ich nicht.

Das ist aber nicht die Schuld von Fred Gehler. Das hängt mit der Gesamtsituation zusammen, mit dem internationalen Angebot. Der Dokumentarfilm ist von den Fernsehstationen in ganz Europa, auf die Zeit nach 23 Uhr verdrängt worden. Und im Kino spielt er sowieso keine Rolle mehr. Zu DDR-Zeiten musste im Kino zu jedem Film ein Beiprogramm gezeigt werden. Das war entweder ein Dokumentarfilm, ein Trickfilm oder ein populärwissenschaftlicher Film. Außerdem hatten wir noch mittellange Filme und abendfüllende. Die Produktion ist seitdem stark zurückgegangen, bei uns und in den ehemals sozialistischen Ländern auch. Die Voraussetzungen für die Begegnung zwischen Publikum und Dokumentarfilm haben sich sehr, sehr verschlechtert.

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2005, 12:58 Uhr