Erziehung in der DDR "Seid bereit!": Pioniere und das blaue Halstuch

Fast jedes Kind der DDR war ein Pionier, das gehörte zum Schulalltag dazu. Die Absicht dahinter war, die Kinder im Sinne des sozialistischen Staates zu erziehen.

Jungpioniere in traditioneller Kleidung mit weißem Hemd und blauem Halstuch schwenken Wimpel
Jungpioniere in traditioneller Kleidung: mit weißem Hemd und blauem Halstuch Bildrechte: dpa

Von der Wiege bis zur Bahre: Die sozialistische Erziehung in der DDR begann schon im Kindesalter mit der Aufnahme in die Gemeinschaft der blauen Halstuchträger. Die Pionierorganisation organisierte vielfältig Aktivitäten für die Kinder und stand im Zeichen der sozialistischen Erziehung. Zu diesem Zweck wurden diverse Rituale wie Appelle und Pioniernachmittage geschaffen, aber auch ein vielfältiges Freizeitangebot, das vom Volkstanz über Modellbau, Altstoffsammlungen und Sport bis zu Theaterzirkeln und Musikschulen reichte.

Katharina (7 Jahre): Jungpioniere vor der Schule (1989)
Kinderzeichnung 1989: Jungpioniere vor der Schule. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach der Einschulung wurden die Kinder in der Regel geschlossen in die Pionierorganisation aufgenommen. Von der 1. bis zur 3. Klasse waren sie Jungpioniere und trugen ein blaues Halstuch. Von der 4. bis zur 7. Klasse waren sie Thälmannpioniere und trugen ein rotes Halstuch. Zur Pionierkleidung gehörten neben dem Halstuch eine weiße Bluse und ein blaues Käppi. Diese Uniform war aber nur zu besonderen Anlässen Pflicht. Bei einfachen Pioniernachmittagen in der Schule genügte das Tragen des Halstuchs.

Durch die zentralistische Struktur von der obersten Leitung bis in die Gruppenräte in den Klassen machte die Organisation die Kinder schon früh mit den Prinzipien der SED vertraut, bot aber auch vielfältige Möglichkeiten, Eigeninitiativen zu erproben.

Der Pionierauftrag

Der Pionierauftrag wurde jedes Jahr vom Zentralrat der FDJ herausgegeben und gab das Thema vor, das die Arbeit der Pioniere in dem Jahr bestimmen sollte. Er wurde am Anfang des Schuljahres in verschiedenen Kinder- und Jugendzeitschriften wie der "Trommel" und der "Frösi" veröffentlicht und in den Schulen ausgehängt.

1953 wurde der erste Pionierauftrag erteilt: "Lernt und kämpft zum Ruhm unseres sozialistischen Vaterlandes". Im darauffolgenden Jahr hieß er: "Vorwärts im Namen Ernst Thälmanns!" Im Rahmen dieses Pionierauftrags wurden die Pioniere beispielsweise dazu aufgefordert, in ihren Schulen "Thälmannecken" einzurichten – Glasvitrinen, in denen die Symbole der Pionierorganisation sowie ein Porträt und der Lebenslauf Ernst Thälmanns aufbewahrt werden sollten.

Lehrer, Pionierleiter oder auch Leiter von Arbeitsgemeinschaften hatten die Aufgabe, diesen Auftrag mit Leben zu füllen und ihn in konkrete Aktivitäten umzusetzen.

Die Pionierrepublik

Im Juli 1952 wurde am Werbellinsee in Brandenburg eine eigene Republik für die Pioniere der DDR von Wilhelm Pieck eröffnet. Einige Jahre später bekam sie seinen Namen verliehen: Pionierrepublik Wilhelm Pieck. Vorbild war das sowjetische Pionierlager "Artek" auf der Krim.

Pionierrepublik am Werbellinsee Das Ferienlager der Superlative

1951 entsteht am Werbellinsee nordöstlich von Berlin ein Ferienlager der Superlative: die Pionierrepublik "Wilhelm Pieck". Vorbild ist das Lager Artek auf der Krim. 18 Millionen Mark kostet der Bau der Kinderstadt.

