Feature | MDR FIGARO vom 12.10.2011 "Hass auf Heimat" - Rechtsextremismus in der DDR

Über die rechte Opposition in der DDR wird selten gesprochen. In seinem Feature geht Axel Reitel diesem Phänomen nach: Funktionärskinder von einst äußern sich, was sie zu Übergriffen auf Punks und zum "Hass auf Heimat" trieb.

Es ist ein Herbsttag, der 17. Oktober 1987. Ein Sonnabend. Schon seit Wochen gibt es das Gerücht im Prenzlauer Berg: In der Zionskirche soll die West-Berliner Band "Element of Crime" spielen. 15 Plakate und Mund-zu-Mund-Propaganda reichen aus, um die Kirche bis auf den letzten Platz zu füllen. Etwa 2.000 Leute sind gekommen: Punks, Mütter mit ihren Kindern, Aktivisten der Umweltbibliothek - ganz normale Leute aus der Gegend. Zur gleichen Zeit findet in der HO-Gaststätte "Sputnik" in der Greifswalder Straße eine Geburtstagsparty statt. Eine Skinhead-Truppe feiert und säuft schon seit Nachmittag. Alles ist billig. Bier, Schnaps – und alle sind betrunken ...

Der Überfall

Als am 17. Oktober 1987 die Besucher eines Punkkonzerts in der Berliner Zionskirche von Neonazis überfallen werden, kann nicht länger verschwiegen werden, dass es auch in der DDR Rechtsextremismus gibt. In dieser Nacht entsteht außerdem das bis heute nicht widerlegte Gerücht, dass dieser Überfall auf die Kirche, in der auch die Berliner Umwelt-Bibliothek arbeitete, wenn nicht von den Sicherheitskräften geplant, so doch von ihnen begleitet oder wenigstens tatenlos hingenommen wurde.

Funktionärskinder von einst und Experten äußern sich

Und eine Analyse kommt zu dem Schluss, dass sich in diesen rechten Gruppen auffallend viele Kinder hoher SED-Funktionäre befinden. Vier Funktionärskinder von einst - Jan, Steve, Gigor und Titus - sprechen im Feature von Axel Reitel erstmals über ihre Elternhäuser, ihre Sonderstellung in der Gesellschaft und ihre Infragestellung eines Systems, das als Friedensmacht aufgetreten ist, aber Bürgerrechte wie Rede- und Reisefreiheit torpediert hat. In ihrem Umfeld geht es bunt zu: Der oberste Devisenbeschaffer der DDR, Alexander Schalck-Golodkowski, kommt zum Kaffeetrinken vorbei. Eine Diplomatenmutter hört in der Botschaft in Neu-Delhi den "westdeutschen Gegner" ab. Zugleich scheinen sie beeinflusst von den merkwürdigen Nazi-Ritualen, die im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gepflegt werden. Und nicht nur beim MfS.

Über ihre Eltern kommen Jan, Steve, Gigor und Titus zum Fußball. Sie besuchen fortan die Spiele des BFC Dynamo. Stets anwesend: Erich Mielke, BFC-Chef und Stasi-General, der toleriert, wenn die Fans im Stadion zu Hunderten den Hitlergruß zeigen.

In Interviews mit Rechtsextremismus-Experten hat der Autor Axel Reitel die Hintergründe dieses oft noch tabuisierten Kapitels der DDR-Geschichte ziseliert und durch bisher unveröffentlichte MfS Dokumente komplettiert. Zu Wort kommen ebefalls Zeitzeuge, darunter Sven Regener von der Band "Element of Crime", die damals in der Zionskirche spielte.

Angaben zur Sendung: Feature | "Hass auf Heimat - Die rechte Opposition der DDR"
Von Axel Reitel

Regie: Ingo Colbow
Produktion: MDR 2011

Ursendung: 12.10.2011, 22:00 Uhr