Edgar Most im Interview "Wir haben eigentlich über unsere Verhältnisse gelebt"

Edgar Most, 1989 stellvertretender Chef der Staatsbank der DDR, erklärt, woran das DDR-Wirtschaftssystem krankte und berichtet, wie die SED-Betonköpfe notwendige Wirtschaftsreformen blockierten.

Aufgefächerte Geldscheine aus der DDR
Bildrechte: imago/Bild13

Herr Dr. Most, wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dieser Staat könnte vielleicht Pleite gehen?

Wir hatten als Bank schon etwa in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre bereits Analysen gemacht über die Geldentwicklung in der DDR – und hatten Spareinlagen und ähnliches analysiert. Dort hatten wir schon festgestellt, jedes Jahr wenn wir die Kreditbilanz des Staates der DDR bei Regierung und Volkskammer einreichen mussten, dass die Kreditbilanz schneller wuchs, als der Reichtum des Staates der DDR. Also das Nationaleinkommenswachstum war geringer als die Kreditbilanz. Das heißt, wir hatten letztlich doch mit einer Verschuldung, mit einer Aufblähung des Geldvolumens zu tun und hatten damit eine indirekte Inflation. Aber das Wort Inflation gab's natürlich im Sozialismus nicht, das konnte man natürlich auch nicht verwenden. Aber anhand dieser Kriterien, die ich kurz dargestellt habe, konnte man damals schon erkennen, dass wir eine Geldentwertung haben und dass wir eigentlich über unsere Verhältnisse leben. Und dass dazu ein Umbruch notwendig gewesen wäre, schon Mitte der 70er-Jahre. Und interne Analysen, die dann Ende der 70er-Jahre erstellt wurden, verschwanden dann einfach als geheime Verschlusssache im Panzerschrank und durften gar nicht mehr an Honecker oder an Willi Stoph rüber gegeben werden, weil Günter Mittag das verboten hatte.

Diese Dresdner Familie tauschte am 01.07.1990 in einer Sparkasse in Dresden Ostmark gegen 2000 D-Mark.
Bildrechte: IMAGO

Also es gab aus vielen Bereichen der ehemaligen DDR-Führung, also Staatsbank, Finanzministerium,  Plankommission und aus den Wirtschaftsbereichen, viele kritische Stimmen, auch Analysen, die belegt haben: Wir brauchen eine Umsteuerung, wir müssen mehr Geld, von dem, was jedes Jahr von der Gesellschaft neu verdient wird für mehr Investitionen einsetzen. Wir haben bei uns gesagt, wir brauchen es für die Akkumulation und dürfen es nicht verbrauchen, wir dürfen es nicht für die Konsumzone ausgeben. Aber Honecker hatte ja mit seiner Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik im Prinzip ein Fell verteilt von einem Tier, was noch gar nicht erlegt war. Und demzufolge wuchs die Konsumtion immer mehr und die Akkumulation ging immer weiter zurück und dadurch blieb die Produktivität natürlich immer weiter zurück.

Dadurch - das merkten wir dann auch - wurde die Währung, z.B. gegenüber dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet, intern zu immer neuen Kursen umgerechnet. Nach außen wurde zwar gearbeitet, so wie 1949 festgelegt: Die Mark der DDR steht zum Dollar wie die D-Mark zum Dollar. Aber nach innen wurde alles noch mal umgerechnet über den so genannten Richtungskoeffizienten. Der Richtungskoeffizient war nichts anderes als eine Richtigstellung der wirklichen Werte der Mark der DDR im Verhältnis zum Dollar oder zum Franc oder zum Yen. Und wenn ich daran denke, in den 60er-Jahren hatten wir z.B. einen Richtungskoeffizienten gegenüber Frankreich und England, also gegenüber dem Franc und dem britische Pfund, von 1,7 und 1,8. Ende 1989 war dieser Umrechnungsfaktor 4,44. Das heißt, wenn sie etwas exportiert oder importiert haben, dann haben sie das praktisch umgerechnet mit diesem Faktor, den ich vorhin genannt habe und dann wurde noch 4,4 draufgerechnet. Und das hat dann erst den wirklichen Wert widergespiegelt, den wir aufwenden mussten, um einen Dollar zu erwerben.

Das Schlimme war nur, dass wir zu diesen Werten die Anlagen aktiviert haben. Wir haben also – wenn ich nur an Chemieanlagen denke, wie Schwedt, Leuna oder Schwarza – wenn wir aus einem nicht-sozialistischen Wirtschaftsgebiet etwas importiert hatten, wurde das mit diesem Faktor umgerechnet: Sie kauften das für 100 Millionen und haben es für 500 Millionen aktiviert. Und auf der Basis sollten sie dann Preise machen. Natürlich haben sie die Preise dann auch wieder gestützt bekommen. Da sie keine freie Währung hatten, konnten Sie das alles machen.

Das Archivbild vom 14. Mai 1991 zeigt die Berliner Treuhandanstalt im ehemaligen Haus der Ministerien in der Leipziger Straße.
Treuhandanstalt in Berlin Bildrechte: dpa

Aber das hat dann bei der Wiedervereinigung zu dem Problem geführt, dass die Treuhand, Herr Rohwedder, Frau Breuel, dann mit einem Vermögen der DDR konfrontiert wurden, was sie privatisieren sollten, was natürlich irrational war. Es war eine fiktive Größe und das wurde erst sehr, sehr spät begriffen, obwohl wir in den Verhandlungen im Februar 1989 mit der Bundesbank, also die Staatsbank mit der Bundesbank, Herr Pöhl mit Herrn Schlesinger, diese Probleme sehr intensiv diskutiert haben und daraus ableitend festgestellt haben, dass bei der D-Mark-Einführung in der DDR, diese Faktoren berücksichtigt werden müssen. Das heißt, eine Währungsumrechnung oder Einführung für den Osten, das war klar, muss so schnell wie möglich kommen. Aber zu welchen Werten sollte die D-Mark kommen? Das war ja umstritten. Und wir hatten damals gesagt, das muss noch weiter berechnet werden. Ich persönlich war immer der Meinung, bei der Bevölkerung der DDR muss man 1 : 1 umtauschen. Wir hatten nur 166 Milliarden Spareinlagen. Und das Vermögen eines DDR-Haushaltes war etwa 25 Prozent eines Westhaushaltes.