SG Dynamo Dresden (2. Bundesliga): Schalparade der Fans
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Interview Mythos Dynamo - Was steckt dahinter?

"Kathedrale des Ostfußballs", "Mythos Dynamo" – so lauten die Beschreibungen des Dresdner Fußballclubs Dynamo, der in der DDR alles gewann und dessen Europa-Pokalspiele gegen Bayern München Legende sind. MDR ZEITREISE sprach mit Uwe Karte, einem exzellenten Kenner des DDR-Fußballs.

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Dresden gilt als eine Fußballstadt. Wo liegen die Wurzeln dafür?

Dresden war immer schon eine Fußballstadt gewesen, schon in den 1930er-Jahren, als der Dresdner SC die Begeisterung der Elbestädter geweckt hatte. Nach dem Krieg waren die alten Sportvereine aufgelöst worden und mussten sich neu gründen. So entstand die SG Dresden-Friedrichstadt - im Kern der alte Dresdner SC mit Spielern wie Helmut Schön. Diese Mannschaft konnte auch nahtlos an die einstigen Erfolge anknüpfen. Aber nach einem verlorenen Meisterschaftsfinale 1950 gegen Horch Zwickau flüchtete nahezu die komplette Mannschaft in den Westen. Und das war der Ausgangspunkt für die Gründung von Dynamo.

Wie das?

Die SED hatte die Flucht zunächst totgeschwiegen, aber je näher der Beginn der neuen Saison rückte, merkten die Verantwortlichen: Wir brauchen ja eine Mannschaft. Es sind dann 1950 schnell Polizisten aus der gesamten DDR zusammengetrommelt worden. Und aus dieser Volkspolizisten-Mannschaft entstand 1953 Dynamo Dresden. Die Mannschaft war sehr erfolgreich und wurde 1953 gar Meister.

Der Meistertitel brachte Dynamo aber kein Glück, im Gegenteil: Dresden büßte wieder eine Fußballmannschaft ein.

Das hatte mit dem bundesdeutschen WM-Triumph 1954 zu tun. Die SED-Funktionäre reagierten darauf mit der Erfolg versprechenden Formel: Bündelung der Kräfte. Und die gesamte Dresdner Meistermannschaft musste nach Berlin umziehen. Daher rührt auch die große Rivalität, sogar der Hass auf den Berliner Erzrivalen – denn aus dieser Mannschaft entstand der spätere BFC, der Berliner FC. In Dresden begannen jetzt aber grausame fünfzehn Jahre der Bedeutungslosigkeit.

Aber es wurde in diesen Jahren in die Zukunft investiert.

Anfang der 1960er-Jahre hatte man begonnen, in einer Fußballschule systematisch Nachwuchs auszubilden. Und hatte dann Ende des Jahrzehnts einen hervorragenden Fundus gut ausgebildeter junger Spieler. Dazu kam, dass die Verantwortlichen der Stadt einen neuen Trainer holten, Walter Fritzsch, dem man alle Freiheiten gab. Die SED-Bezirksleitung engagierte sich, ebenso die lokale Wirtschaft. Folgerichtig lief Dynamo ab 1969 in den Dresdner Stadtfarben, schwarz-gelb, auf. Und dann die Sensation: Im Juni 1971 wurde Dynamo Meister und Pokalsieger.

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Es begann Dynamos große Zeit...

Das war der Beginn des berühmten "Dresdner Kreisels". Man spielte ein gepflegtes Kurzpassspiel. Man drosch den Ball nicht einfach nach vorn und rannte nach Leibeskräften, um den Gegner wegzugrätschen. In Dresden wurde Fußball zelebriert. Man hatte dank der guten Ausbildung auch die Spieler, die so spielen konnten, allen voran Hans-Jürgen Kreische, der damals noch blutjungen "Dixie" Dörner und den eleganten Mittelfeldflitzer Reinhard Häfner. Es wurden die goldenen Siebziger mit insgesamt fünf Meistertiteln.

National gewann Dynamo alles: Meisterschaft und Pokal. Aber keinen internationalen Titel.

