Interview mit Sportreporter Christian Müller "Sie hielten sich als graue Entchen in der Oberliga"

In den 1950er-Jahren war Erfurt eine Fußballmacht. Später verschwand der FC Rot-Weiß jedoch im grauen Mittelfeld. Sportreporter Christian Müller über die Geschichte des Thüringer Traditionsclubs.

Christian Müller
Bildrechte: MDR/Jähnichen

Welche Rolle spielte der FC Rot Weiß in der DDR-Oberliga?

Als Gründungsmitglied der DDR-Oberliga 1949 spielten die Erfurter bis Mitte der 1950er Jahre eine sehr gute Rolle. 1954 als BSG Turbine Erfurt und 1955 als SC Turbine Erfurt wurden sie sogar DDR Meister.

Wie hießen die "Helden" damals?

Die großen Zeiten Anfang der 1950er-Jahre wurden von solchen Namen bestimmt wie Helmut Nordhaus, Gerhard Franke oder Georg Rosbigalle. Und es gab den Torjäger vom Dienst Siegfried Vollrath. Und der legendäre Trainer Hans Carl war ein wichtiger Baustein in dieser Zeit. Die haben damals das Niveau des DDR-Fußballs mitbestimmt.

Wieso war's mit den Erfolgen dann aber auch bald schon wieder vorbei?

Das hatte folgenden Grund. Der damalige Trainer Hans Carl entschied Mitte der 1950er-Jahre, nach Hessen zu gehen. Und außerdem mussten viele Spieler wegen ihres Alters oder wegen Verletzungen aufhören. So fehlten dann natürlich die großen Spieler und dann war einfach mal Flaute. Dann kam eine schwierige Zeit und die Erfurter stiegen ja dann auch zwei Mal aus der Oberliga ab.

1965 wurden dann die Fußball-Clubs neu gegründet. Aus Turbine Erfurt wurde Rot-Weiß Erfurt. Da stieg dann Rot-Weiß Erfurt gleich im ersten Jahr wieder ab. Und dasselbe passierte dann 1970 noch einmal. Aber immer wieder kamen sie auch wieder hoch im Folgejahr.

Mitte der 1970er-Jahre ging es mit dem FC Rot-Weiß Erfurt etwas bergauf ...

Der Erfurter Torhüter Wolfgang Benkert hechtet nach dem Ball am 14.11.1981 im Jenaer Ernst-Abbe-Sportfeld, wo sich im DDR-Fußballoberligaspiel der FC Carl Zeiss Jena und der FC  Rot-Weiß Erfurt (2:2) gegenüberstehen.
Torhüter Wolfgang Benkert hechtet beim Spiel gegen FC Carl Zeiss Jena einem Ball hinterher.(14.11.1981) Bildrechte: dpa

Das hatte mit einer neuen Spielergeneration zu tun. Da spielten dann der Torhüter Wolfgang Benkert oder der Stürmer Horst Weishaupt eine Rolle, oder Jürgen Heun oder auch Lindemann. Da berappelten die sich dann in der Oberliga und belegten auch gute Mittelfeldplätze. Höher ging es aber nicht. Knapp am Rande des Abstiegs hielten sich die Erfurter jedoch als graue Entchen. Dynamo Dresden, der BFC Dynamo, Lok Leipzig, der FC Magdeburg und Carl Zeiss Jena waren die Vereine, die sich immer die besten Spieler aus den kleinen Clubs holten.

Natürlich war es das Ziel der Fußballfunktionäre, ein paar Mannschaften in der DDR zu haben, die auch international mithalten konnten. Das hat natürlich den kleinen Vereinen nicht gepasst. Da gab es auch "Krieg", zum Beispiel zwischen der BSG Chemie und dem 1. FC Lokomotive Leipzig und zwischen dem FC Karl-Marx-Stadt und der BSG Wismut Aue. Und hier in Thüringen war es der Krieg zwischen dem FC Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena. Dieser Frust gegenüber den privilegierten Clubs hat sich ja bis heute gehalten.

1985 kam der Jenaer Erfolgtrainer Hans Meyer nach Erfurt. Welche Hoffnungen verbanden sich damit?

