Über den relativen Reichtum in der DDR "Ich wär so gerne Millionär"

"Ich wär so gerne Millionär", sangen die "Prinzen" 1991 auf ihrer Platte "Das Leben ist grausam" und viele ehemalige DDR-Bürger stimmten in dieses Lied ein … In ihrem Alltag war ein Millionärsleben nicht vorgesehen gewesen.

Bei der Kontenumstellung zur Währungsunion entdeckten die Prüfer eine zweistellige Anzahl von Millionären. Einige Quellen sprachen von 40 Millionären (was zur damaligen Zeit etwa 0,0003 Prozent der Bevölkerung entsprach), andere sehen eine höhere Anzahl, da bei der Erfassung die Konten von Künstlern im Ausland nicht berücksichtigt wurden. Doch egal wie hoch oder besser wie niedrig die Zahl ausfällt, Reichtum war etwas sehr relatives in der DDR. Die monatlichen Durchschnitts-Brutto-Einkommen lagen 1949 bei 290 und stiegen gegen Ende der DDR auf 1.300 Mark. Dazu kamen Prämien in oft nur zweistelliger Höhe, der jährliche Zuschuss für den Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" (etwa 80 Mark) und die Jahresendprämie.

Niedrige Lebenshaltungskosten, teure Genussmittel

Kaffee - keine Billigware zu DDR-Zeiten.
Kaffee - keine Billigware zu DDR-Zeiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Grundbedürfnisse waren preiswert abzudecken. Nahrungsmittel waren so billig, dass sich niemand Gedanken machte, wenn etwas verdarb. Brötchen kosteten 5 Pfennige und wurden in Größenordnungen von 10 oder 20 Stück gekauft. Eine Straßenbahnfahrt kostete 20 Pfennige und ein Kinobesuch war für Kinder schon ab 50 Pfennigen zu haben. Auch die Mieten waren ausgesprochen niedrig und der Verbrauch von Gas, Strom und Wasser belastete die Haushaltskasse kaum. In zentralbeheizten Wohnungen wurde die Raumtemperatur oft durch das Öffnen des Fensters reguliert. Für junge Paare gab es als Starthilfe einen zinslosen Ehekredit, der sich bei der Geburt eines Kindes reduzierte und ab 1986 schon beim ersten Kind ein bezahltes Babyjahr. In den Urlaub fuhr man mit etwas Glück in ein FDGB-Heim und die Kinder erholten sich im betriebseigenen Kinderferienlager.

Teuer dagegen waren Genussmittel wie zum Beispiel Kaffee. Den kaufte man in kleinen Einheiten, 50 Gramm Rondo kosteten 3,50 Mark und auch Alkohol war mit einem hohen Aufschlag belegt. Absoluter Luxus waren Autos, Fernseher oder Flugreisen. So kostete ein Hin- und Rückflug von Berlin in die bulgarische Hafenstadt Varna Ende der 1970er-Jahre stolze 525 Mark.

Ein weißer Jaguar und "ewige Konten"

Die wenigen Reichen in der DDR protzten nicht mit ihrem Geld, sondern verwalteten ihren Besitz stillschweigend. Sie lebten oft zurückgezogen, zum Beispiel auf dem sogenannten "Millionärshügel" in Ahrenshoop. Nur wer die Gegend kannte, wusste, dass in den reetgedeckten Häusern der Leibarzt Otto Grotewohls und ein bekannter DEFA-Regisseur wohnten. Beliebte Wohnorte waren auch Potsdam, Dresden-Radebeul oder Markkleeberg bei Leipzig. Bevorteilt waren herausragende Künstler und hochrangige Wissenschaftler, Manfred von Ardenne etwa stand ein "ewiges Konto" zur Verfügung, das niemals leer wurde und  von dem der "volkseigene Baron" sämtliche Ausgaben bestreiten konnte. Beliebt bei den Reichen im Lande waren Westautos: Der Chefkommentator des DDR-Fernsehens Karl-Eduard von Schnitzler besaß eine ganze Sammlung davon, Manfred Krug fuhr einen weißen Mercedes, der Komponist Günter Fischer hingegen einen weißen Jaguar. Später befragt, ob die Nobelkarosse nicht doch etwas provokant gewesen sei, antwortete Fischer: "Der weiße Jaguar war extravagant, aber nicht provokant."

