Ärzte unter einem Dach - die Poliklinik Mangelmedizin und endlose Wartezeiten

Das Modell der Poliklinik war durchaus keine Erfindung sozialistischer Gesundheitspolitiker, ganz im Gegenteil: Die historischen Vorläufer dieser medizinischen Versorgungszentren gehen bereits auf den berühmten Arzt und Gelehrten Christoph Wilhelm Hufeland zurück, der 1810 in Berlin für die Eröffnung der ersten Poliklinik überhaupt gesorgt hatte.

Die gesamte ambulante Betreuung unter einem Dach

ine Patientin bei einer Unterwassermassage in der Betriebspoliklinik des VEB (Volkseigener Betrieb) Palla Textilwerke Meerane im früheren DDR-Bezirk Karl-Marx-Stadt, aufgenommen 1973.
1973: Unterwassermassage in der Betriebspoliklinik eines Textilwerks Bildrechte: dpa

In der DDR wurde das alte Modell wiederbelebt, ja, mehr noch: Polikliniken sollten die Basis der gesamten ambulanten Gesundheitsbetreuung der Bevölkerung darstellen. So jedenfalls wollten es die Gesundheitspolitiker der SED im Einklang mit der sowjetischen Besatzungsmacht, und so wurden 1950 schon 132 Polikliniken und Betriebspolikliniken in der Republik mit dem üblichen propagandistischen Brimborium eingeweiht. Ziel war es, die gesamte ambulante medizinische Betreuung unter einem Dach zu bündeln. Ein flächendeckendes Netz örtlicher Polikliniken und Betriebspolikliniken sollte entstehen.

Die Staatsführung investierte über Jahrzehnte erhebliche Summen, um die Idee einer staatlich gelenkten Gesundheitsversorgung Schritt für Schritt Wirklichkeit werden zu lassen. Der frei praktizierende Arzt hatte nach den Vorstellungen der SED-Gesundheitspolitiker dabei weitgehend ausgedient. Er sollte lediglich als Angestellter in einer Poliklinik seinen Dienst versehen. 

Verschiedene Fachärzte Tür an Tür

Arzt im Labor
Arbeit im Labor einer Poliklinik Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Polikliniken waren ambulante Behandlungszentren mit fest angestellten und vom Staat entlohnten Ärzten verschiedenster Fachrichtungen in einer Art sozialistischen "Großpraxis". Quasi Tür an Tür praktizierten Allgemeinmediziner, Gynäkologen, Augenärzte, Zahnärzte, Hautärzte, Orthopäden etc. Die Vorteile einer solchen medizinischen Betreuung schienen sowohl für die Patienten als auch für die Ärzte auf der Hand zu liegen. Die Patienten hatten einerseits keine langen Wege von Arzt zu Arzt und die Ärzte andererseits konnten teure medizinische Geräte gemeinsam nutzen. Durch in der Poliklinik vorhandene Labore oder Röntgenabteilungen wurden Doppeluntersuchungen vermieden. Zudem existierte nur eine einzige Patientenakte, auf die sämtliche Ärzte jederzeit Zugriff hatten.

"Wir haben nur unsere acht Stunden durchgezogen"

Behandlung beim Zahnarzt in der Betriebspoliklinik des VEB (Volkseigener Betrieb) Palla Textilwerke Meerane im früheren DDR-Bezirk Karl-Marx-Stadt, aufgenommen 1973.
Auch ein Zahnarzt arbeitete in der Betriebspoliklinik des VEB Palla Textilwerke Meerane. Bildrechte: dpa