DDR - Bauarbeiten in der Pionierrepublik  - Wilhelm Pieck
Juli 1951: Bauarbeiten in der "Pionierrepublik Wilhelm Pieck". 50 Kilometer von Berlin wird für viel Geld ein Ferienlager der Superlative gebaut: Das Gelände, eine Autostunde von Berlin entfernt, ist über einen Quadratkilometer groß. Bildrechte: IMAGO
DDR - Bauarbeiten in der Pionierrepublik - Wilhelm Pieck
Innerhalb kurzer Zeit, von 1951 bis 1952, wurde die Einrichtung hochgezogen. 18 Millionen Mark steckte die DDR-Regierung in das Pionierlager. Bildrechte: IMAGO
DDR - Bauarbeiten in der Pionierrepublik - Wilhelm Pieck
Im Sommer 1952 waren die Bauarbeiten beendet - am 16. Juli wurde das Pionierlager durch den damaligen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, eingeweiht - und auch nach ihm benannt. Bildrechte: IMAGO
DDR - Essen im Speisesaal im Pionierlager 1952
In den Anfangsjahren wurden auch viele Kriegswaisen zur Erholung hierher geschickt. Bildrechte: IMAGO
Kubanische Pioniere in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee
Die "Internationalen Sommerlager" waren der Höhepunkt des Jahres - dann kamen ebenfalls "ausgezeichnete" Kinder aus sozialistischen und kommunistischen Ländern ins Lager an den Werbellinsee."Ein einiges Volk wird niemals besiegt werden" steht auf dem Plakat, das ein Kind stolz präsentiert. Bildrechte: IMAGO
Hochleben der Partei in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee
Neben den üblichen Ferienlageraktivitäten wie Lagerfeuer, Geländespielen, Tanzabenden gab es auch Appelle und politischen Unterricht. Bildrechte: IMAGO
DDR - Bauarbeiten in der Pionierrepublik  - Wilhelm Pieck
Juli 1951: Bauarbeiten in der "Pionierrepublik Wilhelm Pieck". 50 Kilometer von Berlin wird für viel Geld ein Ferienlager der Superlative gebaut: Das Gelände, eine Autostunde von Berlin entfernt, ist über einen Quadratkilometer groß. Bildrechte: IMAGO
Kinder beim Morgenappell im Ferienlager Artek auf der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim
Vorbild war das "Allunionslager Artek", das 1925 in der Sowjetunion auf der Krim gegründet worden war. Bildrechte: dpa
DDR - Junge Mädchen in Kanus auf dem See - Pionierlager 1952
Ein sechswöchiger Aufenthalt im Pionierlager Wilhelm Pieck war eine Auszeichnung - hierher durften nur Kinder, die "schulische oder gesellschaftlich herausragende Leistungen" volbracht hatten. Das Lager war nicht nur zu Ferienzeiten belegt, sondern ständig in Betrieb, vormittags mit Schuluntericht, am späteren Tag dann Pioniernachmittagsprogramm. Bildrechte: IMAGO
Egon Krenz (li, GDR/Vorsitzender der FDJ), Erich Honecker (Mitte, GDR/Staatsratsvorsitzender) und Margot Honecker (GDR / Ministerin für Volksbildung) freuen sich über die tänzerische Darbietung der ausländischen Pioniere in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee
Denn das Lager diente nicht allein der Erholung der Kinder - es war auch eine Art Kaderschmiede für den Nachwuchs der DDR. Entsprechend besuchten auch Politiker der ersten Reihe - wie hier, im Sommer 1974 - das Pionierlager: ganz links im Bild Egon Krenz, FDJ-Chef, Staatschef Erich Honecker und seine Frau Margot, die Bildungsministerin der DDR. Bildrechte: IMAGO
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Das etwa einen Quadratkilometer große Gelände bot jeweils 1.000 Kindern gleichzeitig Platz, die hier sechs Wochen lang spielen, lernen und vor allem politisch erzogen werden sollten. So wurden beispielsweise Delegationen aus der Pionierrepublik zu Parteitagen der SED geschickt. Auf dem Gelände gab es eine Schule, Sportstätten, Cafés, ein Kino, ein Theater und Einkaufsläden.

In die Pionierrepublik durften Kinder einziehen, die sich durch gute Leistungen in der Schule ausgezeichnet hatten, aber auch durch gutes Betragen und außerschulisches politisches Engagement auffielen. Ausgewählt wurden sie vom "Freundschaftsrat" ihrer Schule. Jeden Sommer fanden in der Pionierrepublik internationale Sommerlager statt, zu denen auch Kinder aus dem westlichen Ausland eingeladen waren.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "Aktuell": TV | 12.06.2018 | 21:45 Uhr