Das stille Verwalten des Reichtums hatte seine Ursachen auch in der vom Staat propagierten Gleichheit der Bürger. Kommunistische Gesinnung und Privatbesitz passten nicht zusammen. Und wahrscheinlich war das Gebiet rings um Wandlitz nicht nur wegen der Sicherheit abgegrenzt, sondern auch, um dem Volk nicht zu zeigen, wie die "Wasser-Prediger" DAB-Dosenbier tranken.

Die Handwerker waren die Könige im Land

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Die offensichtlichen "Kapitalisten" im Sozialismus waren die Handwerker. Der Mangel an Kapazität und Material machte sie zu ungekrönten Königen im Land. Sie ließen ihre Huld oft nur denjenigen zukommen, die ihnen Gaben brachten. Das waren zum Teil Naturalien, vorzugsweise aus dem "Delikat" oder "Intershop", DDR-Mark (an eine Bestellung bei der Baustoffversorgung wurde diskret ein "Karl-Marx-Berechtigungsschein" geheftet); am beliebtesten waren freilich D-Mark und "Forumschecks". Die Handwerker konnten ihren Reichtum offen zur Schau stellen, denn nicht sie waren die Schuldigen an der Mangelwirtschaft, sondern die DDR-Wirtschaftsfunktionäre, die durch Verstaatlichung viele Handwerksbetriebe im Land "ausgelöscht" hatten. Waren 1950 noch etwa 20 Prozent der Erwerbstätigen Selbstständige oder mithelfende Familienangehörige, so reduzierte sich die Anzahl in den 1980er-Jahren auf lediglich 5 Prozent.

Hohe Steuern sorgten für Gleichheit

Doch auch Handwerker oder Bauern (die sich ihr Geld etwa durch private Schweinemast verdienten) waren nicht reich im heutigen Sinne. Da gab es zwar das Eigenheim, das Auto, die Datsche und vielleicht einen eigenen Swimmingpool, aber von Millionenbeträgen konnte gleichwohl nicht die Rede sein. Auch Erbschaften bewegten sich, wenn überhaupt, in Größenordnungen von mehreren 10.000 Mark. Hätte man zum Beispiel die utopische Summe von 1 Million Mark geerbt, so wäre die "staatliche Beteiligung" in der Steuerklasse 1 (Ehegatten und Kinder) 45 Prozent Erbschaftsteuer und in der Steuerklasse 2 (z.B. Neffen etc.) 80 Prozent gewesen. Und das bei einem Freibetrag für Ehegatten von 20.000 Mark!

Überschaubare Lottogewinne

Auch ein Lotto-Gewinn machte niemanden im Land zum Millionär. Für einen Gewinn im Telelotto (5 aus 35) gab es für 4 Richtige zwischen 300 und 600 Mark und für einen Fünfer waren durchaus sechsstellige Gewinne üblich - aber dennoch Summen weitab von der heutzutage im Jackpot befindlichen Millionen. Trotzdem war die Telelotto-Sendung ausgesprochen beliebt. Sie wurde seit 1972 jeden Sonntag 19:00 bis 19:25 Uhr ausgestrahlt. Eine Attraktion war das Ziehungsgerät. Eine Metallkugel rollte um eine Glasfaserschnecke herum und "kegelte" eines der Zahlenschilder um, die sich am unteren Rand im Kreis drehten. Jeder Zahl war eine Kategorie zugeordnet, zu der ein kleiner Film gesendet wurde. Sehr beliebt waren zum Beispiel die 19 "Kurzkrimi" oder die 10 "Humor". Das war beste Abendunterhaltung, auch ohne Lottogewinn, zumal oft ein Prominenter den Druck auf den Ziehungsknopf übernahm. In anderen Lotto-Varianten konnten die Gewinne durchaus höher ausfallen. Im günstigsten Fall waren sogar 250.000 Mark drin. Millionengewinne gab es jedenfalls nicht.

Doch eigentlich war ja nicht Geld das erstrebenswerte Gut im Sozialismus gewesen, sondern - Freiheit. Passend dazu sang die "Klaus-Renft-Combo" kurz vor ihrem Auftrittsverbot in den 1970er-Jahren: "Das Leben ist wie Lotto, doch die Kreuze macht ein Funktionär …"