Spitzel und Bürgerrechtler Ibrahim Böhme

Spitzel und Spitzenkandidat - Manfred Otto "Ibrahim" Böhme war der sozialdemokratische Hoffnungsträger bei den ersten freien Volkskammerwahlen der DDR. Aber er war auch 20 Jahre Inoffizieller Mitarbeiter der Staatsicherheit. Bis heute geistern unterschiedliche Geschichten und vermeintliche biografische Fakten durch Literatur und Medien. Wir sprachen mit der Publizistin Christiane Baumann, die in ihrem Buch dem "System Böhme" auf der Spur war.

Ibrahim Böhme
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Im Jahr 1999 starb Manfred Otto Böhme mit nur 55 Jahren im mecklenburgischen Neustrelitz. Er starb allein, von seinen Freunden und Wegbegleitern verlassen, fast ohne jede Notiz der Öffentlichkeit. Dabei war Böhme, der sich selbst irgendwann den Vornamen "Ibrahim" gab, keine unbedeutende Person: In den Wirren der Wendejahre war er Mitbegründer der illegalen "Sozialdemokratischen Partei" (SDP) in der DDR und sogar ihr erster Geschäftsführer. Kein halbes Jahr später war er der sozialdemokratische Hoffnungsträger der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990. Das Amt des Ministerpräsidenten war für ihn zum Greifen nah.

Bis zu seinem Tod rankten sich die unterschiedlichsten Angaben zur obskuren Vita des Ibrahim Böhme. Sein Nachlass, den niemand mehr haben wollte, wurde an die Robert-Havemann-Gesellschaft übergeben. Die Publizistin Christiane Baumann wurde mit der Aufarbeitung des Materials betraut. Am Ende ihrer jahrelangen Recherche stand im Jahr 2009 die Rekonstruktion seines Lebenslaufes, der sich wie ein Abenteuerroman liest.

Die Kindheitsträume

Schon über die Geburt Böhmes gibt es verschiedene Angaben, die vor allem von ihm selbst in Umlauf gebracht wurden: Als Kind jüdischer Eltern soll er geboren und im Waisenhaus aufgewachsen sein, bis er adoptiert wurde. Die Geburtsorte, die Böhme in seinen unterschiedlichen Lebensläufen angab, reichten von Sibirien bis Mexiko. In Wahrheit langte es jedoch "nur" für Bad Dürrenberg, eine halbe Stunde westlich von Leipzig.

Als Sohn eines Kommunisten und Leuna-Werkers wurde er am 18. November 1944 geboren und verbrachte, nach dem Tod der Mutter, tatsächlich einige Jahre in Heimen und bei Pflegeeltern. Kaum volljährig, wurde Böhme SED-Mitglied, eine der wenigen biografischen Notizen, die er sogar nach der Wende nicht verheimlichte. Wie der Vater arbeitete er in Leuna. Schnell gelang es dem jugendlichen Böhme durch Engagement und Begabung, vom Maurer zum Erzieher aufzusteigen. 1965 ereilte Böhme dann die erste Parteistrafe, angeblich, weil er "den Ansichten Havemanns" huldigte.

Greiz: Der Wendepunkt in der Provinz

Manfred Böhme verließ Leuna und gelangte durch einen Freund im hundert Kilometer entfernte Greiz, südlich von Gera, an eine Stelle als Hilfsbibliothekar. Mitten in der vogtländischen Provinz arbeitete und diente er sich wieder hoch: Mit Parteiauftrag baute er einen Jugendklub auf und initiierte einen Philosophie- und Lyrikerzirkel. Gefallen fand er an den Ideen des Prager Frühlings. Böhme und die Jugendlichen in seiner Umgebung solidarisierten sich mit der Bewegung. Ein kleiner Anstecker in den Farben der tschechoslowakischen Fahne brachte ihm die zweite Parteistrafe ein und damit den ersten Kontakt zur Staatssicherheit.

Er wurde abgesetzt als Jugendklubhausleiter. Und die Partei hat auch gleich noch vorgesehen, was er jetzt überhaupt noch durfte. Er durfte dann Briefträger bei der Post sein. Er sollte sich dort bewähren. Und in dem Moment trat dann die Staatssicherheit an ihn heran.

Christiane Baumann, Autorin der Biografie "Manfred 'Ibrahim' Böhme - Ein rekonstruierter Lebenslauf