Qualifikation zur Europameisterschaft 1992 "Wir gegen uns!"

Als im Februar 1990 die Qualifikationsgruppen für die EM-Endrunde ausgelost wurden, gab es einen Paukenschlag: In Gruppe 5 würden die DDR und die Bundesrepublik aufeinandertreffen. Und nur der Gruppensieger wäre für die Europameisterschaftsendrunde qualifiziert …

Die Spieler der DDR-Fußballnationalmannschaft nehmen am 12.09.1990 vor 10.000 Zuschauern im Brüsseler Constant-Vandenstock-Stadion vor dem Länderspiel gegen Belgien.
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"Hoffentlich nicht zu uns", bat Franz Beckenbauer, der die Auslosung der Qualifikationsgruppen für die EM-Endrunde 1992 in Schweden am 2. Februar 1990 im Fernsehen kommentierte, inständig, als der einstige schwedische Nationalspieler Gunnar Nordahl das Los mit der Aufschrift "DDR" in der Hand hielt. Doch nur wenige Augenblicke später war es geschehen - die DDR war der Qualifikationsgruppe 5 zugelost und spielte mit der Bundesrepublik, Wales, Belgien und Luxemburg um den Einzug in die EM-Endrunde, für die sich nur der Gruppensieger qualifizieren konnte. Zum ersten Mal seit der deutsch-deutschen Begegnung bei der Weltmeisterschaft 1974, die die DDR durch ein Tor von Jürgen Sparwasser für sich entscheiden konnte, würden nun die beiden deutschen Teams wieder aufeinandertreffen. "Wir gegen uns!", titelte die "BILD"- Zeitung am nächsten Tag und fügte in einer Unterzeile hinzu: "Was für ein Quatsch!"

Stimmen zur Auslosung der EM-Qualifikationsgruppen 1990

"Nachdem sich Belgien, die DDR und Wales gegenseitig die Punkte abnehmen, wird sich unsere Mannschaft für Schweden qualifizieren.", so Bundestrainer Franz Beckenbauer optimistisch nach der Auslosung.

Franz Beckenbauer im Interview
"So ein Zufall! Gestern Abend haben wir noch bei einem gemeinsamen Abendessen mit DDR-Trainer Eduard Geyer über eine solche Gruppe geflaxt. Und nun ist es tatsächlich so gekommen", sagte Bundestrainer Franz Beckenbauer nach der Auslosung. "Wir haben interessante Partner und insgesamt eine relativ gute Gruppe erwischt." Doch Beckenbauer zeigte sich optimistisch: "Nachdem sich Belgien, die DDR und Wales gegenseitig die Punkte abnehmen, wird sich unsere Mannschaft für Schweden qualifizieren." (Zitiert nach "Junge Welt", 03.02.1990) Bildrechte: dpa
Franz Beckenbauer im Interview
"So ein Zufall! Gestern Abend haben wir noch bei einem gemeinsamen Abendessen mit DDR-Trainer Eduard Geyer über eine solche Gruppe geflaxt. Und nun ist es tatsächlich so gekommen", sagte Bundestrainer Franz Beckenbauer nach der Auslosung. "Wir haben interessante Partner und insgesamt eine relativ gute Gruppe erwischt." Doch Beckenbauer zeigte sich optimistisch: "Nachdem sich Belgien, die DDR und Wales gegenseitig die Punkte abnehmen, wird sich unsere Mannschaft für Schweden qualifizieren." (Zitiert nach "Junge Welt", 03.02.1990) Bildrechte: dpa
DDR-Fußballnationaltrainer Eudard Geyer am 12.09.1990 im Brüsseler Constant-Vandenstock-Stadion. Die DDR-Fußballnationalmannschaft gewinnt vor 10.000 Zuschauern das letzte ihrer insgesamt 293 Länderspiele. Belgien wird mit 2:0 bezwungen
"Die BRD-Auswahl war nicht gerade der Wunschgegner für uns", sagte DDR-Nationaltrainer Eduard Geyer nach der Auslosung. "Bis auf Luxemburg haben wir es mit schweren Gegnern zu tun. Wir geben uns keinen Illusionen hin. Die BRD-Auswahl hat in der letzten WM-Qualifikation nachgewiesen, wie stark die Mannschaft ist." (Zitiert nach "Junge Welt", 03.02.1990) Bildrechte: dpa
DFV-Präsident Günter Schneider bei Uefa Kongress in Dresden 1982.
Der Vize-Präsident des Fußball-Verbandes (DFV) der DDR, Günter Schneider, nahm die Losentscheidung scheinbar gelassen hin: "Ich sehe in dieser Auslosung keine Besonderheit. Wir sind beide, sowohl die BRD als auch die DDR, Mitglied der UEFA, da muss man die Lose nehmen, wie sie fallen. Die DDR hat wie alle anderen eine Chance auf den Gruppensieg." (Zitiert nach dpa, 02.02.1990) Bildrechte: dpa
Günter Netzer
Der Ex-Nationalspieler Günther Netzer (hier mit Frau und Tochter) hatte seine eigenen Erfahrungen mit dem DDR-Fußball gemacht. Im WM-Spiel 1974 unterlag die bundesdeutsche Mannschaft der DDR mit 0:1. Netzer war in der 70. Minute eingewechselt worden, konnte das Spiel aber auch nicht mehr drehen. In der Qualifikationsgruppe für die EM-Endrunde sah er in der DDR-Nationalelf aber dennoch "kein ernsthaftes Hindernis": "Nach all den Veränderungen in einem Land kann es nicht in so kurzer Zeit wieder eine starke Mannschaft stellen." (Zitiert nach dpa, 02.02.1990) Bildrechte: dpa
Jupp Heynckes
"Jahrelang haben wir auf ein solches Spiel gewartet und nun, in dieser politischen Situation, diese Auslosung – kurios", meinte Jupp Heynkes, der mit der BRD-Auswahl 1974 Weltmeister geworden war. "Für mich, der bei der WM 1974 mit 0:1 gegen die DDR verloren habe, verbindet sich mit der EM-Qualifikation eine große Freude. Wobei man schon sagen muss, wir spielen gegen uns und keiner weiß, ob es nicht in zwei Jahren nur noch ein deutsches Team gibt." Bildrechte: dpa
Karl-Heinz Riedle
"Da sind schon einige schwere Brocken drunter", meinte Nationalspieler Karl Heinz "Kalle" Riedle von Werder Bremen, "der schwerste ist wohl Wales." (Zitiert nach: dpa, 02.02.1990) Bildrechte: dpa
Der Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB), Hermann Neuberger (r), und der Präsident des deutschen Fußballbundes der DDR, Hans Georg Moldenhauer.
Für den Chef des Deutschen Fußball Verbandes (DFB), Hermann Neuberger, war eine Vereinigung der beiden deutschen Fußballverbände im Frühjahr 1990 noch kein Thema. Nach der Auslosung der Qualifikationsgruppen für die EM-Endrunde verkaufte der DFB die TV- und Werberechte für die Spiele der Bundesrepublik – DDR für einen stolzen Preis. "Vereinigung ja, aber nichts überstürzen", sagte Neuberger. Im Sinn hatte er das Jahr 1992, irgendwann nach der EM-Endrunde. (Zitiert nach www.taz.de) Bildrechte: dpa
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Franz Beckenbauer im Interview
"So ein Zufall! Gestern Abend haben wir noch bei einem gemeinsamen Abendessen mit DDR-Trainer Eduard Geyer über eine solche Gruppe geflaxt. Und nun ist es tatsächlich so gekommen", sagte Bundestrainer Franz Beckenbauer nach der Auslosung. "Wir haben interessante Partner und insgesamt eine relativ gute Gruppe erwischt." Doch Beckenbauer zeigte sich optimistisch: "Nachdem sich Belgien, die DDR und Wales gegenseitig die Punkte abnehmen, wird sich unsere Mannschaft für Schweden qualifizieren." (Zitiert nach "Junge Welt", 03.02.1990) Bildrechte: dpa