DDR-Mittelfeldspieler Rüdiger Schnuphase (vorn, r) kämpft mit dem Argentinier Ramon Heredia (vorn,l) um den Ballbesitz. DDR-STürmer Jürgen Sparwasser (r, hinten) schaut zu. Die DDR-Elf trennt sich am 3.7.1974 im Gelsenkirchener Parkstadion im Gruppenspiel der 2. Finalrunde der Fußball-Weltmeisterschaft mit einem 1:1 von Argentinien.
1974 im Gelsenkirchener Parkstadion: Rüdiger Schnuphase (vorn, r) kämpft mit dem Argentinier Ramon Heredia (vorn,l) um den Ballbesitz. Bildrechte: dpa

Die Hoffnung war genau die, dass es Erfurt einmal gelingt, einen vierten oder fünften Tabellenplatz zu erreichen, um auf internationaler Bühne mitzuspielen, im UEFA-Cup. Hans Meyer als Trainer sollte diesen Wunsch erfüllen, aber auch er schaffte es nicht, das Mittelmaß zu verdrängen, obwohl er den einstigen Nationalspieler Rüdiger Schnuphase mitbrachte. Die Truppe war einfach zu unerfahren, um gegen die Spitzenklubs mitzuhalten. Ausnahme war die letzte Saison der NOFV-Oberliga. Damals profitierte der FC Rot Weiß davon, dass die Struktur 1991 in den privilegierten Clubs bereits anfing zu bröckeln. In dem Jahr hatte Erfurt einfach das Glück - sie belegten Platz 3 und schafften erstmals in der Vereinsgeschichte den Einzug in den Europapokal. Sie machten genau vier Spiele - nämlich gegen den FC Groningen und Ajax Amsterdam. Groningen konnten sie gerade noch so schlagen, Ajax aber war ein paar Nummern zu groß.

Was passierte mit dem FC Rot-Weiß Erfurt nach dem Ende der DDR? Ging er auch den Weg der meisten Ost-Vereine - in die unteren Ligen?

Ein Jahr spielte Erfurt in der 2. Bundesliga. Aber mit nur fünf oder sieben Punkten sind sie abgestiegen und verschwanden dann für zwölf Jahre in der Versenkung, in der Drittklassigkeit.

Der FC Rot-Weiß hatte einige große Talente Anfang der 1990er-Jahre im Aufgebot? Zu halten waren die nicht?

26/07/2000-Erfurt: Fussball-Testspiel Rot Weiss Erfurt - FC Bayern Muenchen 0:4 / Thomas Linke  (TA-Foto: Sascha Fromm / DIGITAL)     © Sascha Fromm  Eichenstrasse 3a  99334 Riechheim  mobil: +49 172 7990539  Norisbank KTO: 6189260 BLZ: 76026000  frommimail@t-online.de / www.sportsshooter.com/fromm
Thomas Linke in Aktion bei einem Testspiel im Jahr 2000 Bildrechte: Rechte Sascha Fromm

Anfang der Neunziger waren Spieler wie das Ausnahmetalent Thomas Linke im Kader. Den hat sich Schalke 04 gleich zu sich geholt und Linke hat es später, als er schon beim FC Bayern München spielte, sogar zum Nationalspieler geschafft. Oder Marko Weishaupt, war ja auch ein Erfurter, der in die Bundesliga ging. Uwe Weidemann nicht zu vergessen. Ende der 1990er-Jahre wurde auch Fritz sofort abgeworben. Das ist das Schicksal der kleinen Klubs. Wenn sich ein Spieler gut entwickelt, dann ist er am Ende nicht lange zu halten. Erfurt hatte nie genug Geld, um seine besten Spieler zu halten.

Welche Perspektiven sehen Sie für den Club?

Der größte Wunsch in Erfurt ist, in die 2. Bundesliga reinzukommen. Diese Perspektive ist in Erfurt durchaus gegeben. Allerdings fehlt da eben so ein bisschen die wirtschaftliche Basis: Erfurt hängt am Hauptsponsor EON und dahinter ist nicht mehr viel. Auch fehlt die  Fan-Begeisterung für den Klub. 15.000 Besucher sind einfach die Ausnahme. Dann kommen die Fans aber von weither und das auch nur, um prominente Gastmannschaften zu erleben. Das Stammpublikum besteht hier nur aus drei- bis viertausend Zuschauern. Es sind also einfach nicht genug Fans da, um das Stadion jede Woche zu füllen. Mit einem geplanten neuen Stadion könnte man vielleicht noch 3.000 Zuschauer mehr anlocken. Aber jede Woche 15- bis 20.000 Zuschauer zu bekommen, das wäre Augenwischerei. Die 2. Bundesliga wäre die Rettung, um den Fußball in Erfurt zu finanzieren. Ansonsten könnte eine Insolvenz nicht ausgeschlossen werden, wie es 1997 schon mal passierte.