Zu Hause spielte man fast jeden Gegner an die Wand. Es kamen Leeds United, Ajax Amsterdam oder 1973 Juventus Turin. Die Mannschaft Turins war damals identisch mit der italienischen Nationalelf, die 1970 Vizeweltmeister geworden war. Die Turiner kamen sehr selbstgefällig nach Dresden und waren froh, als das Spiel vorbei war und sie nur 2:0 verloren hatten. Aber die Dresdner hatten ein Problem: Es gab eine enorme Diskrepanz zwischen Leistungen in Heimspielen und denen auswärts. Es fehlte ihnen vielleicht die breite Brust, die etwa die Münchner Bayern haben.

Legendär geworden sind die Europapokalspiele gegen Bayern München und Bayer Uerdingen. Warum?

Sechs Tore gegen Bayern München, das war schon klasse! Vielleicht waren die Dresdner ein bisschen zu unerfahren. Am Ende fehlte ihnen nur ein Tor zum Weiterkommen. Gegen Uerdingen aber wieder das leidige Problem: Kaum mussten die Dresdner auswärts spielen, gingen sie mit Mann und Maus unter. Das war vielleicht tatsächlich ein Merkmal dieser Mannschaft: Dass sie große Siege im heimischen Stadion einfahren konnte, aber für den ganz großen internationalen Triumph war sie auswärts zu schwach.

Der Mythos Dynamo wurde auch geprägt durch eine Opposition zum BFC Dynamo. Stasi-Chef Mielke, der als Präsident der "Dynamo"- Vereinigung auch Präsident von Dynamo Dresden war, hat den sächsischen Fußballverein gehasst. Nach einem Meisterschaftsgewinn Dynamo Dresdens soll er gesagt haben: "Leider hat der falsche Verein gewonnen."

Ja, das war 1978, auf der Bastei, beim Meisterschaftsempfang. Und dort sagte Mielke auch noch, dass ab sofort die richtige Dynamo-Mannschaft gewinnen müsse, und das sei seine Dynamo-Mannschaft in Berlin. Das hat er den Dresdnern unverblümt mit auf den Weg gegeben.

1981 war die sportliche Entwicklung Dynamos brutal unterbrochen worden, als Gerd Weber, Peter Kotte und Matthias Müller wegen des "Verdachts der Republikflucht" lebenslange Sperren erhielten.

Das war ein tragischer Umstand, in dem Mielke die große Chance sah, die Dresdener Mannschaft dauerhaft zu schwächen, weil es sich um drei Nationalspieler im besten Fußballalter handelte. Das Ganze hatte dem Dresdner Fußball schweren Schaden zugefügt.

Nach 1989 musste Dynamo etliche Tiefschläge bis hin zum Lizenzentzug einstecken. Welche Gründe gab es dafür?

Im Osten änderte sich alles von einem auf den anderen Tag auf den andern. Und speziell im Fußball war's die Umwandlung vom Staats- in Vereinsfußball. Die Spieler hatten früher ihr Gehalt von so genannten Trägerbetrieben, bei denen sie offiziell angestellt waren, und vom DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) bekommen. 1990 aber stellten die Trägerbetriebe ihre Unterstützung nach und nach ein und der DTSB wurde zum Jahresende aufgelöst. Hinzu kam, dass die Zuschauer ausblieben. Und weil man Geld brauchte, wurden nach und nach alle Spieler verkauft. Gleichzeitig verschlechterte sich die Qualität der Nachwuchsarbeit. Der Ast, auf dem man saß, wurde dünner und dünner und brach schließlich. Das ist im Wesentlichen der Grund dafür, warum der komplette Ostfußball so vor sich hin darbt.


(Das Interview wurde zuerst am 19.05.2011 veröffentlicht.)

Wer ist Uwe Karte? Uwe Karte, 1966 in Leipzig geboren, war von 1990 bis 1993 Sportchef der "Dresdener Neuesten Nachrichten". Seither arbeitet er als freier Journalist. Er ist Autor zahlreicher Filme und Bücher. 1998 erschien sein Buch "Dynamo Dresden – Das Buch zum Verein".

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 19. Oktober 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 10:40 Uhr