Die Lose nehmen, wie sie fallen

Der bundesdeutsche Teamchef Franz Beckenbauer gab sich nach der Auslosung zuversichtlich: "Nachdem sich Belgien, die DDR und Wales gegenseitig die Punkte abnehmen, wird sich unsere Mannschaft für Schweden qualifizieren." Das war der allgemeine Tenor im Westen.

DFV-Präsident Günter Schneider bei Uefa Kongress in Dresden 1982.
DFV-Vize-Präsident Günter Schneider Bildrechte: dpa

In der DDR, in der in diesen Monaten des Umbruchs Fußball tatsächlich nur eine Randerscheinung war, gab man sich betont gelassen. Günter Schneider, Vize-Präsident des Fußballverbandes der DDR (DFV), bemerkte scheinbar ungerührt: "Wir sind beide Mitglieder der UEFA, da muss man die Lose nehmen, wie sie fallen." Nationaltrainer Eduard Geyer meinte allerdings: "Die BRD-Auswahl war nicht gerade der Wunschgegner für uns."

Die Spieler der DDR-Fußballnationalmannschaft nehmen am 12.09.1990 vor 10.000 Zuschauern im Brüsseler Constant-Vandenstock-Stadion vor dem Länderspiel gegen Belgien.
Die DDR Nationalmannschaft vor ihrem letzten Länderspiel im September 1990 in Brüssel. Bildrechte: dpa

Insgeheim rechnete man sich im Osten aber doch eine Chance in der Qualifikation aus, galt die DDR-Auswahl doch als die spielstärkste seit vielen Jahren und besaß mit Matthias Sammer, Jörg Stübner, Ulf Kirsten, Thomas Doll, Rico Steinmann, Darius Wosz und Andreas Thom Akteure von internationalem Format in ihren Reihen, die zum Teil bereits bei bundesdeutschen Spitzenclubs unter Vertrag standen. Erschwerend wirkte sich hingegen aus, dass niemand wusste, wie es in der DDR weitergehen würde und zudem viele Spieler keine große Lust mehr verspürten, für die unzweifelhaft dem Untergang entgegen treibende Republik aufzulaufen.   

DDR-Fußballnationaltrainer Eudard Geyer am 12.09.1990 im Brüsseler Constant-Vandenstock-Stadion. Die DDR-Fußballnationalmannschaft gewinnt vor 10.000 Zuschauern das letzte ihrer insgesamt 293 Länderspiele. Belgien wird mit 2:0 bezwungen
DDR-Fußballnationaltrainer Eudard Geyer am 12.09.1990 im Brüsseler Constant-Vandenstock-Stadion. Die DDR-Fußballnationalmannschaft gewinnt vor 10.000 Zuschauern das letzte ihrer insgesamt 293 Länderspiele. Belgien wird mit 2:0 bezwungen Bildrechte: dpa