Ein Ehemaliger berichtet "In Hummelshain wurde man als Mensch behandelt"

Lutz König kam 1969 in den Jugendwerkhof Hummelshain. Er betreibt ein Erinnerungsportal im Internet, organisiert jedes Jahr ein Treffen für "Ehemalige" und sammelt alte Film- und Bildaufnahmen aus dem Jugendwerkhof Hummelshain. Er hat "Damals im Osten" exklusiv Filmausschnitte über das Heimleben zur Verfügung gestellt.

Herr König, woher stammen denn die Filme?

Originalaufnahmen - 10 Jahre DDR 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lutz König: Es gab damals in Hummelshain eine Arbeitsgemeinschaft "Foto und Film". Dabei wurden die jugendlichen Hobbyfilmer von einem Pädagogen angeleitet und im Prinzip alles, was im Heim so passierte auf Schmalfilm aufgenommen: Arbeit, Freizeit, Sport, Fanfarenzüge und so. Die Aufnahmen sind nichtgestellt, sondern so wie man es sieht, so war das Leben dort. Das sind wirklich Filme von den Jugendlichen im Heim damals. Es gab nur wenige Bereiche, die die Arbeitsgemeinschaft nicht zeigen durfte, Wochenauswertungen zum Beispiel. Nach der Wende wären die Filme fast komplett auf dem Müll gelandet. Die Frau des ehemaligen Direktors hat die Bänder auf einem Abfallcontainer gesehen und ein paar davon gerettet. Später hat sie mir diese geschenkt.

Bei Jugendwerkhöfen denken wir ja zuerst an Gefängniszellen und an Torgau. Die Aufnahmen zeigen aber junge Menschen, die Spaß haben. Wie erklärt sich das?

Man sagt heute immer Jugendwerkhof und meint damit Torgau. Und dann war alles abscheulich. Torgau war ja auch menschenverachtend. Ich weiß das. Ich war selbst dort drin. Aber so waren doch nicht alle Jugendwerkhöfe. Man muss da schon genau differenzieren. Und der Jugendwerkhof Hummelshain war überhaupt nicht wie Torgau. Natürlich war das jetzt auch kein Ferienlager, aber hier wurde man als Mensch behandelt. Man bekam genug zu Essen, hatte saubere Klamotten, die Jugendlichen konnten einen Beruf erlernen und vor allem wurde hier nicht geschlagen. Ich organisiere heute jedes Jahr ein Erinnerungstreffen für die ehemaligen Insassen des Jugendwerkhofs Hummelshain. Die sitzen dann dort mit ihren früheren Erziehern zusammen am Tisch und plaudern über alte Zeiten. Das macht man doch nicht mit Leuten, die einen jahrelang gequält haben.

Welche Erinnerungen haben Sie denn ganz persönlich an die Zeit?

König: Das ist sehr schwierig. Torgau war wirklich schlimm. Alles musste im Laufschritt erledigt werden. Es gab Massentoiletten und Arrestzellen. Aber ich hatte Glück. Ich war ein sportlicher Kerl. Ich war körperlich robust. Deshalb haben mir die Sportstrafen nicht so viel ausgemacht. Nach Torgau wusste man dann aber, wie gut es einem in Hummelshain geht. Wir konnten uns frei bewegen. Es gab einen Park, in den man gehen konnte. Wir hatten einen Swimmingpool. Es gab immer wieder große Musikveranstaltungen, Konzerte. Man konnte sich aber auch mal ganz alleine unter einen Baum setzen und nichts tun, wenn man das wollte. Und noch mal, es gab keine Übergriffe von Pädagogen auf Jugendliche.