Soweit die Theorie. In der Praxis sah der Alltag in einer Poliklinik meist eher betrüblich aus. Er war in aller Regel gekennzeichnet durch Mangelmedizin, endlose Wartezeiten und Gleichgültigkeit. Ein persönliches Verhältnis zwischen Arzt und Patient existierte nicht, da die Behandlung jeweils andere Ärzte vornahmen und der Patient auch innerhalb der Poliklinik keine Möglichkeit hatte, seinen Arzt frei zu wählen. "Montag hatte Kollege X Dienst, Mittwoch der Kollege Y. Der Patient musste immer mit dem Arzt vorlieb nehmen, der gerade da war", erzählt Dr. Bernd Hübenthal, der einst in einer Poliklinik in Sangerhausen beschäftigt war. So konnte kein persönliches Arzt-Patient-Verhältnis entstehen. Zudem fehlte den Ärzten in den Polikliniken, die ihr Geld vom Staat erhielten, auch jeder Anreiz: "Wir waren halt angestellte Ärzte und haben immer das gleiche Geld gekriegt, egal, was passierte", erinnert sich Bernd Hübenthal. "Wir haben nur unsere acht Stunden durchgezogen und das mit diversen Pausen. Heute undenkbar."

Ärztehaus statt Poliklink

Nach dem Ende der DDR stellte sich entschieden die Frage: Was wird nun eigentlich aus den Polikliniken? Eine knappe Mehrheit der Ostdeutschen sprach sich in Umfragen erstaunlicherweise für einen Erhalt der Großpraxen aus: "Warum sollen wir ändern, was sich bewährt hat?", fragten sie. Sympathien für die Poliklinik bekundeten aber auch bundesdeutsche Politiker.

Auf einem Schild steht geschrieben: "Ab 31.03.92 ist diese Einrichtung geschlossen." Von der ehemaligen Poliklinik Johannisstraße im Stadtbezirk Mitte wird nichts bleiben als diese schnöde Mitteilung am Portal. Die Einrichtung ist geschlossen, und das stellt nicht nur die Patienten vor eine völlig neue Situation.
31.03.92: Das Ende der ehemaligen Poliklinik Johannisstraße im Stadtbezirk Berlin Mitte Bildrechte: dpa

Im Einigungsvertrag wurde den rund 1.650 Polikliniken und Landambulatorien ein Bestandsschutz bis 1995 garantiert. Völlig klar war aber, dass künftig allein der freiberufliche Arzt Träger der ambulanten medizinischen Versorgung werden soll. Doch oftmals blieben die Ärzte einfach in den Gebäuden ihrer einstigen Polikliniken. Und so entstanden schon bald nach der deutschen Einheit sogenannte "Ärztehäuser" und, einige Jahre später, "Medizinische Versorgungszentren", für deren Einrichtung sich 2004 etwa die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) stark machte. "Viele Impulse für eine bessere medizinische Versorgung kommen aus dem Osten", verkündete die Ministerin damals.

Mit der guten alten Poliklinik aus DDR-Tagen sind diese Einrichtungen freilich nicht zu vergleichen, schon allein aus dem Grund, dass die in ihnen praktizierenden Mediziner freiberufliche niedergelassene Ärzte sind, die lediglich ihre Praxis unter ein gemeinsames Dach verlegt haben. 

(Zitate Dr. Bernd Hübenthal, aus: durchblick gesundheit, Januar 2007)

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2016, 13:25 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

5 Kommentare

19.09.2013 09:35 ihr seid peinlich 5

Ganz schön erbärmlich daß sich der MDR hergibt für diese plumpe Propaganda. Um zu wissen wie es um das Gesundheitssystem bestellt ist muß man sich doch nur mal umsehen heute. Wer nicht cash bezahlt wartet Monate auf einen Termin wenn er überhaupt einen bekommt. In der bösen Zone habe ich alles nahezu kostenfrei bekommen ohne Ansehen des Standesdünkels. Eurem Bericht zu Folge scheint es ja an ein Wunder zu grenzen daß man die DDR überhaupt überlebt hat.

