Horst Krautzig im Interview "Die Besten gingen immer weg"

Energie Cottbus war in seiner Geschichte fast immer zweitklassig. Große Erfolge konnte die Mannschaft nie feiern. Zur Sensation geriet daher der Aufstieg der Lausitzer in die Bundesliga 2000. – Ein Gespräch mit dem Fußballer Horst Krautzig, der seine Karriere 1968 bei Energie Cottbus begonnen hatte.

Welche Rolle spielte die BSG Energie Cottbus im DDR-Fußball?

Horst Krautzig
Horst Krautzig Bildrechte: Horst Krautzig

Cottbus war keine Hochburg des Fußballs, das muss man ganz klar sagen. In Cottbus wurde der Radsport gefördert, die Leichtathletik, Turnen und Boxen. Das war immer so gewesen. Zwar wurde 1966 die Gründung von Energie mit dem Ziel betrieben, in der Bezirksstadt Cottbus auch eine Fußballmannschaft zu etablieren, die in der Oberliga mitspielen kann, aber das hat nie so richtig geklappt. 

Die Heimat von Energie war eigentlich immer die Liga, abgesehen von ein paar Aufstiegen in die Oberliga …

Mannschaftsfoto BSG Energie Cottbus 1967
Mannschaftsfoto BSG Energie Cottbus 1967 Bildrechte: Horst Krautzig

Energie war eine sogenannte "Fahrstuhlmannschaft". Wir haben fast immer in der Liga gespielt, also der zweithöchsten Spielklasse. Wir wollten immer aufsteigen, aber die Kapazitäten haben dafür nur selten gereicht. Viermal hat Energie immerhin den Aufstieg in die Oberliga geschafft. Das waren fraglos die Höhepunkte in der Vereinsgeschichte.

Meist ging es aber auch schnell wieder runter …

Das kann man so sagen. Energie wurde jedes Mal "durchgereicht", das heißt, die Mannschaft stieg sofort wieder sang- und klanglos ab. Erst 1989 schaffte sie einmal den Klassenerhalt. Das wurde gefeiert, als hätte man die Meisterschale erobert.

Energie hatte stets aber auch die besten Spieler abgeben müssen …

Die Besten gingen immer weg. Entweder zum BFC, dem Berliner FC oder zu Vorwärts Frankfurt. Das war so beschlossen worden im Fußballverband.

Der Sportreporter Heinz Florian Oertel hat 1983 gesagt: Der BFC hat mit sechs ehemaligen Cottbuser Spielern den Meistertitel geholt und Vorwärts Frankfurt hat mit fünf ehemaligen Cottbusern die Vizemeisterschaft geholt. Wenn diese Spieler alle in Cottbus geblieben wären …

Wer waren diese Besten, die Energie verlassen haben?

Mannschaftsfoto BSG Energie Cottbus 1976
Mannschaftsfoto BSG Energie Cottbus 1976 Bildrechte: Horst Krautzig

Rainer Troppa zum Beispiel, der zum BFC ging und dann in der Nationalelf spielte. Der berühmteste Cottbuser war aber Reinhard "Mäcki" Lauck, der auch zum BFC gewechselt war und in der Nationalelf spielte, sogar 1974 bei der WM in der Bundesrepublik mit dabei war. Da hat er Netzer und Overath beim 1:0 gegen die Bundesrepublik abgemeldet gehabt. Ein ganz großer Spieler.  

Sie selbst haben Energie auch zweimal verlassen.

Ich konnte mich entscheiden – BFC oder Vorwärts Frankfurt. Vorwärts hatte mir angeboten, dass ich meinen "Diplomsportlehrer" dort machen könnte. Also bin ich 1973 nach Frankfurt gegangen. Nach fünf Jahren wieder nach Cottbus zurück und nach weiteren fünf Jahren wieder zu Vorwärts …

In Frankfurt haben Sie auch Ihre sportlichen Höhepunkte erlebt …

Im Europapokal haben wir 1974 gegen Juventus Turin gespielt, ich habe sogar ein Tor geschossen, das 2:1-Siegtor. Wir haben gegen Werder Bremen gespielt und gegen den VfB Stuttgart. Das waren schon meine schönsten Erlebnisse als Fußballer.

Sie standen Anfang der 1970er-Jahre sogar  im erweiterten Kader der Nationalelf …

Ich war unter den 44 Spielern, die für die Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik zur Auswahl standen. 22 Spieler durften am Ende fahren. Ich bin bei 35 dann allerdings rausgeflogen.

Wie lief es bei Energie nach dem Ende der DDR?

Da ging es erstmal bisschen abwärts. Bis in die Regionalliga. Und dann kam ja 1994 der große Knall mit Eduard Geyer. Das war ein Glücksgriff für Cottbus. Er war zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Und er hat's mit Energie 1997 sogar bis ins Finale des DFB-Pokals geschafft und 2000 den Aufstieg in die 1. Bundesliga perfekt gemacht. Das war natürlich sensationell. Da war Energie, die einstige graue Maus der DDR-Oberliga, gemeinsam mit Hansa Rostock die einzigen ostdeutsche Mannschaft in der Bundesliga.

Wieso ausgerechnet Cottbus?

Das war Eduard Geyer, der das fertiggebracht hat. Er hatte aber fast nur ausländische Spieler zur Verfügung, weil der Etat in Cottbus verdammt schmal war. Aber Geyer hat in seiner Not viele gute Leute aus Osteuropa geholt, aus Rumänien, Bulgarien und Bosnien, das war richtig toll. Spieler, die sich dann hier hochgespielt haben.

Über der Mannschaft wurde viel Häme ausgeschüttet …

Kübelweise ... Den Erfolg, in der Bundesliga zu spielen, hat uns - auch im Osten - keiner gegönnt. Klar, der FC Magdeburg, Lok Leipzig, Carl Zeiss Jena, der BFC, Dynamo Dresden - allesamt Mannschaften mit großer Geschichte, die waren im Nichts verschwunden. Und wir haben im Oberhaus gespielt. Im Westen haben sie gefragt: Wo liegt denn Cottbus überhaupt? Die dachten, irgendwo in Sibirien. Und dann hieß es eben auch: Cottbus, eine Mannschaft ohne deutsche Spieler ...

Festhalten konnte sich Energie in der Bundesliga am Ende nicht …

Man hatte ganz einfach die Kapazitäten nicht, um sich dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren. Weder die Spieler noch das wirtschaftliche Umfeld. Die finanziellen Mittel waren doch sehr begrenzt. Und unter solchen Bedingungen ist es halt schwer, sich im Oberhaus zu festzusetzen. Energie hat sich zweimal gehalten dort oben, und das war schon toll!

Wo könnte sich Energie zukünftig etablieren?

Wenn Energie in der 2. Bundesliga bestehen könnte, wäre es das Beste für den Verein. Das ist das richtige Umfeld für Energie. Nicht weiter runter, das wäre nicht gut. Aber im soliden Mittelfeld der 2. Bundesliga, das wäre in jeder Beziehung ganz in Ordnung. 

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2016, 18:40 Uhr