Grenzübergang Marienborn Das geheime Labyrinth

Unter der Grenzübergangsstelle Marienborn erstreckt sich gleich einem riesigen Spinnennetz eine vier Kilometer lange Tunnelanlage. Weite Teile des einstmals geheimen Labyrinths sind bis heute unzugänglich.

Schieber, Schätze, Staatsgrenze
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Nur die wenigsten der über 1.000 Bediensteten der Grenzübergangsstelle Marienborn wussten, dass sich unterhalb des gesamten, knapp sieben Hektar großen Areals ein Tunnelsystem erstreckt. Freilich ahnte man etwas und es gab jede Menge Gerüchte: Dass in dem Tunnelsystem Waffen gelagert, dass es Schutz bei einem atomaren Angriff bieten und einzelne Gänge gar bis in die Bundesrepublik hinüber reichen würden, um Agenten der Staatssicherheit in den Westen zu schleusen. Nichts davon stimmte. Und die Gänge enden tatsächlich auf dem Territorium der DDR. Die Gefahr, dass DDR-Bürger eventuell durch das Labyrinth in den Westen hätten flüchten können, schien der Staatsicherheit dann doch zu groß gewesen zu sein.

Wie ein Spinnennetz

Als man in den Jahren 1972 bis 1974 die Grenzübergangsstelle Marienborn errichtete, wurde unter strenger Geheimhaltung auch das unterirdische, insgesamt über vier Kilometer lange Labyrinth angelegt. Wie ein Spinnennetz zieht es sich drei Meter unter der Erde entlang. Über dieses Tunnelsystem ließen sich sämtliche wichtigen Gebäude auf der Grenzübergangsstelle erreichen – die LKW- und PKW-Abfertigung, der Wachturm, das Stabsgebäude, die Wechselstube sowie die Kaserne der Grenztruppen.

In dem Labyrinth befanden sich allerdings auch zwei besondere und streng geheime Anlagen: zum einen eine nur handverlesenen Mitarbeitern der Staatssicherheit bekannte Telefonabhörstation, zum andern das Kraftwerk. Im Falle einer Stromunterbrechung wären binnen 30 Sekunden zwei riesige Schiffsdiesel angesprungen und hätten acht Stunden lang die Grenzübergangsstelle mit Strom versorgen können.

Truppenbewegungen unter der Erde im Ernstfall

Ansonsten hatte das weitverzweigte Tunnelsystem vor allem eine strategische Bedeutung: Im Falle eines NATO-Angriffs hätten die Soldaten der DDR-Grenzkompanie sich unterirdisch über das gesamte Gelände der Grenzübergangstelle verteilen, durch einen der 14 Ausstiege überraschend wieder auftauchen und ins Kampfgeschehen eingreifen können. So jedenfalls sah es ein Befehl des MfS aus dem Jahr 1978 vor. Aber auch Fluchtversuche wollte man mittels des unterirdischen Labyrinths wirkungsvoll vereiteln. Der "Grenzverletzer" sollte nach seiner Verhaftung – ohne großes Aufsehen unter den westlichen Reisenden zu erregen – durch die Tunnelanlage aus dem unmittelbaren Grenzbereich gebracht werden.

Ein Relikt aus den Zeiten des Kalten Krieges

Heute gehört das einstmals geheime Tunnelsystem zur Gedenkstätte Marienborn. Nur wenige Gänge sind der Öffentlichkeit zugänglich. Die Ein- und Ausgänge sind zugeschraubt. Im Labyrinth steht knöcheltief Wasser, die Wände bröckeln und es riecht modrig. Es ist ein gespenstisches Relikt aus den Zeiten des Kalten Krieges.