19.09.2013 07:07 Fit 40 4

Sicher war es im DDR Gesundheitswesen manchmal schwierig, aber angagiertes Personal hat es immer gegeben welche versucht haben das Beste daraus zu machen. Der MDR sollte sich für solche einen einseitigen Beitrag schämen, aber er passt in die Diffamierungskampangne welche gegen die Verhältnisse im Osten und in der DDR läuft um von den heutigen Problemem abzulenken.
Da hat man sehr gut von der DDR gelernt, da war auch immer der Klassenfeind an allem Schuld ;-) Aber leider ist das Alles was man aus der DDR übernommen hat oder wie war das mit der Kinderbetreuung???

18.09.2013 12:16 Newbayerin 3

Viel Unsinn wurde da geschrieben. Klar konnte man den Arzt wechseln , wenn der einem nicht sympathisch war. Heutzutage muss man auch stundenlang warten , trotz Termin. Ich wette das der Schreiberling nicht aus dem Osten kommt.

18.09.2013 11:06 Ossiarzt 2

Dieser ericht6 über das Gesundheitswesen der DDR ist schon ein starkes Stück, insbesondere unter dem heutigen Aspekt. Sicher war in diesem für alle Menschen kostenlosen Gesundheitssystem nicht alles Gold und die Immobilien nicht selten problematisch. Sicher ist aber auch, dass jeder Einwohner jederzeit eine medizinische Versorgung, auch fachärztliche Versorgung OHNE nennenswerte Wartezeiten bekam.
Es ist eine schamlose Lüge zu behaupten, dass die Ärzte keine persönlichen Bindungen und kein Vertrauen zu ihren Patienten aufbauen konnten oder hatten.
Trotz deutlich besserer Rahmenbedingungen sehen wir doch wohl eher heute eine Mangelverwaltung des Gesundheitswesens. Nur zwei Beispiele: In der DDR gab es keinen Ärzte- und Notärztemangel- und heute? Damals gab es keinen Pflegenotstand an den Krankenhäusern - und heute?
Eine Aufarbeitung der Geschicht ist immer wertvoll, nur sollte sie ohne Vorurteile und wahrgerecht sein.

28.09.2011 21:29 Samosata 1

Klar doch, die DDR hat wegen "propagandistischen Brimborium" und staatlich gelenkter Gesundheitspolitik Polikliniken und Betriebspolikliniken in der Republik unterhalten. Das tat sie nur, um den frei praktizierenden Arzt ausdienen zu lassen. Deshalb gehen überlastete Ärtze von heute auf die Strasse oder ins Ausland und 6 Millionen haben nicht mal genügend Geld, um sich wenigstens ein paar Tabletten zu besorgen. Staatstreu und unkrititisch wie schon zu Ostzeiten muss der MDR das Lied seiner Brotgeber pfeiffen, und den Vorteil der "staatlich verordneten" KOSTENLOSEN Gesundheitsversorgung in der Effektivität der Geräte propagieren. Blind wie ein Huhn kann es nicht erkennen, dass Gesundheitsführsorge aller Bürger als gesellschaftliches Ziel eines der edelsten Politikinhalte ist.
Ich habe die "Mangelversorgung" in der DDR erlebt - Ihr lieben Schreiberlinge vom MDR wäret froh, diese Gesundheitsversorgung mit erschwinglichen Krankenversicherungsbeiträgen OHNE Zuzahlung für Arztbesuch, Facharztuntersuchung, Krankenhausaufenthalt und Medizin hättet. Ihr solltet nur ein kurzen Augenblick mal darüber nachdenken, was es angesichts des heutigen radikalen Abbaus einer nur halb so guten sozialen Politik mit lauten Gejammer von den leeren Kassen sowohl politisch, ethisch als auch wirtschaftlich bedeutet JEDEN Menschen einer Gesellschaft kostenlosen gesundheitliche Versorgung zu garantieren. Ich jedenfalls würde mich schämen, solch einen Sermon aus den Schreibstuben des kalten Krieges abzuliefern. Hoffentlich habt ihr wenigens den Mut diesen Leserbrief "freizugeben"!